Simulation der Realität

Hinter dem Fahrersitz ist das "Gehirn" des Fahrsimulators angebracht
© Foto: Serge Voigt

Um Lkw-Fahren zu üben, braucht es keinen Lastwagen mehr. Unsere Testfahrt im neuesten Lkw-Simulator zeigt, wie nah die Programmierung an der Realität ist.


Datum:
02.08.2018
Autor:
Jan Burgdorf

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Puh, das war knapp! - Wie aus dem Nichts läuft plötzlich ein Kind hinter einem am Fahrbahnrand parkenden Pkw direkt vor den Lastwagen. Nur meine beherzte Vollbremsung konnte Schlimmstes verhindern!

Ein Albtraum für jeden Lkwund Pkw-Fahrer. Gott sei Dank nicht real, sondern Teil des Programms des Lkw-Fahrsimulators, den der Münchener Verlag Heinrich Vogel anbietet, in dem auch der TRUCKER erscheint.

Doch meine feuchten Hände und der erhöhte Pulsschlag nach dem Manöver zeigen, wie realistisch die Programmierung ist. Hinter den drei großen, angewinkelt aufgestellten Flatscreens fühlt man sich wie in einem echten Laster-Fahrerhaus. Dazu trägt auch das unter dem Fahrstand angebrachte D-Box-Bewegungssystem bei. Es sorgt dafür, dass am luftgefederten Sitz entsprechende Vibrationen ankommen, wenn der Truck beispielsweise eine Bodenwelle überfährt oder die Reifen aus Versehen den Bordstein touchieren. Ähnliches beim Lenkrad, das aus dem Mercedes-Benz Actros MP3 stammt und mit den gleichen Kräften bewegt werden will, die auch in einem echten Lastwagen zu überwinden sind.

Zeit, meine Testfahrt der etwas anderen Art fortzusetzen. Rechts vom Lenkrad sitzt das Ventil für die Feststellbremse, das genau wie der Drehschalter des automatisierten Getriebes vom MAN TGX stammt. Anders als die im Display digital dargestellten Rundinstrumente für Tacho, Drehzahlmesser , Kraftstoffvorrat und Kühlwassertemperatur, die zusammen mit dem Bordcomputer eindeutig denen des Iveco Stralis nachempfunden sind.

DIE PROGRAMMIERER LEGTEN VIEL WERT AUF DETAILS

Nicht genau einordnen lässt sich das Motorengeräusch, es handelt sich vom Klang her aber eher um einen braven Reihensechszylinder als einen bulligen V8.

Auf jeden Fall ist die Geräuschkulisse passend auf den Tourenzähler abgestimmt und auch Drehzahlniveau und Schaltpunkte sind wie beim Vorbild - die Programmierer legten eben viel Wert aufs Detail. Das lässt sich auch an dem gerade überholenden Pkw ablesen, in dessen Heckfenster tatsächlich ein "Abi-2016-Aufkleber" prangt.

Vom einfachen Stadtszenario mit wenigen Verkehrsteilnehmern und humanen Kurven lässt sich der Schwierigkeitsgrad nach Belieben steigern. Dann muss der Fahrer auf niedrige Brücken achten, enge Kreisverkehre meistern, Radfahrer bei Gegenverkehr mit dem gebotenen Sicherheitsabstand überholen oder auf Gefahrensituationen, wie eingangs beschrieben, reagieren. Oder es gilt im Stadtverkehr 90-Grad-Abbiegungen samt kreuzenden Fußgängern und Radfahrern zu schaffen.

Das bildet das höchste Level ab, das wahrscheinlich eher selten zur Anwendung kommen wird. Denn der Lkw-Simulator wurde in erster Linie für Fahrschulen entwickelt, damit sich Führerschein-Aspiranten gefahrlos mit den Abmessungen eines Solo-Lkw vertraut machen können. Später lassen sich dann nach Belieben Drehschemel- oder Zentralachs-Trailer anhängen oder man steigt auf einen gängigen Sattelzug um. Diese Wahlmöglichkeiten bieten für den Fahrschüler Vorteile, denn im realen Leben lernt man meist nur den Umgang mit der Fahrschulkombination.

Auch für die beschleunigte Grundqualifikation wurden spezielle Module entwickelt. Hier erlaubt der Gesetzgeber bereits die Durchführung einiger praktischer Fahrstunden auf einem Simulator.

Egal welche Fahrzeuggattung man wählt, die physikalischen Eigenheiten der Zugkombinationen stimmen stets genau. So lernt man, dass mit einem Drehschemel-Anhänger vor Kurven viel weniger ausgeholt werden muss als bei einem Sattelauflieger. Und dass das Schwierigkeitslevel beim Rückwärtsfahren genau anders herum ausfällt. Dafür bietet der Simulator eine Rangierfunktion, bei der sich auf einer großen Freifläche die in der Prüfung geforderten Manöver üben lassen.

ÜBEN OHNE VERSCHLEISS UND KRAFTSTOFF-VERBRAUCH

Für die Fahrschule liegen die Vorteile auf der Hand. Verschleiß, Kraftstoffkosten und das Risiko von Schäden liegen im Simulator bei Null. Zudem ist das Gerät mit einem Anschaffungspreis von 52.000 Euro ungleich günstiger als ein zusätzlicher Fahrschul-Lkw.

Übrigens könnte der Vogel- Simulator auch bald für Transportunternehmen interessant werden. Aktuell wird in München nämlich an speziellen Modulen für die Weiterbildung gearbeitet. Mit denen könnten dann selbst erfahrene Hasen im Rahmen ihrer Weiterbildungsmodule trainieren.

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TRUCKER – Das Magazin für Lkw-Fahrer im Nah- und Fernverkehr: Der TRUCKER ist eine der führenden Zeitschriften für Lkw-Fahrer und Truck-Fans im deutschsprachigen Raum. Die umfangreichen TRUCKER Testberichte zu LKWs und Nutzfahrzeugen gehören zu den Schwerpunkten der Zeitschrift und gelten als Referenz in der Branche. Der TRUCKER berichtet monatlich über die Themen Test und Technik, Show-Truck, Arbeitsrecht, Service, Unterhaltung.