Supertest Renault T 460: Im zweiten Leben

Hart am Wind: Dem Testwagen fehlten spritsparende Seitenflaps und Rahmenverkleidungen
© Foto: Karel Sefrna

Dieser Renault T 460 hat bereits zwei Jahre und 255.600 Kilometer hinter sich. Ob der Franzose noch fit für ein zweites Leben ist, musste er auf der Testrunde beweisen.


Datum:
07.11.2017
Autor:
Jan Burgdorf

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Normalerweise haben die Zugmaschinen, die uns die Lkw-Produzenten für den Supertest zur Verfügung stellen, nur wenige Monate auf dem Buckel und kaum mehr als 40.000 Kilometer hinter sich. Ein gutes Abschneiden beim Test begünstigt schließlich die Verkaufszahlen, weshalb die Hersteller ihren neuesten Entwicklungsstand ins Rennen schicken.

Anders bei diesem weißen Renault T 460: Seine Erstzulassung liegt bereits über zwei Jahre zurück und der Kilometerzähler zeugt mit der Zahl 255.600 von einem bewegten Vorleben. Ein typischer Leasingrückläufer eben, wie ihn jeder Hersteller nach Ablauf des ersten Lasterlebens zurück auf den Hof bekommt. Aber ist der Franzose noch fit genug für ein zweites Leben als Gebrauchter und eine Empfehlung? Diese Frage soll die Testfahrt klären.

DER TESTWAGEN ERHIELT EINE KOMPLETTE AUFBEREITUNG

Rein optisch ist vom Vorleben nichts zu erkennen. Nur Renault-Spezialisten werden an den fehlenden Gummilippen unter dem Stoßfänger erkennen, dass es sich hier nicht um die aktuellste Ausgabe des T handelt. Die Lippen führten die Franzosen im vergangenen Jahr ein, um Windverwirbelungen am Unterboden zu vermeiden.

Ansonsten leisteten die Aufbereiter in der Renault-Gebrauchtwagenzentrale ganze Arbeit, selbst den Reifen spendierten sie ein Glanzmittel, weshalb der Testwagen fast wie bei der Erstauslieferung erstrahlt. Zusätzlich verleihen die polierten Aluräder, die sich der Vorbesitzer gönnte, eine elegante Note. Gespart hat er sich leider die im Fernverkehr wichtigen aerodynamischen Helfer Seitenflaps und Rahmenverkleidungen - der Dachspoiler muss genügen, um die Wogen zwischen Zugmaschine und Auflieger zu glätten. Nicht gerade ideale Voraussetzungen für Verbrauchsbestwerte ...

Im Innenraum schlägt dem überzeugten Nichtraucher zuallererst eine kräftige Nikotinfahne entgegen, die sich während zweier Jahre in Kunststoffen und Polstern festgesetzt hat. Ansonsten hat das Interieur den Alltag gut verkraftet. Lediglich kleine Kratzer im Armaturenbrett und leichte Aufrauungen im Bezugsstoff der Matratze zeugen vom Vorleben des Renault.

Egal ob man sich für einen neuen oder gebrauchten T entscheidet, ungeübte Renault-Fahrer werden zunächst ein intensiveres Studium der Bedienungsanleitung benötigen. Denn, wie so oft bei französischen Fahrzeugen, gönnt sich auch der T gewisse Extravaganzen und vieles funktioniert bewusst anders als beim Wettbewerb.

OPTIDRIVER-WÄHLHEBEL MIT EIGENWILLIGER BEDIENUNG

Ein Beispiel ist der rechte Lenkstockhebel, über den das Optidriver-Getriebe bedient wird. Bei allen anderen Fabrikaten muss dieser bei manuellen Eingriffen nach oben gezogen (hoch-) oder nach unten gedrückt (runterschalten) werden. Wer beim Renault so verfährt, wechselt zwischen manuellem und Automatikmodus. Stattdessen will der Hebel in der Waagerechten bewegt werden, um die Gangstufen zu variieren. Einen Bedienvorteil können wir daraus nicht erkennen, nur eine frankophile Andersartigkeit ...

Noch länger dauert es aber, bis man sich an die zahlreichen Bedienwalzen und -knöpfe am Lenkrad gewöhnt hat. Einfach den Tempomat setzen? Im Franzosen für Neulinge eine kaum zu bewältigende Aufgabe. Denn dafür muss man wissen, dass sich auch an der Lenkradunterseite Bedienenelemente verstecken.

Ungewöhnlich erscheint die Idee, dass man die Schaltergruppen im Armaturenbrett einfach und ohne Werkzeug nach eigenem Geschmack anordnen kann. Wozu genau das gut sein soll, erschloss sich dem Tester nicht.

Das 10,8 Liter große Common-Rail-Aggregat ins Leben zu rufen, funktioniert dagegen ganz konventionell per Dreh mit dem Zündschlüssel. Der von Volvo zugelieferte Motor tut seine Arbeit zwar etwas vernehmlicher kund als in den schwedischen Modellen, die Geräuschkulisse geht aber insgesamt noch in Ordnung.

Und schon auf den ersten Metern mit unserem 24 Tonnen schweren Krone-Testtrailer auf der Sattelplatte stellt der DTI-11 klar, dass er auf den bisherigen 255.000 Kilometern keinesfalls müde geworden ist. Der Reihensechszylinder hängt spontan am Gas und dreht munter hoch, was aber die Optidriver-Schaltung im Automatikmodus selbstredend unterbindet. Schließlich weiß sie, dass dem Motor auch niedrige Drehzahlen liegen und er ab 1000 Touren seine vollen 2200 Newtonmeter Drehmoment in den Ring wirft. Vibrationen sind ihm selbst im Drehzahlkeller fremd, weshalb das Getriebe an Steigungen folgerichtig möglichst lange in der zwölften Fahrstufe verharrt.

Einen gewohnt souveränen Eindruck hinterlässt auch das Optidriver-Getriebe, schließlich verbirgt sich hinter der Bezeichnung das I-Shift-Getriebe von Volvo und damit eine der derzeit besten Schaltautomatiken am Markt. Lediglich die Getriebeabstimmung durften die Franzosen selbst übernehmen, was ihnen keinesfalls schlechter gelang als den schwedischen Kollegen.

Gravierend ist allerdings das Fehlen eines den Verbrauch senkenden GPS-Tempomaten. Den nahm Renault nämlich erst im vergangenen Jahr unter dem Namen Optivision ins Programm, übrigens als Letzter der sieben großen Hersteller. Nachrüstbar ist das System laut Renault bei älteren T leider nicht - oder nur mit erheblichem Kostenaufwand.

Immerhin bemüht sich die Softcruise-Funktion des normalen Tempomaten redlich um lange Eco-Roll-Phasen und wir versuchten, das GPS-System auf der uns bekannten Teststrecke weitgehend zu imitieren. Für neue Rekorde reichte es trotzdem nicht - mit 27,26 l/100 km sowie einem Schnitt von 79,29 km/h reiht sich der T im oberen Durchschnitt ein. Mit Sicherheit ein Tribut an das fehlende Aerodynamik-Paket. Wer sich für einen gebrauchen T interessiert, sollte daher unbedingt ein Exemplar mit kompletter Verspoilerung auswählen.

Ansonsten ist der Renault, sofern so perfekt aufbereitet wie das Testfahrzeug, auch im zweiten Leben klar eine empfehlenswerte Option, beispielsweise wenn beim Schritt in die Selbstständigkeit die junge Firmenkasse knapp ist.

SPEZIELLES GÜTESIEGEL FÜR DIE RENAULT-GEBRAUCHTWAGEN

Übrigens versucht Renault einiges, um seine Gebrauchten an den Unternehmer zu bringen. Unter dem "Selection"-Label gewährt der Hersteller eine einjährige Garantie auf den Antriebsstrang über 120.000 Kilometer. Zudem wird der T auf den neuesten Softwarestand gebracht sowie nach einem 200-Punkte-Plan geprüft und aufbereitet. Außerdem garantieren die Franzosen für eine lückenlose Fahrzeughistorie mit Herstellerdokumentation, schnüren passende Leasingpakete und gewähren eine sogenannte Gap-Versicherung, die im Falle eines Totalschadens die Lücke zwischen Leasing-Ablösung und Wiederbeschaffungswert schließt.

Bleibt noch die Frage, was man für den Testwagen konkret zu berappen hätte. Bei 48.000 Euro könnte man anfangen zu sprechen, heißt es von Renault-Seite. Sicher ist da ein gewisser Verhandlungsspielraum eingerechnet.

IM TEST: RENAULT T 460

Modell: Renault T 460 Protect Sleeper Cab
Hubraum: 10.800 cm3
PS (kW): 460 (338) bei 1800/min
Drehmoment (Nm): 2200 bei 1000-1400/min
Leergewicht: 7370 kg (400 l Diesel, 65 l AdBlue)

DER MOTOR IM KURZURTEIL

kultivierter Reihensechszylinder, auch bei niedrigen Drehzahlen gute Leistungsabgabe ohne Vibrationsentwicklung, niedriges Motorgewicht vergleichsweise hohe Geräuschkulisse, eine Drehmomenterhöhung im zwölften Gang könnte viele Schaltungen sparen

KABINENWERTUNG

Der Testwagen gehörte in seinem ersten Leben einem großen Logistikunternehmen. Für diesen Kundenstamm ist der Griff zur kleineren Sleeper-Cab-Kabine typisch. Im Vergleich zum größeren High Sleeper montiert Renault hier die Kabine einfach tiefer, der Dachbereich bleibt dagegen unangetastet. Deshalb sind auch die oberen Staufächer in beiden Kabinen in ihrer Größe identisch. Dafür entsteht im Sleeper Cab aber ein 20 Zentimeter hoher Motortunnel, weshalb sich die volle Stehhöhe von 2,13 Metern nur im Bereich vor dem Beifahrersitz nutzen lässt. Die lichte Höhe auf dem Motortunnel von immerhin 1,93 m sollte aber für die meisten Fahrer ebenfalls genügen.

Bauartbedingt kleiner fällt der Kühlschrank unter dem Bett aus. Eher weich und damit nur bedingt komfortabel präsentiert sich dessen Matratze. Auf das obere würden wir zugunsten des Raumgefühls bestenfalls gleich verzichten. Ist die zweite Schlafmöglichkeit allerdings in dem ausgewählten Gebrauchtwagen vorhanden, kann der Fahrer diese dank ankippbarem Vorderteil als sichere und riesige Ablage fürs Reisegepäck nutzen.

SERVICE UND WARTUNG

Wie bei jedem TRUCKER-Supertest begutachtete der TÜV SÜD auch den Renault T 460 Sleeper Cab in Sachen Service und Wartung. Der Franzose bietet ein Wartungsintervall von 100.000 Kilometern, die heute allenfalls noch als durchschnittlich durchgehen. Allerdings genügen dem T auch Standardöle, was die Kosten für einen Schmierstoffwechsel senken sollte. Zudem gefällt der Renault mit einem wartungsfreien Fahrgestell, einem umfangreichen Diagnosesystem sowie einem, wenn auch kompliziert bedienbaren, Bordcomputer. Auch ein Peilstab für die Kontrolle des Motorölstands findet sich hinter der Frontklappe. Den Waschwasserbehälter platzierten die Ingenieure crash- und frostgefährdet im direkten Spritzbereich des Vorderrads, dafür lässt er sich aber leicht auffüllen. Der Tausch der vorderen Leuchtmittel ist ohne Werkzeug möglich, die in LED-Technik ausgeführten Tagfahr- und Rückleuchten sollten ein Lasterleben lang durchhalten.

FAZIT Gebraucht kann sich lohnen

Wer bei der Anschaffung sparen will oder sehr schnell einen neuen Lkw benötigt, für den ist der gebrauchte Renault eine Alternative. Die ersten zwei Jahre scheint er problemlos überstanden zu haben und dank der Garantien des Selection-Labels fährt man auch mit dem Gebrauchten in der ersten Zeit sorgenfrei. Schade nur, dass für die älteren Renaults kein spritsparender GPS-Tempomat erhältlich ist.

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