Tatra T815: Abschiedstour des Tschechen

Auf Abschiedstour: Der T815 ist eines der letzten luftgekühlten V8-Modelle von Tatra
© Foto: Gregor Soller

Im Frühsommer gab der luftgekühlte Tatra-V8 eins seiner letzten Europa-Konzerte: "Live on Air" sozusagen.


Datum:
10.10.2013
Autor:
Gregor Soller

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Nachdem Tatra in Westeuropa verstärkt auf die Phoenix-Baureihe setzt, von der aktuell gerade die ersten Euro-6-Modelle entstehen, nutzte TRUCKER die Chance, eines der letzten luftgekühlten V8-Modelle durch süddeutsches Gelände zu treiben.

Schon der erste Eindruck macht klar, dass der T815-732R90 50 325 8x8.1R/39A, wie die Tschechen ihren Spezialisten offiziell nennen, für Extremes gedacht ist: Außer einer Abkantbank gab es für die Kabine keine Werkzeuge.

Trotz 390 Millimeter Bodenfreiheit duckt er sich auf knapp drei Meter Gesamthöhe. Der luftgekühlte V8-Motor samt Getriebe und Abgastrakt sitzt - wie bei Extremisten dieser Art üblich - hinter der Hütte, die über zwei Trittstufen erklommen wird. Innen bemühen sich Teppichstoffe in den Türen und in Blau gehaltene Sitze, das militärisch-metallische Ambiente etwas ziviler wirken zu lassen.

Zur Sicherheit ist die kantige Kippkabine beidseitig verriegelt. Wer sie ankippen möchte, muss dafür einmal ums Auto gehen. Dafür thronen die Riegel samt Pumpeinrichtung weit oben. Dort besteht wenig Gefahr, zu verschmutzen.

Die beim Testfahrzeug nicht gepanzerte Tür muss trotzdem mit roher Gewalt ins Schloss gedroschen werden. Dann der Start: Überraschenderweise fällt der kalte V8 sofort in ein angenehm leises und dezentes Leerlaufbrummeln. Das hätte man angesichts der kaum gedämmten Kabine nicht erwartet. Da dieser T815 für australische Minen gedacht ist, überträgt er seine Kraft via Allison-4500-Sechsgang-Wandlerautomat an alle vier Achsen. Von den 325 kW respektive 442 PS scheint aber erst mal gefühlt die Hälfte in Ölbad und Zahnrädern des Wandlers zu verpuffen.

SCHWERES GELÄNDE IST SEIN NATÜRLICHER LEBENSRAUM

Natürlich "glaubt" die Automatik dem Motor nicht, dass seine 2100 Newtonmeter Drehmoment ab 1100 Umdrehungen bereitstehen, sodass sie den V8 erst mal gut 1500 Touren drehen lässt, bevor sie hochschaltet - ein Allison-typisches Phänomen. Dann schwillt der Geräuschpegel in der Blechhütte auch massiv an. Auf ebener Straße beklagen dann die grobstolligen Geländereifen der Dimensionen 16.00 R 20 und 24 R 21 laut jammernd, dass dies nicht ihr Einsatzgebiet sei.

Also ab ins Gelände. Die vergleichsweise schwergängige und indirekte Lenkung hilft, das wegen der Pneus eher schwammige Fahrgefühl etwas auszugleichen. Aber schon an der ersten engen Kehre muss man richtig wild kurbeln, um das Tier rechtzeitig um die Ecke zu kriegen. 24 Meter gibt Tatra als Wendekreis an. Zum eher trägen Fahrverhalten passt die komfortable Federung, die dafür sorgt, dass die Halbachsen fast alle Unebenheiten geschmeidig glattbügeln.

Jetzt, in schwerem Gelände, ist der Tscheche ganz in seinem Element: Mit 50 Tonnen Gesamtgewicht erklimmt er 40-Prozenter. Dank der abgeschrägten Front und der hohen Bodenfreiheit liegt der Böschungswinkel vorne noch viel höher. Dann legt man die Tatra-eigene Untersetzung ein, die die Gesamtübersetzung von Faktor 0,964 auf 2,048 verkürzt. Im dann folgenden Stich ergibt die drehzahlorientierte Auslegung der Allison-Automatic Sinn, die jetzt Drehzahl und Biss liefert, um die nächste Steigung hochzuklettern.

Auch in tiefen Löchern halten die Halbachsen immer Bodenkontakt und sorgen so für gleichbleibende Traktion. Außerdem halten sie so einen Großteil der Verwindungsarbeit vom Aufbaurahmen fern. Das ist übrigens der Hauptgrund für Larry Gill, den Managing Director von Offroad Trucks Australia, die Tschechen einzusetzen: "Im Bergbau haben wir oft sehr teure Aufbauten. Je weniger die arbeiten und abkönnen müssen, desto besser", erklärt er. Auch extrem schlechten Untergrund bügelt der Tscheche gelassen. Dann ist man froh, dass die Lenkung so indirekt ausgelegt ist und selbst grobe Brocken und Steine relativ unbeeindruckt wegsteckt.

DIE LETZTE ANTRIEBSACHSE IST NATÜRLICH GELENKT!

Bergab schiebt man den Automatikwählhebel auf die Gangstufe zwei und nimmt den Retarder dazu: Damit kriecht der Tscheche langsam talwärts. Dann heißt es kräftig kurbeln, um den fast zehn Meter langen Kasten um die nächste Ecke zu bringen. Geringfügig unterstützt wird die "Wendigkeit" durch die letzte gelenkte (!) Antriebsachse, die zum Rangieren oder für längere Rückwärtsfahrten gesperrt werden kann. Anschließend anhalten, Untersetzung herausnehmen, und der T815 muss wieder auf die Straße. Dort und auf hoher See muss er noch einige Kilometer abspulen, bevor er "Down Under" bereit für die tägliche Arbeit ist, die er wahrscheinlich sanfter erledigt, als es den Anschein hat!

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