Glücksspiel: Spiel oder Sucht?

Spielen ist die Liebslingsbschäftigung der Deutschen
© Foto: Kai Remmers/Picture Alliance

Das Glück ein wenig herauszufordern, liegt den meisten Menschen im Blut. Doch was ist, wenn Spielen zum Zwang wird? Neue Erhebungen zeigen, wie viel Geld dafür flöten geht. Wer einmal im Teufelskreis steckt, braucht Hilfe.


Datum:
09.07.2016
Autor:
Sabine Köstler

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Etwa 1300 Mitglieder hat das Internet-"Forum Glücksspielsucht"*. Auf dieser unabhängigen Plattform tauschen sich Betroffene und Experten in fast 9000 Beiträgen über ihre Probleme rund um das Glücksspiel aus.

Erschreckend, was man da liest. Verzweifelte Familienväter schreiben, dass sie an keinem Spielcasino vorbeigehen können, obwohl ihre Ehe zerbrochen ist und sie außer den Automaten keine Freunde mehr haben. Manche beichten den Gedanken an Selbstmord: "Ich bin pleite, ich weiß nicht mehr weiter. Ich kann meine Miete nicht mehr bezahlen, ich esse seit einigen Tagen nichts mehr." Ein Zocker mit 65.000 Euro Schulden träumt da seinen Traum vom eigenen Haus: "Ich bin seit einer Woche spielfrei! Und in drei Jahren und neun Monaten schuldenfrei!" Eine Woche später findet er sich erneut vor dem Automaten.

Es gibt auch Positives: "Trockene" Spieler, die ihre Sucht seit Jahren kontrollieren können, stehen den Hilfesuchenden zur Seite. Jeder soll und darf sich hier den Frust und die Verzweiflung von der Seele schreiben. Immerhin: Wer schon einmal postet, beschäftigt sich mit seinem Tun. Ein gutes Zeichen.

ES KANN KIPPEN. DANN WIRD DAS SPIELEN ZUM ZWANG

Im März veröffentlichte die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung BZgA den aktuellen Survey 2015 "Glücksspielverhalten und Glücksspielsucht". Insgesamt ist die Entwicklung rückläufig. Weniger Menschen setzen auf Lotterien. Mehr aber versuchen, den Eurojackpot zu knacken und mehr spielen Keno. Weiterhin "Anlass zur Sorge" gibt das Glücksspielverhalten junger Männer, betont Peter Lang, Abteilungsleiter in der BZgA. So stieg die Teilnahme an illegalen Sportwetten unter den 18- bis 20-Jährigen von 2013 bis 2015 deutlich von 5,7 auf 12,8 Prozent an.

Spielen ist "in". Die Umsätze wachsen stetig und rasant: 2014 wurden nach Angaben der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen DHS in Deutschland 34,7 Milliarden Euro mit Glücksspielen umgesetzt. Dem Staat brachte das 3,5 Milliarden Euro Steuereinnahmen, fast zehn Prozent mehr als 2013.

Wie wurde aus dem Spiel eine Sucht? Die Betroffenen, die sich im Spielerforum zusammengefunden haben, haben irgendwann eine Schwelle überschritten. Sie haben die Kontrolle über ihr Verhalten verloren, sie stehen unter dem Zwang, einen bestimmten Zustand immer wieder herzustellen - sei es körperlich oder seelisch. Das Gehirn setzt dabei quasi aus. In der Fachwelt unterscheidet man zwischen substanzbezogenen Abhängigkeiten (Alkohol, Nikotin, andere Drogen) und verhaltensbezogenen Abhängigkeiten wie Spielsucht, Kaufsucht oder auch Sexsucht.

Eine Abhängigkeit entwickelt sich immer in mehreren Phasen. Zunächst wird aus sozialen Zwecken konsumiert, mit anfänglichen Glücks- bzw. Erfolgserlebnissen. Man gewinnt und das macht Spaß! Je schlechter es im Leben läuft, desto öfter möchte der Betroffene dieses bekannte Glücksgefühl erleben. Die Dosis wird gesteigert. Irgendwann ist die Häufigkeit nach Fachmeinung "riskant". Und entwickelt sich weiter zum "schädlichen" Konsum oder Missbrauch. Die letzte und schlimmste Phase ist die pathologische (krankhafte) Abhängigkeit. Das Leben des Betroffenen dreht sich dann nur noch um die Sucht. Entzugserscheinungen erschweren es, zu widerstehen. Der Drang, den körperlichen und/oder seelischen "Kater" zu bekämpfen, ist übermächtig.

DER SCHULDENBERG WÄCHST, FAMILIEN ZERBRECHEN

Wer suchtkrank ist, kann ganz normale Alltagsbelastungen nicht mehr bewältigen. Stress, schlechte Stimmung im Job oder in der Familie, ein Brief von der Bank - alle sind Gründe, um wieder in die Sucht zu flüchten. Zum Beispiel in einer Spielhalle. Abgedunkelte Atmosphäre, bunte Geräte, leuchtende, blinkende Symbole, das Klimpern von Münzen; in dieser geschützten Zone kann man seine Probleme und die Zeit vergessen. Ist beflügelt - oder wie besessen - von der Hoffnung, dass es einmal richtig klingelt, dass es diesmal klappt.

Eine trügerische Hoffnung. Ein Spielautomat hat zwar eine Programmierung, die Gewinne erlaubt: Pro Stunde kann man daran maximal 500 Euro gewinnen, so lautet die Spielverordnung des Bundes. Oder man verliert. Und zwar bis zu 80 Euro die Stunde, so die Regelung. In zwei, drei Stunden ist ein Hunderter leicht verspielt. Und auch der letzte Fünfer wird noch in den Automaten gesteckt - er könnte ja das ersehnte Glück bringen. Im Schnitt schluckt ein Gerät 10,89 Euro pro Stunde, informiert der Dachverband der Deutschen Automatenwirtschaft.

In Deutschland stehen laut dem gerade veröffentlichten Jahrbuch 2016 der DHS 269.000 gewerbliche Automaten in Spielhallen, Imbissbuden und Gaststätten. Rund 5000 mittelständische Firmen in den Bereichen Industrie, Großhandel und Automatenaufstellung verdienen ihr Geld damit. Und es bleibt einiges hängen: Mit Geldspielautomaten wurden im Jahr 2014 rund 20,5 Milliarden Euro Umsatz erzielt, so die DHS.

SPIELEN? JA, ABER OHNE SEIN GLÜCK AUFS SPIEL ZU SETZEN

Auch kein Autohof wird mehr (um-)gebaut ohne angeschlossene Spielstätte. "Entertainment vom Feinsten", "wertvolle Freizeit spielerisch gestalten", "Chill-Out-Zone" oder "Pausen-Oase", so die Werbung dafür. In den modernen Centern soll man entspannen, von Gefahr keine Spur. Auf ihren Websites jedoch informieren die Betreiber der Wohlfühltempel über Sucht.

Klar ist: Wer zu Unterhaltungszwecken immer mal spielt oder während der EM wettet, hat mit einem pathologischen Zocker nichts gemein. Spielen macht Spaß, so lange man dem Grundsatz folgt, der für viele Situationen im Leben gilt: Maß halten und die Kontrolle über das eigene Tun bewahren. Sollten Sie sich unsicher sein oder als Angehöriger Sorgen machen, finden Sie Informationen zu Hilfsangeboten im Kasten unten.

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