Impotenz: Wenn nichts mehr geht

Erektionsstörungen sind heutzutage gut behandelbar
© Foto: Picture Alliance/Arco Images GmbH

Jeder fünfte Mann kennt das: Es klappt nicht (mehr) im Bett. Bei Potenzproblemen suchen viele Betroffene Hilfe im Internet, doch das kann gefährlich sein.


Datum:
24.02.2017
Autor:
Sabine Köstler

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Kann ja mal passieren ..." - Nur selten geben Männer das zu. Eine möglichst unerschöpfliche Potenz ist Synonym für Männlichkeit. Von klein an lernen Männer, dass Beschaffenheit und Funktionstüchtigkeit ihres Penis Ausdruck von Kraft und Stärke sind. Dazu kommt die blühende Pornoindustrie. Auf allen Kanälen wird ein Bild vermittelt, das die Messlatte für den Einzelnen hoch steckt.

Die Realität sieht anders aus. Die repräsentative Studie "Cologne Male Survey" (2000, Uniklinik Köln) ergab, dass jeder fünfte Mann Erektionsprobleme kennt. Die Dissertation von Claudia Rönnebeck aus 2012 bestätigte dies: Unter 2500 befragten Männern lag die Quote bei 40,1 Prozent (davon 30 bis 39 Jahre alt: 10,1 %, 40 bis 49 Jahre: 19,5 %, 50 bis 59 Jahre: 39,1 %).

Manifestieren sich die Erektionsprobleme, wird vom Arzt "erektile Dysfunktion" (ED, früher Impotenz genannt) diagnostiziert. Das bedeutet: Mindestens sechs Monate lang schlagen ca. 70 Prozent der Versuche eines befriedigenden Geschlechtsverkehrs fehl.

RIESENGROSSES INTERESSE AM THEMA IMPOTENZ

Die Zahl der Männer, die über ihr Problem nicht sprechen, dürfte hoch sein. Was nicht nur ein Gesundheitsproblem ist, sondern auch dazu führt, dass ungehemmt Schindluder mit ihrer Not getrieben wird. Mit hoher krimineller Energie buhlt man besonders via Internet um ihr bestes Stück: das Portemonnaie.

Tatsache ist: Eine gesunde Sexualität ist wichtig, jede Partnerschaft profitiert von einem erfüllten Liebesleben und jeder Mensch braucht intime Momente. Liegt eine anhaltende Potenzstörung vor, ist ein Arztbesuch unumgänglich. Nicht nur zwischenmenschlich, auch gesundheitlich steht eine Menge auf dem Spiel. Die Ursachen einer erektilen Dysfunktion sind vielfältig und nur der Arzt kennt die passende Therapie: von Paarberatung über Viagra oder Penispumpe (zur Steigerung des Blutflusses) bis zur OP.

FEHLENDE EREKTION EIN VORBOTE VON HERZINFARKT?

Eine Erektionsstörung kann der Vorbote von Schlimmerem sein, das ist vielen nicht bewusst. Die häufigste Ursache von Impotenz ist eine Verkalkung der Blutgefäße. Die Gefäße im Penis sind viel feiner als die des Herzens und so fungiert er wie eine Art Seismograph: Ist der Schwellkörper unzureichend durchblutet, kann das ein Hinweis für Herz- und Gefäßerkrankungen sein und es könnte ein Schlaganfall oder ein Herzinfarkt drohen. Man geht davon aus, dass erste Probleme bis zu einem halben Jahr vor einem Infarkt auftreten können.

Der Urologe misst den Blutfluss im Schwellkörper und erkennt, ob eine Gefäßverkalkung (Arteriosklerose) und eventuell ein erhöhtes Infarktrisiko vorliegen. Risiko-Faktoren für eine Arterienverkalkung wiederum sind Bluthochdruck, starkes Übergewicht, ein hoher Cholesterinspiegel und Nikotinkonsum - leider dürfte dies viele Lkw-Fahrer betreffen.

Eine andere Ursache für ED sind geschädigte Nervenbahnen, etwa durch eine Prostata-Operation oder einen schweren Bandscheibenvorfall. Auch Nebenwirkungen von Medikamenten können die Potenz beeinflussen. Und viele Diabetiker sind betroffen. Bei ihnen lagert sich Zucker an den Blutgefäßen ab und behindert den Fluss.

Klappt es nur gegentlich nicht, kann auch die Psyche schuld sein. Manchmal hemmt Unerfahrenheit die Lust, manchmal hoher Erwartungsdruck, manchmal Stress. Ein Anstieg von Stresshormonen stört die Libido. Auch wenn es sich um "Kopfkino" handelt: Der Arzt ist erste Anlaufadresse.

VIAGRA: VIELE MÄNNER ERLEBEN IHR BLAUES WUNDER

Die inzwischen am häufigsten eingesetzten Medikamente enthalten Wirkstoffe aus der PDE-5-Gruppe wie Sildenafil. 1998 hatte der Pharmariese Pfizer durch einen Zufall entdeckt, dass dieser Wirkstoff der Erektion auf die Sprünge hilft. Er bewirkt eine Entspannung der Muskulatur rund um die feinen Gefäße. So fließt mehr und dauerhaft Blut in den Schwellkörper, um den Penis aufzurichten und erigiert zu halten. Das funktioniert aber nur, wenn der Mann sexuell erregt ist und die Nervenbahnen intakt sind. Die Libido wird nicht gesteigert.

Bis 2013 hielt der Pharmakonzern Pfizer mit dem Medikament "Viagra" das Patent auf Sildenafil. Inzwischen gibt es drei weitere Medikamente mit ähnlichen Wirkstoffen, nämlich Cialis (Wirkstoff Tadalafil), Levitra (Vardenafil) und Spedra (Avanafil). Alle vier gibt es in unterschiedlicher Konzentration und diversen Packungsgrößen. Manche wirken schneller, andere länger. Auch Generika existieren, also Pillen mit dem Original-Wirkstoff, die viel billiger sind (von Hexal oder Ratiopharm) weil die Inhaltsstoffe schon gut erforscht sind.

Alle genannten Medikamente sind ausschließlich auf Rezept erhältlich und apothekenpflichtig, auch online. Die Nebenwirkungen werden zwar als gering beschrieben: Gesichtsrötung, verstopfte Nase, Verdauungsstörungen. Doch lebensgefährliche Wechselwirkungen sind möglich. Nimmt der Patient etwa Medikamente zur Behandlung von Herz-/Kreislauf-Erkrankungen ein, ist die blaue Pille tabu. Die Folgen können tödlich sein: Verwirrtheit, Kreislaufschock, Herzstillstand. Wichtig ist auch die Dosierung zu besprechen. Männer, die sie willkürlich erhöht haben, um die Wirkung zu verstärken (was gar nicht funktioniert), haben das schon mit schmerzhaften Dauererektionen bezahlt.

Leider ist Impotenz immer noch ein Tabuthema und viele Männer fühlen sich alleingelassen mit ihrem Problem. Statt sich einem Arzt anzuvertrauen, befragen sie lieber das anonyme Internet.

VORSICHT: FÄLSCHUNGEN IM INTERNET ERHÄLTLICH

Dank diesem Umstand haben skrupellose Geschäftemacher weltweit leichtes Spiel. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) schätzt den Anteil gefälschter Arzneimittel von nicht autorisierten Online-Händlern auf 50 %. Viagra galt jahrelang als das weltweit meistgefälschte Präparat. Der Verkauf eines Kilos eines PDE-5-Hemmers, so Pfizer, bringt hundertmal mehr als Heroin. Solche Pillen sind falsch dosiert, enthalten statt Wirkstoff Kreide oder Bohnerwachs oder wurden mit unerlaubten und/oder unreinen Substanzen gestreckt. Eine hohe Gesundheitsgefahr! Jahr für Jahr beschlagnahmt der deutsche Zoll Millionen gefälschter oder verbotener Pülverchen, Tabletten oder Kapseln. Auch Privatpersonen, die einen nach deutschem Gesetz unerlaubten Wirkstoff importieren/ bestellen, können belangt werden.

Als illegal erklärte erst kürzlich das rheinland-pfälzische Landesuntersuchungsamt das frei käufliche Mittel "Cobra Power". Es enthält Sildenafil und fällt unter die Rezeptpflicht. Vom selben Kaliber sind "iErect" und "PowerTabs". Ebenfalls auf der roten Liste der Behörden: "Golden Root" und "Man Power". Letzteres enthält Nitrosamine, eine chemische Substanz mit hohem krebserregenden Potenzial.

WIRKUNGSLOSE PÜLVERCHEN VERSPRECHEN ZU VIEL

Um Mittel zur Stärkung der "Manneskraft" ranken sich seit Jahrtausenden Mythen - bis heute. Angebliche Wundermittel deklariert man heutzutage als Nahrungsergänzungsmittel, um das deutsche Arzneimittelgesetz zu umgehen. Klingende Namen, vielversprechende Werbeslogans und angebliche Erfolge von Nutzern ("im Swingerclub der Größte") sind gängig in der Werbung. Auch "Hausmittel" wie Ingwer, Muskatnuss, Austern, Ginseng oder Spargel gelten als luststeigernd. Seriöse Tests und Studien haben bislang keine Wirksamkeit nachgewiesen. Aber es heißt ja: Der Glaube versetzt Berge.

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