Tinnitus: Ich höre was ...

Tinnitus: Rauschen oder Pfeiffen im Ohr
© Foto: Picture Alliance/Christin Klose

... was Du nicht hörst! - In Deutschland leidet jeder zehnte Erwachsene unter einem Tinnitus. Was es mit den Ohrgeräuschen auf sich hat, wie Sie vorbeugen.


Datum:
01.02.2017
Autor:
Sabine Köstler

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Der Feind im Ohr hat viele Gesichter: Manche Betroffenen werden von einem hohen Klingeln, Pfeifen oder Zischen geplagt, andere hören ein dumpfes Rauschen, Klopfen oder Summen. Die Geräusche sind entweder ununterbrochen da oder sie sind synchron mit dem eigenen Pulsschlag zu hören.

Wer solche Geräusche zum ersten Mal bei sich wahrnimmt und einen Arzt aufsucht, erfährt, dass zehn Prozent der Erwachsenen im Land unter einem leichten Tinnitus leiden, ein Prozent sogar unter einer schweren Störung. Wer in seinem Bekanntenkreis fragt, findet immer jemanden, der jemanden mit Tinnitus kennt oder selbst betroffen ist - "Ach so, ja, den habe ich schon seit Jahren!"

Ist Tinnitus eine Plage der Zivilisation? Manche behaupten das. Unser Gehör - bzw. unser Gehirn - wehrt sich sozusagen mit einem Gegenton gegen die unglaubliche Menge und Vielfalt an Schallwellen, die täglich aufgenommen und verarbeitet werden müssen. Was im Laufe eines Tages ans/ins Ohr dringt, lässt sich schlecht verhindern: Schnarchen, Weckerticken, Vogelgezwitscher, Verkehrslärm, Gespräche, Telefonate, Musik, Motoren, Computergepfeife, Fernseher, Hundegebell, Kindergeschrei, ja selbst den Wind in den Bäumen hören wir rauschen, wenn auch unbewusst.

MANCHEN TINNITUS KANN AUCH EIN ANDERER HÖREN

Fest steht: Man unterscheidet zwischen zwei verschiedenen Formen. Um einen objektiven Tinnitus handelt es sich, wenn die Geräusche nachweisbar sind, also medizinisch zu messen sind. Bei diesen Patienten kann der Arzt die Strömungsgeräusche in Blutgefäßen hören - dann nämlich, wenn diese verengt sind. Dahinter könnten auch Herzklappenerkrankungen stecken oder sogar ein bestimmter, gutartiger Tumor im Bereich der Kopfschlagader. Bei anderen Betroffenen zuckt die Muskulatur im Mittelohr - und das ist dann als Klicken im Ohr zu hören und zu messen.

Weitaus mehr sind von einem subjektiven Tinnitus betroffen. Die Misstöne sind hier nur vom Betroffenen selbst zu hören. Dahinter könnte stecken, so berichtet die Organisation "HNO-Ärzte im Netz", dass geschädigte Haarzellen im Ohr oder fehlgeschaltete Nervenbahnen falsche Signale an das Gehirn weitergeben. Oder aber die Infos kommen durch den Hörnerv richtig an, werden aber falsch verarbeitet.

Die Betroffenen leiden nicht immer schwer unter den Geräuschen - hier wird stufenweise unterschieden von Stufe 1 (gut kompensierter Tinnitus, kein Leidensdruck) bis zu Stufe 4 - wenn der Tinnitus zu Isolation im privaten Bereich und zur Berufsunfähigkeit führt.

Denn gegen die Geräusche ist ein Betroffener machtlos. Sie sind Tag und Nacht da, mal lauter, mal leiser, mal nur in Ruhestellung, mal mitten im Stress. Einen solchen nicht zuzuordnenden Ton empfindet das menschliche Gehirn eigentlich als Warnsignal und stuft ihn wie eine ständige Bedrohung ein - ein Erbe aus Urzeiten. Das Opfer eines Tinnitus kommt nie ganz zur Ruhe, über Wochen, mehrere Monate oder sogar jahrelang. Die permanenten Ohrgeräusche werden vielfach als quälend empfunden, manche verzweifeln schier daran. Oft führt das Hörproblem zu Schlafmangel und damit zu Leistungsschwäche, körperlichen und emotionalen Mangelerscheinungen und im schlimmsten Fall zur Kapitulation - das heißt, zum inneren Rückzug.

WOHER KOMMT DER STÄNDIGE STÖRER IM OHR?

Es sind heute verschiedene Ursachen für chronische (subjektive) Ohrgeräusche bekannt. Bei etwa einem Drittel der Betroffenen ist ein Hörsturz vorangegangen: Das bedeutet, dass jemand ganz plötzlich das Hörvermögen verliert, meist auf einem Ohr, teilweise oder komplett, man spricht auch von einem "Ohrinfarkt". Ein solcher Infarkt kann wiederum sehr viele Ursachen haben: Durchblutungsstörungen, eine Ohrentzündung, eine Virusinfektion, einen Schlaganfall, eine Überlastung etwa durch sehr schweres Heben, einen Verschleiß der Wirbelsäule, aber auch emotionale Anspannung, also Stress. Stärker gefährdet für einen Hörsturz sind insbesondere Menschen mit hohem Cholesterinspiegel, mit hohem Blutdruck sowie starke Raucher.

Bei weiteren 30 % der Betroffenen sollen die Geräusche von einer Schädigung der Sinneszellen herrühren, durch Lärm verursacht (zu laute Musikbeschallung bei Jugendlichen) oder durch einen Knall (etwa China-Böller).

Auch Ohrerkrankungen zählen zu den Ursachen: eine Mittel- oder Innenohr-Entzündung oder ein Trommelfelldefekt. Infrage kommen auch ein Verschluss des Gehörgangs durch Ohrenschmalz oder einen Fremdkörper, Fisteln oder eine Verknöcherung im Innenohr.

Weitere Ursachen können ein gutartiger Tumor am Hörnerv sein, (vererbte) Schwerhörigkeit, ein Drehschwindel (Morbus Menière), Medikamenten-Nebenwirkungen, Probleme im Zahn-Kiefer-Bereich oder auch Blockaden und Verspannungen an der oberen Halswirbelsäule - und vieles andere, über Tauchgänge oder Hormonstörungen bis hin zu Alkoholmissbrauch. Also ein sehr weites Feld!

STECKT VIELLEICHT DIE PSYCHE DAHINTER?

Bei einem akut erkrankten Patienten verläuft die Ursachensuche nach dem Ausschluss-Verfahren; zunächst versucht der HNO-Arzt natürlich, organischen Problemen wie den oben genannten auf die Spur zu kommen.

Auch wenn keine körperliche Ursache gefunden werden kann, so ist mit einem Tinnitus nicht zu spaßen. Für die Deutsche Tinnitus-Liga (DTL) ist er in jedem Fall ein Krankheitssymptom. Ein Symptom, so die DTL, "ist ein wichtiger Hinweis darauf, dass im körperlichen und/ oder seelischen Bereich irgendetwas vorhanden ist, was das Befinden beeinträchtigt oder sogar krank macht".

Könnte also die Psyche dahinterstecken? Möglich. Objektiv betrachtet sagen die "HNO-Ärzte im Netz": "Auf welche Weise Stress, Angst, Überforderung oder psychische Erkrankungen zu einem Tinnitus führen, ist wissenschaftlich noch nicht abschließend geklärt." Doch immerhin zeigen Studien, dass rund die Hälfte der Erkrankten mit einem chronischen Tinnitus (länger als drei Monate) in der Vergangenheit oder auch aktuell erheblichen Stress hatten.

WAS KANN MAN GEGEN TINNITUS TUN?

Der Tinnitus wird je nach Ursache behandelt. Körperliche Ursachen werden entsprechend therapiert, manchmal sogar operiert. Gibt es die nicht, verschreiben HNO-Ärzte oft durchblutungsfördernde Medikamente (z.B. Tebonin) - die sind allerdings etwas, von denen die Deutsche Tinnitus-Liga, die ja mit sehr vielen Betroffenen zu tun hat, nicht so viel hält ("eher unwirksam").

Bei chronisch Betroffenen kann man mit sogenannten Rauschgeräten ("Noiser") versuchen die Ohrgeräusche zu übertönen. Man trägt sie wie ein Hörgerät, vor allem nachts. Auch Hypnose wird versucht. Eine Besserung verspricht zudem die "Tinnitus-Retraining-Therapy". Hierbei soll der Patient lernen sich mit den Ohrgeräuschen zu arrangieren, sie zu akzeptieren und als weniger störend zu empfinden und zu einer besseren Lebensqualität zurückzufinden. Die DTL betont, dass ein Tinnitus kein Schicksal ist: Er könne weder Vorbote eines Schlaganfalls sein noch zur Ertaubung führen und es gäbe auch Spontanheilungen. Je nach Ursache verschwindet ein akuter "Teufel im Ohr" sogar sehr häufig in den ersten Tagen wieder. Zwei Drittel der chronisch Betroffenen gewöhnen sich einfach daran.

Patienten wird geraten, für Entspannung zu sorgen. Methoden wie Autogenes Training oder Yoga sind hier hilfreich. Viele Betroffene berichten, dass ihnen bestimmte Entspannungsmusik hilft die Ohrgeräusche zu vergessen. Auch Musiktherapie wird empfohlen. Hier lernt man, Töne und Melodien neu wahrzunehmen.

Eine Vorbeugung im klassischen Sinne gegen Tinnitus gibt es nicht. Man sollte aber immer darauf achten, eine Überforderung des Gehörs - und am besten natürlich des ganzen Menschen - zu vermeiden. Nehmen Sie berufliche Gehörschutz-Vorschriften ernst und verwenden Sie auch privat Schutzstöpsel, wann immer es besonders laut werden könnte. Verzichten Sie auf überlaute Dauerbeschallung mit oder ohne Kopfhörer und schalten Sie immer wieder bewusst den Fernseher oder das Radio aus, um zur Ruhe zu kommen.

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