Assistenzsysteme könnten viele Unfälle verhindern

Gut behütet: Alle diese Assistenzsysteme sind für LKW bereits verfügbar.
© Foto: Continental

Beim Dekra-Symposium ermitteln Experten, dass viele Unfälle vermeidbar wären - mit Assistenzsystemen im LKW.


Datum:
14.12.2012
Autor:
Johannes Reichel

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Besser früher als so spät - das ist das Urteil von Verkehrsexperte Erwin Petersen von der Landesverkehrswacht Niedersachsen im Hinblick auf die gesetzliche Regelung bei den Fahrerassistenzsystemen durch die EU. Ab 2014 wird ESP in der Fahrzeugneuzulassung Pflicht, 2015 der Notbremsassistent, Stufe 1 (ohne Vollbremsfunktion).

Petersen berichtete bei der Dekra-Fachtagung im November, dass die Einbaurate von Fahrerassistenzsystemen (FAS) in den USA höher sei: "Hier geht es Unternehmern nicht primär um die Anschaffungskosten, sondern darum, was ein System in der Praxis bringt." Das sei bei Abstandstempomat (ACC) oder Notbremsassistent (AEBS/ABA) unstrittig. Nach Untersuchungen in den USA hätte ACC die Unfallquoten mit LKW um 20 Prozent reduziert. Dennoch lobte Petersen auch die Hersteller in Europa, die im Sinne einer Selbstverpflichtung schon vor dem gesetzlichen Termin wichtige Sicherheitssysteme einführten, zuletzt etwa Daimler mit der jüngsten Version des Notbremsassistenten, der auf stehende Hindernisse mit einer Vollbremsung reagiert. Volvo würde beim neuen FH mit dem erstmaligen Einsatz eines Notbremsassistenten mit Sensorfusion, also dem Zusammenwirken von Abstands- und Kamerasensor, in Sachen Regelungspräzision noch einen draufsetzen, blickte der ehemalige Wabco-Ingenieur in die nahe Zukunft. Auch die Gepflogenheit, die hohen Entwicklungskosten für FAS in Form von günstigen Paketpreisen nicht direkt an den Kunden weiterzugeben, erwähnte Petersen lobend. Bei MAN etwa würde ein Sicherheitspaket aus ACC und LGS um die 3500 Euro kosten. Wobei Petersen auch mahnte, die Ausstattung mit ESP, etwa bei Anhängern, werde oft vergessen. Kritik übte der Verkehrssicherheitsexperte auch an den "nicht gerade herausfordernden" EU-Vorgaben etwa für Notbrems- oder Spurassistent.

50 PROZENT WENIGER UNFÄLLE MÖGLICH

"Bei einer hundertprozentigen Durchdringung hätten die Systeme bereits auf dem Stand von 2008 33 Prozent aller Verkehrsunfälle mit Sattelzügen und 55 Prozent der Unfälle auf Autobahnen vermeiden können. Mit der Technik von 2013 wären 50 Prozent aller Unfälle und 80 Prozent der Autobahnunfälle vermeidbar." "Wenn die EU ihre Ziele zur Reduzierung der Verkehrstotenzahlen erreichen will, muss mehr passieren", forderte Petersen. Es gehe ja nicht nur um die vielen Toten und Verletzten, sondern in der Folge auch um die enormen volkswirtschaftlichen Schäden, etwa durch Staus.

Hohes Potenzial bescheinigte auch Unfallforscher Thomas Hummel vom Gesamtverband der Versicherungswirtschaft Assistenzsystemen - wobei der Nutzen auch vom Einsatz abhänge. Stets sinnvoll sei der Notbremsassistent, mit dem sich hochgerechnet 50 Prozent aller Auffahrunfälle vermeiden ließen. Vor allem in der Stadt und in Solo-LKW besitze der Abbiegeassistent (bei MAN seit 2008 in der Entwicklung) ein hohes Potenzial: Hochgerechnet aus den tatsächlichen Schadensfällen ohne die so genannten "Alleinunfälle" würden sich 40 Prozent aller Abbiegeunfälle vermeiden lassen. "Unser Ziel war, herauszuarbeiten, mit welchem System sich etwas bewirken lässt - und so dem Spediteur eine Prioritätenliste zu liefern", resümierte der Unfallexperte.

Welcher Effekt sich alleine mit Abstandstempomat und Spurassistent erzielen lässt, darüber verschaffte ein Feldtest im Transportalltag im Rahmen des Eurofot-Projekts unter Beteiligung von MAN Klarheit. 69 Fahrer von 20 Speditionen absolvierten in 57 LKW 7,5 Millionen Kilometer - ihr Fazit könnte klarer kaum sein: 94 Prozent der Fahrer empfinden die Systeme als Sicherheitsplus, 77 Prozent als Komfortzuwachs. Die Zahl der kritischen Situationen und Bremsungen im Alltag nahm um über ein Drittel ab. Nebenbei stieg die Durchschnittsgeschwindigkeit, der Verbrauch sank um zwei Prozent. Eurofot-Verantwortlicher Walter Schwertberger von MAN bilanzierte: "Der Abstandstempomat steigert die Sicherheit. Und es kommt wirtschaftlich etwas zurück". Damit habe man endlich auch ein ökonomisches Argument für die Assistenten geliefert. Wie mahnte Dekra-Vorstand Clemens Klinke, früher selbst im Tankzug auf Achse: "Für die heute häufigsten Unfallarten gibt es Lösungen" - man müsste sie nur wählen.

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