Autonomes Fahren: Über- oder unterfordert?

Wird der Fahrer durch die vielen Hilfssysteme unterfordert?
© Foto: Daimler AG

Autonomes Fahren bringt zweifellos Nutzeffekte. Nebenwirkungen sind nicht ausgeschlossen.


Datum:
19.02.2015
Autor:
Johann Kitzberger

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Fürchten müssen sich Lkw-Fahrer vor dem Technologiesprung zum autonom fahrenden Lkw nicht. Die Einführung wird schrittweise kommen und sie wird sich von leichten zu schweren Aufgabenstellungen fortentwickeln. Der aktuelle Entwicklungsstand belegt dies eindeutig: Prototypen autonom fahrender Lkw nehmen in der ersten Stufe dem Fahrer das Abspulen langer Autobahnstrecken ab. Die komplexeren Aufgaben nehmen sich die Entwickler erst dann vor, wenn die einfachen Aufgaben gut gelöst sind. Dass selbstfahrende Fahrzeuge auch extreme Fahrsituationen meistern können, zeigt die Entwicklung bei den Pkw. So lässt Audi einen Sportwagen über eine Rennstrecke rasen - mit einem nervenstarken Fahrer, der die Kurvenhatz in Höchstgeschwindigkeit ohne jeden Eingriff absolviert. Ein noch stärkeres Vertrauen in die Technik bringen Kampfpiloten mit - sie starten per Autopilot vom Flugzeugträger und übernehmen das Steuer erst dann, wenn der Jet sicher in der Luft ist.

WECHSELWIRKUNG ZWISCHEN TECHNIK UND FAHRER

Was der Fahrer mit der Technik macht, lässt sich genau definieren. Eine ausführliche Einweisung durch den Hersteller und später gegebenenfalls während der Fahrer Aus- oder Weiterbildung erklärt, wie das System zu bedienen ist, wo seine Grenzen liegen und wo der Fahrer wieder die Herrschaft über das Fahrzeug übernehmen muss.

Ungeklärt ist mangels Erfahrung die Frage, wie die Technik auf den Fahrer einwirkt. Wenn der selbstfahrende Lkw dem Fahrer die Autobahnfahrten abnimmt, erspart er dem Fahrer gegebenenfalls langweilige Geradeausfahrten. Auch im stockenden Verkehr wird sich das Assistenzsystem nützlich machen und dem Fahrer, wie jetzt schon beim "Stop-and-Go-Assistenten von Mercedes, das Bremsen und Nachziehen ersparen.

Bei einem Seminar des Deutschen Verkehrssicherheitsrates wiesen Verkehrspsychologen auf mögliche Gefahren durch autonomes Fahrern hin. Dort stellte Dipl. Psych. Tobias Ruttke grenzenloses Vertrauen in die Technik in Frage.

Aus der Sicht des Psychologen ist die "Unterstützungsqualität der technischen Systeme, insbesondere im längerfristigen Realeinsatz, von weitaus mehr Faktoren als nur der technischen Machbarkeit und Zuverlässigkeit beeinflusst." Der zweifelsfreie Nutzeffekt durch die Unterstützung des Systems kann sich allerdings umkehren, wenn aus der Überbeanspruchung des Lkw-Fahrers eine Unterforderung wird. Der Mensch braucht eine ganzheitliche Anforderung, um leistungsfähig zu bleiben und benötigt aus der Sicht von Verkehrsexperten Unterstützung sowohl bei Daueraktivitäten als auch bei einer Unterforderung.

Eine weitere Gefahr erwächst aus der "Sicherheitsillusion". Verkehrsteilnehmer neigen dazu, ein höheres Risiko einzugehen, wenn sie sich von einem Assistenzsystem "beschützt" fühlen. Man erinnere sich an die Einführung des ABS - damals verkürzten viele Fahrer den Sicherheitsabstand im Vertrauen auf die neue Technik.

Einer Sicherheitsillusion werden beim autonomen Fahren auch andere Verkehrsteilnehmer erliegen. So werden beispielsweise Fußgänger oder Radfahrer mutig vor einem Lkw die Fahrbahn überqueren wollen, weil sie glauben, dass sie der autonom fahrende Lastwagen erkennt und deswegen automatisch bremst.

AUTOMATISIERTES FAHREN KONTRA ERFAHRUNG

Wie Tobias Ruttke von der Friedrich-Schiller-Universität in Jena betonte, braucht der Mensch beständigen Erfahrungszuwachs, um effizient zu sein. Genau dieser Erfahrungszuwachs wird zukünftigen Fahrergenerationen fehlen. Negative Folgen bei der Rückübernahmefähigkeit werden die Folge sein. "Out-of-the-loop-Effekt" nennen Wissenschaftler diese Erscheinung. Ruttke kommt zu dem Schluss, "dass eine einseitige Fokussierung auf die Technik und technische Aspekte zu Folgeproblemen auf allen Automatisierungsstufen kommen kann" und dass neue Fehlerformen nicht ausreichend thematisiert werden.

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