Europäische Lkw-Hersteller könnten bis 2030 ein Viertel des Marktes für E-Lkw an neue Wettbewerber verlieren. Dies zumindest behauptet eine Analyse der Lobbyorganisation Transport & Environment (T&E), die im Vorfeld der IAA Transportation veröffentlicht wurde. Für ihre Analyse hat T&E die Kosten, technischen Anforderungen und Ziele der Hersteller untersucht. 2025 waren 5,6 Prozent aller in der EU neu verkauften Lkw emissionsfrei – doppelt so viele wie im Vorjahr. In Deutschland waren im selben Jahr bereits 7,1 Prozent aller neuen Lkw elektrisch – ein Anstieg um über 60 Prozent gegenüber 2024, so T&E.
Lkw-Flottengrenzwerte und sinkende Batteriepreise
Deutschland ist laut T&E Spitzenreiter unter den fünf größten europäischen Märkten (neben Deutschland sind dies Frankreich, Spanien, Italien und Polen). Diese Beschleunigung sei „auf die seit Juli 2025 geltenden CO2-Flottengrenzwerte für Lkw und auf sinkende Batteriepreise zurückzuführen“, so T&E. EU-Hersteller bieten mittlerweile mehr E-Lkw zu günstigeren Preisen an, stehen jedoch laut T&E „vor zunehmendem Wettbewerb, da Modelle neuer Marktteilnehmer kurz vor der Markteinführung stehen.“ Laut T&E gibt es aktuell folgende Entwicklungen:
- Die Gesamtbetriebskosten von einem chinesischen E-Lkw verglichen mit einem gleichwertigen europäischen Modell können um bis zu 12 Prozent niedriger liegen. Das entspricht einer Ersparnis von bis zu 43.000 Euro über einen Zeitraum von fünf Jahren.
- E-Lkw von neuen Wettbewerbern schneiden bei wichtigen Kennzahlen wie Reichweite, Ladezeit, maximaler Nutzlast und Energieeffizienz genauso gut ab wie europäische Lkw.
- Die neuen Anbieter hoffen, bis 2030 bis zu einem Viertel des E-Lkw-Marktes zu erobern – basierend auf ihren erklärten Zielen für den europäischen E-Lkw-Markt.
Voll auf Elektrifizierung setzen
„Wettbewerbsfähige E-Lkw aus China und den USA kommen bereits auf den europäischen Markt, weitere Modelle sind angekündigt. In diesem kritischen Moment sollten die Lkw-Hersteller aus den Fehlern der Automobilindustrie lernen. Die Elektrifizierung jetzt zu bremsen, würde den Wettbewerbern aus den USA und China den Weg frei machen. Sie könnten in Europa und weltweit einen erheblichen Marktanteil gewinnen“, sagte Johanna Braun, Managerin E-Mobilität Lkw und Infrastruktur bei T&E Deutschland.
Die Frage der Gesamtbetriebskosten
Niedrigere Gesamtbetriebskosten von mehr als zehn Prozent können in der Transportbranche, die mit geringen Gewinnspannen von nur 1,5 bis 2 Prozent arbeitet, „entscheidend sein“, so T&E. Nach Berechnungen von T&E kann ein chinesischer E-Lkw die Gesamtbetriebskosten um 12 Prozent senken. Ein deutsches Transportunternehmen, das sich heute für den E-Lkw eines neuen Marktteilnehmers statt eines europäischen Modells entscheidet, könnte demnach die Gesamtbetriebskosten von 0,63 Euro/km auf 0,55 Euro/km (einschließlich Restwert) senken. Über eine Nutzungsdauer von fünf Jahren entspricht das Ersparnissen von insgesamt 43.000 Euro.
Wenige Hersteller dominieren den Markt
Der EU-Lkw-Markt mit einem Jahresvolumen von 245.000 Fahrzeugen werde von einigen wenigen etablierten Herstellern dominiert, so T&E, das namentlich Daimler Truck, Traton, Iveco, DAF und die Volvo-Gruppe nennt. Das bedeute, dass „wettbewerbsfähige neue Marktteilnehmer schnell einen großen Marktanteil erobern könnten, indem sie vergleichbare Qualität zu niedrigeren Preisen anbieten“, so das Fazit von T&E. „Der Wettlauf um die Marktführerschaft bei E-Lkw ist in vollem Gange“, so Johanna Braun.
Forderung an die Bundesregierung
Die Bundesregierung solle sich auf europäischer Ebene für ambitionierte Dekarbonisierungs-Ziele einsetzen, wenn sie verhindern wolle, dass „im Lkw-Sektor eine ähnliche Krise folgt, wie wir sie gerade bei den Autoherstellern sehen“, forderte Johanna Braun. „Stärkerer Wettbewerb kann Logistikunternehmen und Verbraucherinnen und Verbrauchern nützen. Die europäischen Hersteller sollten keine Zeit mehr mit dem Widerstand gegen die Flottengrenzwerte verlieren, sondern wie ihre neuen Wettbewerber konsequent auf E-Lkw setzen.“