"Held der Straße" wird selbst Unfallopfer

© Foto: Goodyear

LKW-Fahrer Jörg Ballsieper wurde als Lebensretter gefeiert - und erlitt ein Jahr später bei einem Verkehrsunfall selbst schwere Verletzungen. Heute kämpft der Familienvater um seine Existenz.


Datum:
12.07.2013
Autor:
Sabine Köstler

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Irgendwie scheint es fast, als wolle ihn das Schicksal für seine Tapferkeit noch bestrafen. Zumindest kommt es Jörg Ballsieper so vor. Der 44-jährige LKW-Fahrer kann kaum glauben, wie ihm das Leben in den letzten beiden Jahren aus dem Ruder lief.

Im Sommer 2010 begann für Jörg Ballsieper ein bis heute andauernder Albtraum. Ein Autotransporter fuhr mit hoher Geschwindigkeit auf seinen LKW auf. Selbst unter Schock, leistete Ballsieper Erste Hilfe: Er zog den schwer verletzten, eingeklemmten Fahrer aus dessen völlig demolierter Kabine und rettete dem dänischen Kollegen damit vermutlich das Leben. Von Goodyear, dem AvD und den TRUCKER wurde Jörg daraufhin zum "Highway Hero" des Monats gewählt (TR 10/2010). In seiner Heimatstadt wurde er Kandidat für den Titel "Wolfsburger des Jahres".

DIE SCHMERZEN LIESSEN ÜBER MONATE NICHT NACH

Ein Jahr später der nächste Schlag. Am 28. Dezember 2011 stand Jörg mit seinem privaten PKW auf der B209/Ausfahrt Adendorf im Stau, als ein 21-Jähriger ungebremst in das Familienauto krachte. Jörgs Frau Jenny und Sohn Leander hatten Glück, doch Jörg erlitt eine Kopfverletzung. Zunächst hieß es: Schleudertrauma. Als die Schmerzen über Monate nicht nachließen, entdeckte man, dass der Trigeminus-Gesichtsnerv aus der Kapsel gerissen war. "Das hat schreckliche Kopfschmerzen zur Folge", beschreibt Jörg die Symptome, "es ist etwa so, als würde man immer wieder einen Stromschlag ins Gesicht bekommen." Es folgte eine Operation in der Berliner Charité.

Bei der Entlassung im Mai 2012 legten die Ärzte ihm nahe, die Frührente zu beantragen. Ein Schock. Rückblickend sagt der Familienvater: "Das war unmöglich. Ich kann doch nicht mit 43 in Rente gehen. Ich will arbeiten, ich will meine Familie ernähren."

Jörg erkämpfte sich seine Gesundheit und setzte sich schließlich Ende 2012, wenn auch mit gemischten Gefühlen, wieder hinter das Steuer eines LKW. Ein Freund hatte ihm den Job als Lebensmittelverteiler besorgt. Mit an Bord ein Kamerateam: Auch die Autoren der ZDF-Reportagereihe "37°" waren durch Zeitungsberichte auf Ballsieper aufmerksam geworden. In der Sendung "Die Angst fährt mit" erlebten hunderttausende Fernsehzuschauer Jörgs geglückten Wiedereinstieg mit (Link zur Mediathek: www.zdf.de).

SCHWERE VERLETZUNGEN UND NUN TEILBEHINDERT

Bis ein weiterer Unfall vor Weihnachten den Genesungsprozess stoppte. Während der Fahrt zur Arbeit bohrte sich ein von einem LKW herabgefallenes Holzstück in die Windschutzscheibe von Jörgs PKW. Er blieb zum Glück unverletzt und trat den Arbeitstag an - statt den Schock zu verdauen und lieber heimzufahren. Doch wer will es ihm verübeln, in der Probezeit. Die fehlende Konzentration hatte später am Tag fatale Konsequenzen: Jörg stolperte, fiel von der Rampe und riss sich die Außenbänder.

ZURÜCKGEPFIFFEN MITTEN IN DER WEITERBILDUNG

"Das war's dann erstmal", resümiert Jörg heute. Sein Arbeitgeber kündigte ihm. Er ist zwar wiederhergestellt, doch es war bislang unmöglich, einen neuen Job zu finden. Wegen der Kopfverletzung hat man ihm eine 60-%ige Schwerbehinderung anerkannt. "Da winken gleich alle Arbeitgeber ab", berichtet Jörg.

Die Arbeitsagentur schickte Jörg vor wenigen Wochen zur LKW-Weiterbildung. "Doch beim dritten Modul stellte man fest, dass ich ein neurologisches Gutachten brauche", erzählt der leidenschaftliche Trucker verzweifelt. Das soll nun klären, inwieweit er wieder LKW fahren darf. Sein Antrag auf diese "Neurologische Kraftfahrerbeurteilung" liegt nun beim Straßenverkehrsamt Hannover. Sie wird 1200 Euro kosten, die Jörg erstmal selbst zu bezahlen hat. Von Hartz IV.

Die andauernden Rückschläge haben Familie Ballsieper schwer in Mitleidenschaft gezogen. Jörgs Frau ist nervlich angeschlagen, sagt er, und auch Sohn Leander leide sehr unter der angespannten Stimmung. Jörg will unbedingt arbeiten, wenn auch in einem anderen Job als dem bisherigen. Der von MAN unterstützte Verein "Fahrer helfen Fahrern", vom TRUCKER informiert, prüft nun seinen Fall. Vielleicht ist Hilfe möglich. Auf jeden Fall bräuchte die Familie neben Geld und Geduld endlich einmal wieder ein wenig Glück. SK

HASHTAG


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