"Trucker sind ziemlich harte Typen. Das kann nicht jeder."

Daniela Lohaus ist Professorin für Arbeits-, Organisations- und Personalpsychologie an der Hochschule Darmstadt
© Foto: privat

Der Personalmangel in der Logistikbranche beschäftigt auch die Hochschule Darmstadt.


Datum:
17.09.2017
Autor:
Martin Orthuber

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Woher kam die Idee für die Abschlussarbeit?

Sie entstand im Gespräch mit einem Kollegen, der Betriebswirt mit Schwerpunkt Logistik ist. Mein Thema ist Personalmanagement. Wir wollten also den Personalmangel in der Logistikbranche beleuchten. Das ist übrigens die dritte Studie in diesem Bereich. Es gab schon einen Online-Fragebogen zu den Arbeitsbedingungen und Interviews mit Fahrern zur Gesundheitsvorsorge.

Wie würden Sie die Bereitschaft der Fahrer beurteilen, an der Umfrage teilzunehmen?

Markus Hentschel, der die Arbeit angefertigt hat, hat 95 Fahrer angesprochen, von denen 50 an der Befragung teilgenommen haben. Das ist ein Superergebnis, wenn man bedenkt, dass einige einfach keine Zeit hatten oder zu wenig Deutsch verstanden. Eine Befragung dauerte zwischen 30 und 45 Minuten. Manche haben also ihre komplette Pause geopfert.

Welche Ergebnisse der Befragung haben Sie besonders überrascht?

Es war schön zu sehen, wie stolz die Fahrer auf ihre Arbeit sind, wie verantwortungsbewusst sie damit umgehen und sich damit identifizieren. Wir hätten auch erwartet, dass sie viel mehr unter der Isolation leiden. Aber die Zufriedenheit ist sehr hoch, obwohl die Arbeitsbedingungen schwierig sind. Auch der Gestaltungsspielraum und die Freiheit der Fahrer sind viel größer als erwartet.

Wie erklären Sie es sich, dass kaum einer der Befragten den Beruf einem Freund empfehlen würde, obwohl die eigene Zufriedenheit offensichtlich doch so groß ist?

Hier kann ich nur spekulieren, denn zunächst klingt das wie ein Widerspruch. Trucker sind ziemlich harte Typen, die mit den Arbeitsbedingungen gut zurechtkommen. Sie haben durch ihre Erfahrungen eine Stärke erlangt, die sie anderen nicht zutrauen. Sie zahlen selbst einen hohen Preis und wünschen ihren Freunden leichtere Arbeitsbedingungen. Dieser Beruf erfordert eine bestimmte Art von Persönlichkeit. Das kann nicht jeder.

Was müsste getan werden, um die Arbeitsbedingungen für die Fahrer zu verbessern?

Gravierend wäre eine bessere Entlohnung. Und dann gibt es viele kleinere Dinge, die sich summieren: mehr Komfort in der Kabine, größere Kühlschränke für mehr eigenen Proviant (Raststätten sind teuer), Übernachtung im Hotel, Fitness und Gesundheitschecks, mehr Anerkennung, wenn man zum Beispiel besonders kraftstoffsparend fährt. Parkplätze sind nicht nur zu wenige vorhanden. Sehr oft liegen die Lkw-Stellplätze direkt neben der Autobahn, während die für Pkw weiter hinten sind, obwohl dort niemand im Fahrzeug schlafen muss. Das wäre relativ einfach zu ändern. Und natürlich wäre mehr gesellschaftliche Anerkennung für die Leistung der Berufskraftfahrer wünschenswert. Dazu würde auch die Bereitschaft zählen, höhere Preise für die Produkte zu zahlen.

Gab es während der Durchführung der Befragung besondere Erlebnisse oder Erfahrungen mit den Berufskraftfahrern beziehungsweise ihrem Arbeitsumfeld?

Wir waren anfangs naiv und dachten, am Wochenende hätten die Fahrer auf den Parkplätzen viel Zeit und wären froh über eine kleine Abwechslung. Am Wochenende waren aber keine deutschen anzutreffen. Also mussten wir auf die Abende ausweichen. Am Anfang hatten wir überlegt, ausländische Fahrer in die Studie einzubeziehen, aber das hat nicht funktioniert. Sie waren sehr misstrauisch, konnten zu wenig Deutsch oder haben zumindest so getan, vielleicht aus Angst, sie könnten durch irgendetwas in die Bredouille kommen. Markus Hentschel wurde des Öfteren zum Essen und Trinken eingeladen, teils auch in einer Gruppe mit mehreren Fahrern, die sich etwas kochten. Das war wohl sehr schön, diese Offenheit der Trucker zu erleben, den Stolz auf ihre Tätigkeit und den Beitrag, den sie für die Gesellschaft leisten.

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