Libanon: Land der Oldtimer

Unglaublich: Mit diesem Hauber wird noch täglich Treibstoff ausgeliefert
© Foto: Richard Kienberger

Im Libanon gehen die Geschäfte der Transportunternehmer momentan nicht besonders gut. Deshalb werden die Lastwagen bis weit über ihr natürliches Verfallsdatum hinaus genutzt.


Datum:
03.11.2016
Autor:
Richard Kienberger

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Wenn bei einem modernen Lastwagen in Westeuropa die Klimaanlage defekt ist, muss der Truck in die Werkstatt. Vermutlich werden die Mechaniker dann ein teures Diagnosegerät anschließen und versuchen den Fehler mittels des Kollegen Computer zu lokalisieren.

Wenn die "Klimaanlage" in Fahdis Truck nicht mehr genug Frischluft in die Kabine schaufelt, fährt er irgendwo rechts ran. Und sucht in seinen Utensilien nach einem Stück Draht. Einer, wie ihn Zöllner für die Verplombung benutzen, war es beim letzten Mal. Mit dem Draht fixiert er das linke Ausstellfenster so, dass ihm der kühle Luftstrom genau ins Gesicht bläst. Keep it simple! Vielleicht benötigt Fahdi für die nächste Reparatur auch noch ein Schweißgerät. Denn den Draht, der das Drehfenster offenhält, hat er am Rückspiegel befestigt. Beziehungsweise über dessen Gestänge hinweggeführt an den Handgriff der seitlichen Lüftungsklappe, die für den Fußraum zuständig ist - so genau ist der Weg der vielen verknoteten und verdrehten Drähte nicht auszumachen. Auf jeden Fall ist einer der beiden Arme, die den Spiegel halten, durchgerostet, natürlich direkt neben einer alten Schweißnaht - wo sonst? Aber das ist sicher eine der kleineren Sorgen des libanesischen Truckers, der mit seinem Gefährt noch jeden Werktag auf der Straße ist.

Einen 71-er Benz mit Tankaufbau steuert der wackere Lastwagenfahrer durch das chaotische Verkehrsgewühl in der Hauptstadt Beirut. Ein Gefährt aus einer fernen Epoche, verrostet, zerbeult. Das plüschige Interieur speckig, verdreckt, zerschlissen. Aber der Oldtimer fährt - immer noch mit dem ersten Motor und dem Original-Getriebe.

GESCHICKTE AUTOKLEMPNER SIND HIER SEHR GEFRAGT

Stramm stehen die sechs Zylinder, von denen niemand sagen kann, wie viele Kilometer sie schon erlebt haben, in einer Reihe unter der müden Haube. Der Motor sieht zwar alt, aber gepflegt und gut in Schuss aus. Keine Leckagen, aus denen das Öl tropft. Genau genommen scheint er sogar das Beste an diesem beinahe schon archäologisch interessanten Relikt aus den 70er-Jahren zu sein, mit dem Fahdi Treibstoff an Tankstellen liefert. Was selbst ein Blinder erraten könnte, denn die Auslaufstutzen am Heck sind ebenfalls arg mitgenommen von den vielen Einsätzen, sodass der betagte Tanklaster eine intensive Benzinwolke um sich verbreitet.

Oldtimer wie der alte Mercedes-Hauber haben gerade wieder Hochkonjunktur im Libanon. Unterhält man sich als Europäer mit Einheimischen, erfährt man zunächst nur, alles sei bestens, dem Libanon gehe es gut.

Aber warum ist dann im schicken Restaurant "Diwan Al Sultan Ibrahim" in Downtown Beirut, in dem man früher nur mit einer Reservierung eingelassen wurde, die Hälfte der Tische unbesetzt? Warum sieht man so viele alte Trucks und so wenig neue auf den Straßen? Warum sind die allgegenwärtigen Sicherheitskräfte so nervös? Irgendwann erfährt man dann doch, dass die Lage in dem nahöstlichen Land momentan einigermaßen angespannt ist und die Wirtschaft unter den Konflikten in den Nachbarländern leidet.

Weil das so ist, sind geschickte Autoklempner oder Leute wie der Autolackierer am Stadtrand von El Marj derzeit besonders gefragt. Auf einem ummauerten Hof, den sich der Mann der Farben offenbar mit einigen Mechanikern teilt, wechseln sich alt, uralt und renoviert ab. Ein Dinosaurier von Volvo macht sich vor dem fast schwarzen, wolkenverhangenen Himmel besonders gut. Der alte 1033-Hauber leuchtet wie ein fröhlicher Kanarienvogel in einem knalligen Gelb. Er bekam ebenso wie ein 110er Scania eine frische Schicht Farbe spendiert. Daneben stehen einige Trucks, die so aussehen, als würden sie sich am nächsten Tag in den Lasterhimmel verabschieden. Aber auch die werden restauriert und am Ende frisch gestrichen, versichert der Bruder des Lackierers, der gerade unterwegs ist.

DER HAFEN VON BEIRUT IST EINE REINE FUNDGRUBE

In der Tat ist es oft unglaublich, mit welchen Vehikeln die libanesischen Transporteure ihren Job machen. Ein Ur-Actros geht da schon fast als Neufahrzeug durch. Ohne lange suchen zu müssen, findet man alte Scania-Hauber, MAN aus den 80er-Jahren und natürlich das komplette Produktportfolio der letzten vierzig Jahre von Mercedes-Benz.

Weil "die Japaner" nur den Markt der Leicht-Lkw dominieren, ist der interkulturelle Hino Ranger, mit dem Ali einen Gabelstapler transportiert, fast schon ein Exot: Die Bordwände tragen japanische Schriftzeichen, das Fahrerhaus ist dagegen mit arabischen Lettern bemalt. Ali hat den Rechtslenker in einer buckligen, vermüllten Nebenstraße geparkt. Einige Schritte neben dem Truck mit dem blauen Ladekran tut sich ein tiefes Loch auf: Der Kanaldeckel fehlt, dafür hat jemand zwei alte, abgefahrene Reifen in die Falle gesteckt. Gleich neben den Glitzervierteln mit den vielen schicken und teuren Apartmenthäusern kommt Beirut nicht sonderlich glamourös daher.

Eine Fundgrube für Oldtimer-Fans ist das Hafenviertel der libanesischen Metropole. Hier warten Libanesen und Syrer mit ihren teils unglaublich alten Lastwagen auf Ladungen. In der Wartezeit und, was ausländische Fahrer betrifft, am Wochenende, wird nach orientalischer Art der Staukasten am Auflieger geöffnet und gekocht. Der Deckel des Staukastens dient zugleich als Ruhefläche.

CAT-MECHANIKER WANDERN ALLE NACH AFRIKA AUS

Joseph Abdallah ist Transportunternehmer, sein Firmensitz liegt nicht weit vom Hafen entfernt im Viertel New Jdaideh. Er gibt freimütig zu, dass die Geschäfte momentan nicht sonderlich gut laufen. Abdallah und sein Bruder haben einige Baustellentrucks und Baumaschinen im Einsatz und er ist überzeugt, dass viele der Probleme im Libanon mit dem Bereich Service und Wartung zu tun haben. "Es gibt viele gute Firmen im Land, aber es gibt nicht viele gute Mechaniker im Libanon", sagt Abdallah und bezieht das wohl auf Leute, die auch mit der Elektronik und komplexen Motorentechnik moderner Trucks beziehungsweise Maschinen zurechtkommen. Er nennt als Beispiel die Baumaschinenmarke CAT: "Wir sind vor einigen Jahren auf Volvo umgestiegen, weil die guten CAT-Mechaniker alle nach Nigeria gegangen sind. Dort konnten sie viel mehr Geld verdienen." Außerdem beklagt der Unternehmer die schlechte Qualität des Treibstoffs, die für viele Probleme sorge.

VIELE DER LKW SIND IN EINEM JÄMMERLICHEN ZUSTAND

Ob es an den Fähigkeiten der Mechaniker liegt oder am fehlenden Geld (oder Willen), die Fahrzeuge in einen einigermaßen ordentlichen Zustand zu versetzen, lässt sich schwer beantworten. Fakt ist, dass viele Lkw nicht nur äußerlich in einem jämmerlichen Zustand sind. Spiegelglatte Reifen, abgefahrene oder schlecht funktionierende Bremsen und fehlendes Problembewusstsein bei der Ladungssicherung sorgen immer wieder dafür, dass Lkw in schwere Unfälle verwickelt werden.

Doch es gibt auch Ausnahmen. An einem Samstagnachmittag bilden zwei Hilfsarbeiter einen harten Kontrast zu dem Truck, den sie gerade "kärchern". Die beiden sehen aus, als hätten sie sich in einem Fass mit Schmiere gewälzt - aber das Fahrzeug, an dem sie sich zu schaffen machen, ist makellos weiß. Auf der Sonnenblende des 1851 steht noch die Internetadresse des italienischen Vorbesitzers. Ein zweites, etwas älteres Schneewittchen parkt neben dem V8 und wartet auf das samstägliche Schaumbad. Vielleicht liegt es am guten Wetter oder an guten Geschäften - der Besitzer der Sattelzugmaschinen ist jedenfalls bester Laune und lacht herzhaft, als sich sein Fahrer Faruk für ein Foto neben dem Actros postiert. "Da schreibst du dann dazu: 'So ein kleiner Fahrer und so ein großer Truck'", gibt er mir feixend mit auf den Weg.

Wahrscheinlich ist es ein Glück, dass der nächste Tag ein Sonntag ist. Da sind die Trucker in dem kleinen Land, die ja keine Touren mehr ins Ausland fahren können, daheim bei ihren Familien. Gegen zehn Uhr vormittags werden die Wolken über Beirut immer dichter und kurze Zeit später ist es dunkler als in einer Vollmondnacht. Über dem Mittelmeer haben sich die Regenwolken mit Wasser vollgepumpt wie eine Rolle Küchenkrepp, die in die volle Badewanne gefallen ist. Das Libanongebirge bildet eine Barriere, die die satten Wolken nicht mehr schaffen. Es beginnt mit ein paar dicken Tropfen, Minuten später prasselt ein fürchterlicher Wolkenbruch auf Beirut nieder. Die Straße hinauf ins Bekaa-Valley wird zum Fluss, das Regenwasser spült einen Teil der Müllberge fort, die sich am Straßenrand auftürmen - die Müllabfuhr funktioniert auch nicht in diesen Tagen.

ANDERNORTS EIN CHAOS, IM LIBANON NORMALITÄT

Sonntags sind nur die Minilaster unterwegs, schlittern über den glitschigen Asphalt, versinken schier in Wasserpfützen und spritzen anderen Verkehrsteilnehmern die braune Brühe zentimeterdick vor die Scheiben. Einige der Leichtmatrosen am Steuer scheinen von einer latenten Todessehnsucht besessen zu sein, anders lässt sich der Fahrstil kaum erklären. Man mag sich nicht vorstellen, was passieren würde, wenn ein überladener 40-Tonner mit Slickreifen bei diesem Wetter die steile Passstraße hinunter ins Zentrum fahren müsste. Andernorts würde man das Ganze vielleicht als Chaos bezeichnen. Im Libanon ist es einfach nur ein gewöhnlicher Regentag, der vorübergehen wird. So normal wie ein großes Leck im Treibstofflaster oder ein Loch in der Straße, das mit alten Reifen geflickt wird ...

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