Parkplatzwächter in Waldlaubersheim: "Da brauchst du Nerven!"

Willi und sein Nachfolger Stefan drehen eine Runde über den Platz
© Foto: Martin Höcker

Der 55-jährige Stefan ist Parkplatzwächter, "Opa" Willi sein Vorgänger. Autor Martin Höcker besuchte die beiden am Autohof Waldlaubersheim.


Datum:
21.04.2014
Autor:
Redaktion TRUCKER

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Hallo, schön'n guten Abend! Bleibst du heute Nacht hier oder fährst du weiter?" - Mit diesen Worten empfängt Stefan jeden neu ankommenden Trucker. Seit gut einem halben Jahr ist der 55-Jährige der Parkplatzwächter auf dem Autohof Waldlaubersheim bei Bad Kreuznach. Der Autohof liegt direkt an der A 61 und wird täglich von zahlreichen Fernfahrern angefahren. Wenn diese auf dem Parkplatz übernachten wollen, wird eine Gebühr von zehn Euro fällig. Diesen Betrag kassiert Stefan - keine leichte Aufgabe: "Manche wollen einfach nicht bezahlen, die muss ich dann wieder vom Parkplatz runterschicken."

Dabei muss sich Stefan schon so manches unfreundliche Wort anhören, obwohl das Parkticket eigentlich ein Verzehrgutschein über die gesamten zehn Euro ist und von den Fahrern in der Gaststätte des Autohofs eingelöst werden kann. "Viele sagen, sie haben ihr eigenes Essen dabei und wollten deshalb nicht zahlen. Manche kommen sogar auf die Idee, auf dem Parkplatz zu kochen. Das geht natürlich nicht, das muss ich sofort unterbinden!"

UNLIEBSAME BEGEGNUNG MIT FALSCH PARKENDEM WOHNWAGENGESPANN

Es sind die vielen kleinen Ärgernisse, mit denen sich Stefan während seines Vierstundenjobs herumplagen muss. So ist es auch seine Aufgabe, den Kühlfahrzeugen einen Platz im hinteren Bereich des Parkplatzes zuzuweisen: "Die machen mit ihren Kühlern so einen Krach, da können die anderen Fahrer in ihren Kabinen nicht schlafen." Deshalb sind auch das Rangieren und das Abkoppeln der Hänger von den Zugmaschinen verboten. Auch daran halten sich einige nicht. Für Wohnwagengespanne ist der LKW-Parkplatz tabu, aber manche wollen das partout nicht einsehen. Einen solchen Vorfall hat Stefan in besonders schmerzhafter Erinnerung: "Eines Abends kamen fünf Autos mit Wohnanhängern hier auf den Parkplatz. Ich forderte sie auf, weiterzufahren, aber die Fahrer weigerten sich. Gut, dann muss ich die Polizei rufen. Gerade als ich ihre Nummernschilder aufschreiben wollte, stieg einer der Fahrer aus und schlug mir aufs Auge. Anschließend gab er mit seinem Gespann Gas, und ich konnte mich mit Not zur Seite retten, sonst wäre ich überfahren worden."

Nach diesem Erlebnis wollte Stefan eigentlich mit seinem Job aufhören. Dass er es sich dann doch noch einmal anders überlegt hat, hängt sicherlich auch damit zusammen, dass er als Frührentner auf den Verdienst angewiesen ist. Mit dem 400-Euro-Job finanziert er unter anderem seine große Leidenschaft: die drei Hunde. Insbesondere mit Lieblingshund Blacky verbindet ihn sehr viel. Ihn hat er als Dressurhund ausgebildet und mit ihm schon zahlreiche Kreismeisterschaften gewonnen. Gelegentlich begleitet ihn der 14-jährige Rüde bei seinen abendlichen Rundgängen auf dem Autohof.

Dass er einmal von diesem vierbeinigen Freund Abschied nehmen muss, ist für Stefan der schlimmste Gedanke. Die Liebe zu Hunden verbindet ihn mit seinem Vorgänger im Job, dem nun 76-jährigen Willi, von den meisten nur "Opa" genannt. Früher war Willi unter anderem Kfz-Mechaniker und Fahrer. Als vor acht Jahren seine Lebensgefährtin gestorben ist, hat er das gemeinsame Haus aufgegeben und alle verwandtschaftlichen Brücken abgebrochen. Acht Jahre lang hat Willi dann den Job des Parkplatzwärters verrichtet. Der Autohof hat es ihm erleichtert, den Verlust seiner Partnerin zu verschmerzen und ein neues Leben zu beginnen.

"OPA" WILLI LEBT SEIT VIELEN JAHREN D IREKT HIER NEBEN DEN LASTWAGEN

Während dieser Zeit hat er auf dem Autohof tiefe Wurzeln geschlagen. "In der Anfangszeit war es schon ein bisschen Gewöhnungssache mit dem Kassieren", erzählt er. "Und weil ich keinen fahrbaren Untersatz hatte, bin ich zuerst die drei Kilometer bis zur Wohnung gelaufen. Dann wurde mir angeboten, hier oben zu wohnen, und mir wurde dieser Wohnwagen besorgt." Mit der Zeit lernte Willi, die Welt der Fernfahrer immer besser zu verstehen: "Von den meisten wusste ich sofort: Die bleiben hier, die fahren wieder weiter." Mit manchen musste er "ein ernstes Wort reden", aber richtigen Stress gab es nicht.

Seit sechs Jahren lebt er nun hier im Wohnwagen inmitten der LKW und fühlt sich als Teil des Autohofes. Im Sommer mäht er noch die Wiese oder hilft, wo er kann. Dafür hat er in der Gaststube verbilligtes Essen, und seine Wäsche wird für ihn gewaschen. Doch es sind nicht die kleinen finanziellen Vorteile, die ihn hier halten: "Ich habe mich so sehr eingewöhnt hier, dass ich gar nicht mehr weg will."

Mit vielen Truckern verbinden ihn Freundschaften. Oft bekommt er in seinem Wohnwagen Besuch. Das schätzt er über alles: "Hier habe ich Gesellschaft, denn wenn ich zu Hause alleine sitzen würde, würde alles zusammenbrechen." Trotz seiner 76 Jahre träumt Willi davon, irgendwann die Jägerprüfung abzulegen. Die Jagd ist sein großes Steckenpferd. Oft wird er von befreundeten Jägern als Helfer zur Treibjagd eingeladen, immer mit dabei: Jagdhund Jacky. Ab und zu begleitet Willi seinen Nachfolger Stefan bei dessen Rundgängen. Ihr liebstes Thema sind dann meist die Hunde und deren Wohlergehen.

EIN LEBEN AUF EINER FLÄCHE VON VIEREINHALB QUADRATMETERN

Peter Ditzel ist einer von Stefans Stammkunden. Er fährt seit fast dreißig Jahren LKW, seit langem für die Krefelder Speditionsfirma Geist. Wie die meisten seiner Kollegen ist er Individualist und schätzt die Unabhängigkeit in seinem Job: "Ich bin gerne allein bei der Arbeit, ich mag nicht, wenn ein Chef hinter mir herläuft." Trotz des alltäglichen "Kleinkriegs" auf der Autobahn, trotz steten Termindrucks und unregelmäßiger Arbeitszeiten kann sich Peter keinen anderen Beruf vorstellen.

Während der Woche fährt er bis zu neun Stunden täglich. Seine Fahrerkabine wird während der gesetzlich vorgeschriebenen Ruhezeiten zum mobilen Wohn-und Schlafzimmer. Freundschaften sind deshalb schwierig zu pflegen, auch jede Partnerschaft wird stark belastet. Eine feste Beziehung hat er zurzeit nicht: "Mein Job hat auf alle Fälle zur Trennung von meiner Ex-Frau beigetragen." Sein eigentliches soziales Leben spielt sich für Peter auf dem Autohof ab. Nach Waldlaubersheim kommt er bis zu fünfmal die Woche. Hier trifft er sich mit den Kollegen, oft von der gleichen Spedition. "Wir gehören hier fast schon mit dazu."

Die Gemütlichkeit des Autohofs und das gute Essen dort schätzt auch Marion. Sie ist eine der wenigen Berufskraftfahrerinnen auf deutschen Straßen. Doch als Exotin sieht sie sich nicht - und mit ihren männlichen Kollegen hat sie keine schlechten Erfahrungen gesammelt: "Bei den Abladestellen gucken die Männer manchmal schon ein bisschen komisch: Kann die das überhaupt? Aber wenn die dann sehen, wir machen unsere Arbeit genau wie ein Mann, dann ist das auch schnell wieder erledigt." Marion arbeitete früher im Einzelhandel und entschied dann: "Ich möchte nicht mehr in einem Beruf sein, wo nur Frauen arbeiten."

Ihren Freund sieht Marion nur am Wochenende: "Aber es ist eine Frage, wie man die gegebene Zeit nutzt. Andere sitzen acht Stunden am Tage nebeneinander und haben sich nichts zu sagen." Die 43-Jährige, die erst seit einem Jahr LKW fährt, kann das Alleinsein gut ertragen, empfindet den Kontakt zu den männlichen Kollegen unterwegs aber als sehr wichtig.

Oft werden beim gemeinsamen Abendessen Neuigkeiten ausgetauscht. Ein Thema, das hier am Autohof alle umtreibt, ist die europaweite Öffnung des Transportwesens für osteuropäische Spediteure. Deren Fahrer arbeiteten oft immer noch für deutlich weniger Lohn, als ein Kollege aus Mitteleuropa verdient, lautet die Klage. Viele deutsche Transportunternehmer würden ausflaggen oder selbst osteuropäische Arbeitskräfte beschäftigen, heißt es. Kollegen von Peter haben auch schon einen der philippinischen Fahrer gesichtet, die bei der mittlerweile berüchtigten lettischen Frachtfirma Dinotrans für rund 680 Euro monatlich angestellt sind. Kein Wunder, dass bei solchem Lohndumping auch unter Fahrern und Fahrerinnen auf "Stefans" Parkplatz in Waldlaubersheim die Angst um den Arbeitsplatz umgeht. Martin Höcker

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