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Porträt Christina Scheib: Mehr als Prinzessin

Berufskraftfahrerin, Unternehmerin, Lkw-Influencerin, Frauenbotschafterin: Christina Scheib (37)
© Foto: Europart

Ihr Spitzname eilt Christina Scheib voraus. Doch inzwischen erfüllt die Bayerin weit mehr Rollen als die der Trucker-Prinzessin. Wie sie sich als selbstständige Transportunternehmerin schlägt, was sich in der Branche dringend verbessern sollte und wie sie mit ihrer Rolle als öffentliche Person umgeht, hat die 37-Jährige dem TRUCKER auf einer Fahrt nach Ulm erzählt.


Datum:
02.08.2022
Autor:
Stephanie Noll
Lesezeit: 
5 min
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Pink ist immer noch ihre Lieblingsfarbe. Wer die Ehre hat, einmal in Christina Scheibs Lkw mitzufahren, dem fällt das direkt ins Auge: pinke Kissen, pinke Handtücher, pinke Dekoration. Der TRUCKER begleitete eine der bekanntesten deutschen Berufskraftfahrerinnen auf einer Fahrt nach Ulm – und hat sich dabei mit ihr über Themen wie den Umgang mit Frauen in der Branche, ihre Selbstständigkeit und ihre Rolle in der Öffentlichkeit unterhalten.

Von der Arztpraxis in die Fahrerkabine 

Christina Scheib fährt seit elf Jahren Lkw. Dass das ihr Berufstraum ist, war für die gebürtige Penzbergerin schon im Teenageralter klar: „Ich wollte einfach die richtig großen Dinger fahren.“ Der Vater als Baggerfahrer und ein netter Kipperfahrer, der Christina auf ihrem Schulweg immer zugewunken hat, dienten ihr als Inspiration. Zunächst lernte sie aber eher klassische Frauenberufe: Nach der Schule machte sie eine Ausbildung als medizinische Fachangestellte, später arbeitete sie als Verwaltungsfachangestellte. „Ich hatte damals Angst, dass ich das mit der Fahrerei in Vollzeit nicht packe.“

Doch schon während ihrer Ausbildung beginnt die damals 25-Jährige auf 450-Euro-Basis bei einem Abschleppdienst zu arbeiten und finanziert sich so ihren Lkw-Führerschein. Anschließend beginnt sie in Teilzeit Kipper zu fahren – auch nachts, neben ihrem Vollzeitjob als Chefarztsekretärin. „Irgendwann wusste ich: Das reicht mir noch nicht“, berichtet Christina. Für eine Spedition in Wolfratshausen hängt sie schließlich ihren damaligen Bürojob an den Nagel und startet endgültig in ihren Traumberuf Lkw-Fahrerin: in Vollzeit und im Fernverkehr. „Da war dieser Augenblick, als sie zum ersten Mal mit so einem großen Lkw bei uns ankam. In dem Moment haben ihre Augen wirklich geleuchtet“, erzählt uns Christinas Mutter am Telefon.

Christinas Lkw „Bella“, ein Scania R450, Baujahr 2016
© Foto: Europart

Der Traum vom eigenen Lkw

Das war im Jahr 2019. Inzwischen hat die 37-Jährige, die man aus den TV-Sendungen „Asphalt Cowboys“ und „Trucker Babes“ kennt, viel Branchenerfahrung sammeln können – und ist den nächsten Schritt gegangen. Im April 2020 hat sie sich als selbstfahrende Unternehmerin selbstständig gemacht. Der Traum, mal den eigenen Namen auf dem eigenen Lkw zu lesen, sei schon lange da gewesen, erzählt Christina. Aber auch die Angst, damit zu scheitern. Einfach war der Anfang nicht: „Ich musste erst mal sehr, sehr viele Formulare für diverse Genehmigungen ausfüllen“, erinnert sie sich. Für Lkw und Auflieger allein benötigte sie ein Startkapital von rund 100.000 Euro. Eine gebrauchte Scania-R450-Zugmaschine ist es geworden, Baujahr 2016, in den Farben Anthrazit und Pink, getauft auf den Namen „Bella“. Außerdem legte sie sich einen Planen- und einen Kühlauflieger zu, jeweils von Schmitz Cargobull. Starthilfe bei der Preiskalkulation bekam Christina von einer befreundeten Spedition.

Über zwei Jahre später die Frage: Hat sich der Sprung ins kalte Wasser gelohnt? „Ganz ehrlich – wenn ich gewusst hätte, was da alles auf mich zukommt; ich weiß nicht, ob ich es noch mal machen würde“, lautet ihre ehrliche Antwort. Grund dafür sei nicht nur der hohe Organisationsaufwand: „Nicht jeder meint es ehrlich mit einem. Und die Zahlungsmoral lässt teilweise auch zu wünschen übrig“, findet Christina. Seit Juni dieses Jahres bekommt sie Unterstützung bei ihren Touren – von Fahrerin Helga. Gemeinsam teilen sie sich „Bella“. „Ich wollte damit auch ein Statement setzen, dass man Frauen als Fahrerinnen in Teilzeit einstellen kann“, betont Christina. 

Verbandsarbeit in Vollzeit

Viel Zeit für das Privatleben bleibt trotzdem nicht, denn Transportunternehmerin ist Christina Scheib nur nebenberuflich. Hauptberuflich arbeitet sie beim Landesverband Bayerischer Transport- und Logistikunternehmen (LBT) in der Öffentlichkeitsarbeit. Dabei fallen diverse Termine an: eine Rundfahrt mit der damaligen bayerischen Verkehrsministerin Kerstin Schreyer (CSU), Schulbesuche, um den Schülern zu erklären, was eine Berufskraftfahrerin macht, oder Be- und Entladungskurse nur für Fahrerinnen. Ein Job, der ihr gefällt: „Es macht mich schon stolz, dass ich so was machen darf.“

Christina mit ihrem Chef beim Verband LBT, Hauptgeschäftsführer Sebastian Lechner
© Foto: TRUCKER/Jan Scheutzow

Gelnägel und Wimpern-Extensions

Einen großen Teil davon macht ihre Arbeit als Frauenbotschafterin aus. Nur etwa zwei Prozent aller Berufskraftfahrer in Deutschland sind weiblich. Ein Zustand, der sich dringend ändern sollte, findet Christina – weshalb sie auch immer wieder vor Frauen und jungen Mädchen spricht, um ihnen den vermeintlichen „Männerjob“ näherzubringen. Sie selbst demonstriert, dass sich etwa Styling und die Fahrerinnentätigkeit nicht gegenseitig ausschließen müssen: Gelnägel, Wimpern-Extensions und Make-up gehören für sie genauso dazu wie ein Parfümfläschchen und ein Raumduft in der Fahrerkabine. „Ich will mich einfach wohlfühlen – und mache mich genauso fertig, wie ich es für einen Bürojob tun würde.“ Und wenn mal ein Gelnagel beim Beladen abbricht? „Dann ist er halt ab – und es wird genauso weitergearbeitet wie vorher“, sagt Christina lachend.


"Bei dem Namen ‚Trucker Babe‘ kriege ich einen Brechreiz"

Christina Scheib, Berufskraftfahrerin und Transportunternehmerin


Grüße im Minutentakt 

Ihr Äußeres und ihre Vorliebe für die Farbe Pink haben ihr den Spitznamen „Trucker-Prinzessin“ eingebracht. Auf der Fahrt nach Ulm trägt sie auch einen Pullover mit der Aufschrift „Prinzessin“ und einer aufgenähten Krone – obwohl Christina dieses Image gar nicht mehr so passend findet: „Mir war das früher wichtiger als heute. Ich bin inzwischen eigentlich ein wenig aus dieser Rolle herausgewachsen.“ Doch der royale Titel, die roten Fingernägel, die langen blonden Haare – das alles ist zu Christinas Markenzeichen geworden. Auf der Fahrt nach Ulm wird sie teils im Minutentakt von anderen Lkw-Fahrern gegrüßt – Bella und ihre Fahrerin kennt man.

Eine Staffel „Trucker Babes“ und vier Staffeln „Asphalt Cowboys“ haben Christina bekannt gemacht – wobei sie sich von der erstgenannten Sendung inzwischen deutlich distanziert: „Bei dem Namen ‚Trucker Babe‘ kriege ich einen Brechreiz.“ Das Bild von Berufskraftfahrerinnen, das dort vermittelt werde, betrachtet sie als Verzerrung der Realität: „Warum muss man sich denn für unseren Job ausziehen?

Ihre Rolle als Lkw-Influencerin 

80.000 Personen folgen Christina auf der Social-Media-Plattform Instagram, 114.000 Foller hat sie auf Facebook (Stand: Mitte Juli). Ihre Bekanntheit bezeichnet sie als „Fluch und Segen zugleich“. So verspüre sie etwa den Druck, „als Person nach außen hin immer perfekt sein zu müssen“. Auch gebe es Unternehmen, die eine Zusammenarbeit mit Christina aufgrund ihrer Medienpräsenz ablehnen würden. Und dann sind da noch einige Kommentare unter ihren Social-Media-Posts, die die Lkw-Fahrerin belasten: „Manches, was ich da lese, tut schon richtig weh“, gibt sie zu; Beleidigungen über ihren Charakter oder ihr Äußeres beispielsweise. „Manche Leute haben immer etwas zu meckern.“

Christina ist auch beauftragte Person Ladungssicherung (BPL) und unterrichtet das Modul Ladungssicherung im Rahmen der Berufskraftfahrer-Qualifikation
© Foto: Europart

Mission: Image verbessern

Insgesamt würden die positiven Momente, die sie aufgrund ihrer Bekanntheit erlebe, aber überwiegen: „Es gibt Leute, denen ich wahnsinnig viel gebe, die mir jeden Tag nette Sachen schreiben.“ Als Beispiel nennt sie eine 54-jährige Frau, die sich durch sie ermutigt gefühlt habe, sich mit ihrem Lkw selbstständig zu machen. „Wenn ich auch nur eine Person mehr dazu bringe, Berufskraftfahrerin zu werden, habe ich schon gewonnen“, betont Christina.

Auf die Frage, wie sie sich ihr Berufsleben in drei Jahren, also im Alter von 40, vorstellt, antwortet sie: „Im Prinzip immer noch so wie jetzt – nur alles in einem etwas ruhigeren Tempo.“ Ihr großes erklärtes Ziel bleibe nach wie vor, das Image der Transportbranche zu verbessern sowie mehr junge Menschen und Frauen von der Arbeit als Berufskraftfahrer/-in zu begeistern. Von gemeinen Kommentaren auf Social Media und Branchenvertretern, die Christina nicht ernst nehmen, will sie sich dabei nicht abhalten lassen: „Es wird immer jemanden geben, der mich belächeln wird. Aber ich lasse mich nicht mehr beirren, ich mach einfach weiter.“

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