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Treffen der Facebook-Gruppe "LKW-Fahrerinnen"

02.05.2013 08:00 Uhr
Treffen der Facebook-Gruppe "LKW-Fahrerinnen"
Gut besucht war das Treffen der LKW-Fahrerinnen am Autohof Günzburg
© Foto: Sabine Köstler

In einer noch jungen Facebook-Gruppe haben sich Hunderte LKW-Fahrerinnen zusammengetan. Nun gab es ein Treffen.

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Mit heftigem Hupen und Lichtsignalen lassen die beiden Frauen ihren LKW auf den Parkplatz des Autohofs Günzburg rollen. Einige männliche Fahrer, die gerade die Tankstelle betreten, schauen zweimal hin, denn die LKW werden johlend empfangen - von einer ganzen Gruppe Frauen. Am Steuer des schwarzen Scania mit pinkfarbenem Grill eine junge blonde Frau, am Steuer des schneeweißen New Actros - eine junge Frau.

Geballte weibliche Power trifft sich an diesem Samstag Abend in Günzburg. Die rosa Aufschrift auf ihren schwarzen Jacken verrät, wer die Frauen sind: die Facebook-Gruppe "LKW-Fahrerinnen". Zum zweiten Mal trifft sich diese Community heute, diesmal sind fast dreißig Mitglieder angereist. Einige von ihnen kennen sich bereits vom ersten Treffen am Autohof Geiselwind. Das war im Oktober 2012, ein halbes Jahr, nachdem Bianca Dold (28) die Gruppe im Internet gegründet hat. In der virtuellen Welt haben sich innerhalb kurzer Zeit erstaunlich viele LKW-Fahrerinnen vernetzt. 264 Mitglieder sind es bereits, die sich dort austauschen, informieren, verabreden oder helfen, beruflich oder privat.

TRUCKERLADY BIANCA GRÜNDETE DIE GRUPPE

Die junge Frau hatte gehofft, dass sich möglichst viele Kolleginnen der FB-Gruppe zusammentun würden. "Ich habe mich auf den Touren durch Deutschland manchmal allein gefühlt", begründet sie ihr Engagement, "und ich dachte mir die ganze Zeit, dass doch irgendwo auch die anderen Fahrerinnen stecken müssen. Es gibt sie ja schließlich."Mit dem Internet ist Bianca genauso vertraut wie mit ihrem LKW: Sie hat auf ihrer poppigen Facebook-Seite "Truckerlady Bianca" jede Menge Fans, die viele Tausend "like its" hinterließen.

Seit die Gruppe im Netz so erfolgreich wurde, trifft Bianca auf ihren Touren laufend Bekannte. "Bin ich etwa in Osnabrück", erzählt die junge Frau, "weiß ich genau, welche Fahrerinnen ich anrufen kann. Dann verabreden wir uns abends und man sitzt nicht alleine herum." Über kurzzeitiges seltsames Lichtgehupe sollte sich künftig auch niemand mehr wundern - dann könnte es durchaus sein, dass sich zwei FB-Frauen gerade zufällig auf der Autobahn begegnen ...

Zum LKW-Fahren kam Bianca als Turnierreiterin. Zunächst saß ihre Mutter am Steuer des Pferde-LKW, dann die Tochter. Inzwischen - elf Jahre nach dem ersten Zündschlüsseldrehen - ist die bildhübsche Fahrerin Profi, seit drei Jahren in Vollzeit. Sie lenkt, stets in Begleitung von Vierbeiner Sissi, einen Actros 18.460 Euro 6-Sattelzug bei Schenker und ist dort sehr zufrieden. Derzeit bereitet sie ihre Selbstständigkeit vor ("Ich will eben mein eigenes Ding machen"), will aber Schenker treu bleiben.

OFT KÄMPFEN FRAUEN NOCH GEGEN VORURTEILE

Ihre Arbeit für die Fahrerinnengruppe ist jedoch nicht nur eigennützig. Bianca gibt gerne berufliche Erfahrungen weiter, tauscht Fotos, hat ihren Spaß auf der Seite. Vor allem aber will die junge Frau eines erreichen: "Unser Image muss sich ändern. Sowohl bei den männlichen Kollegen als auch in der Branche insgesamt. Es fehlt immer noch an Akzeptanz." Ihr ist schon klar, dass LKW-Fahrer im Allgemeinen nicht zu den Vorzeigeberufen Deutschlands zählt. Frauen im Besonderen haben aber zusätzlich mit Vorurteilen zu kämpfen. Erstaunlich, findet Bianca: "Früher mögen Frauen am LKW-Steuer ja exotisch gewesen sein. Aber das sind wir doch längst nicht mehr. Ich hoffe, mit Hilfe der Facebookseite sieht die Außenwelt, dass das LKW-Fahren ein normaler Job für Frauen ist. Und wir sind auch nicht alle 120 Kilo schwer oder muskelbepackt. Das ist auch gar nicht nötig."

Da hat sie Recht. Wer sich am Stammtisch umsieht, kann sich nur freuen über die Bandbreite, die sich hier zusammengefunden hat. Von der 21-jährigen Jung-BKF Bianca bis zur 62-jährigen Brigitte, die aus dem Münsterland per Wohnmobil anreiste, ist jede Altersgruppe vertreten. Auch die Jobs, in denen sie arbeiten, sind bunt gemixt. Alice lenkt einen Tiertransporter, Daniela steckt gerade in der BKF-Ausbildung, Brigitte fährt seit 20 Jahren internationalen Fernverkehr, Nina befördert Luftfracht, die Schweizerin Corinne ist mit Überseecontainern unterwegs und ihre Kollegin Gordy mit temperaturgeführtem Ladegut wie Medikamenten. Während der Vorstellungsrunde - viele sind sich ja noch nie persönlich begegnet - gibt es fröhliches Gelächter und für die "alten Hasen" anerkennendes Klatschen.

Es ist wohltuend, wie gut sich die Fahrerinnen untereinander verstehen. Wer das sieht, wünschte sich, dass sich auch mehr Vertreter der männlichen Spezies zusammentun würden. Kurz nach dem ersten Beschnuppern an diesem Abend finden sich bei den Frauen neue Gruppierungen; sie knüpfen weiter an ihrem Netzwerk, tauschen Handynummern und Adressen aus, informieren sich über anstehende Touren. Im Lauf des Abends wird viel gefachsimpelt, über Chefs, zu niedrige Löhne und Touren diskutiert, über kleine Pannen beim Rangieren gelacht und natürlich das Thema "männliche Kollegen" nicht ausgespart.

Keine von ihnen berichtet von ernsthaften Problemen mit dem anderen Geschlecht, doch Vorurteile bekommen sie alle zu spüren. "Natürlich sind die meisten Kollegen nett", meint Conni, die aus Gefrees kommt, "aber ich habe auch schon heftige Sprüche gehört, à la 'Habt ihr keinen Herd daheim?' Manche leben eben noch im Mittelalter". Conni B. war über zwanzig Jahre lang mit ihrem Mann selbstständig und findet es ungerecht, "dass Frauen sich immer doppelt beweisen müssen". Und es vielfach noch an Akzeptanz - auch bei Kunden - mangelt. Inzwischen ist die zweifache Mutter festangestellt auf einem Volvo FH 480 unterwegs ("der ist schnell wie Sau"). Eine große Umstellung für sie - und ein Gewinn für ihre Firma, denn das unternehmerische Denken blieb.

VERWUNDERTE BLICKE VON FUSSGÄNGERN

Auch die junge "Bambi" Bianca aus Mühlstetten bekommt den einen oder anderen Spruch zu hören. Sie zählt nicht zu den großgewachsenen bärenstarken Staturen und muss schon mal eine Palette unterstellen, um im richtigen Winkel an Planenverschlüsse zu kommen. "Ich lass sie reden", schmunzelt sie, "da steh' ich einfach drüber. Wenn ich ruck-zuck die Plane weghabe, bleibt ihnen ohnehin der Mund offen ..." Gewöhnt hat sie sich an die verwunderten Blicke von Fußgängern in Richtung Kabine in Innenstädten. "Manche glauben, da sitzt niemand im LKW, die sehen mich nicht von unten", kichert sie.

So souverän wie die Nachwuchsfahrerin wirken viele der "Truckerladys" hier. Jede Einzelne liebt das, was sie tut. "Das ist Berufung", "Ich kann mir nichts anderes vorstellen", "der schönste Beruf der Welt" - das ist hier immer wieder zu hören. Sie sind allesamt ohne Zweifel tough in ihrem Job - aber deshalb ahmen sie noch lange keine Männer nach. Viele haben Kinder und hielten jahrelang der Doppelbelastung stand. Andere gründen gerade eine Familie und lassen sich auch ob des geringen Verdienstes nicht davon abhalten.

DER GLEICHE ÄRGER WIE MÄNNLICHE KOLLEGEN

Die Günzburgerin Fabienne T. etwa steuert an drei Tagen die Woche ihren Silo-Sattelzug und kümmert sich den Rest der Woche allein erziehend um ihr acht Monate altes Söhnchen Florent. Wie sie das schafft? "Das geht schon", lächelt sie zuversichtlich, "das können andere Frauen auch." Die junge Blondine ist Schwerlast-Fan, ist fasziniert von den mächtigen überbreiten Maschinen und der ent sprechenden Technik der LKW. "Es ist toll, wenn man das beherrscht", findet sie. Und kann keinen Widerspruch darin erkennen, gleichzeitig auf pinkfarbene Jeans und einen rosa Grill zu stehen. Wichtig ist der 28-Jährigen, dass sie ihren Job - Kalk- und Betontransport - anständig macht. Und noch etwas liegt ihr am Herzen: "Dass insbesondere Autofahrer verstehen, dass LKW-Fahrer/Innen nicht zum Spaß auf der Straße sind. Wir tun dort unsere Arbeit, auch für sie." Das Unverständnis und die Unachtsamkeit vieler PKW-Fahrer ärgern Fabienne. Nicht zuletzt das verbindet die Facebook-Gruppe LKW-Fahrerinnen mit den männlichen Kollegen - die gleichen Erfahrungen auf der Straße, der gleiche Frust über Staus, Wartezeiten, PKW-Fahrer oder Parkplatzsuche. Vielleicht lässt sich das ja mit einem Schuss Pink im Leben besser aushalten?

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