Truck-Racer Jochen Hahn: Neues Jahr, neue Marke

Jochen Hahn: Millimeterarbeit in der Werkstatt
© Foto: Richard Kienberger

Mit Jochen Hahn verlässt zum zweiten Mal in Folge ein amtierender FIA-Truck-Racing-Europameister das MAN-Lager. Der TRUCKER war zum Werkstattbesuch beim viermaligen Champion Hahn, der gerade seinen neuen Iveco-Race-Truck aufbaute.


Datum:
15.04.2017
Autor:
Richard Kienberger

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Never change a winning team!" ist eine gern zitierte Trainerweisheit. Aber manchmal ergibt es sich eben doch, dass an oder in einer erfolgreichen Mannschaft Änderungen vorgenommen werden müssen. Jochen Hahn war viermal Truck-Racing- Europameister auf MAN - doch jetzt wechselt der erfolgreiche Motorsportler wieder einmal die Pferde. Zukünftig wird Hahn auf einem Iveco-Race-Truck unterwegs sein.

Begonnen hat der Altensteiger seine langjährige Karriere auf einem Mercedes. Damals schraubten sie noch die SK-Hütte auf das Rennchassis. Zur Erinnerung: Als Hahn seinen Vater Konny im Cockpit ablöste und die ersten Gehversuche im Trucksport unternahm, deutete sich gerade ein gravierender Umbruch an.

HAHN GING ES UM EINE LANGFRISTIGE PERSPEKTIVE

Der Prototypenserie Super Race Trucks ging zunehmend die Luft aus. Nach einem Abschied auf Raten blieben nur noch die Race- Trucks übrig. Von dieser Klasse wollten wiederum die Daimler-Verantwortlichen nichts wissen. Das führte dazu, dass ambitionierte Fahrer wie Hahn schnell erkannten, dass sie auf einem Mercedes-Rennlaster höchstens einen Blumentopf würden gewinnen können, aber kein Truckrennen. Folglich machte Hahn hinüber ins MAN-Lager - also dorthin, wo die starken Motoren zu haben waren.

Inzwischen ist der Trucksport auf der Rundstrecke auch bei MAN nicht mehr sonderlich gefragt. Das hat letztlich dazu geführt, dass sich jetzt zum zweiten Mal in Folge ein Champion neu orientiert. Doppeleuropameister Norbert Kiss heuerte ja nach seinem Titelgewinn 2015 beim Tankpool-Team an, welches wiederum Race-Trucks auf Mercedes-Basis einsetzt.

Wenn man Jochen Hahn fragt, was die Gründe für die Trennung waren, klingt das wie bei einem alten Ehepaar, das sich zwar noch irgendwie schätzt, aber auseinandergelebt hat. Für den nunmehr vierfachen Europameister ging es vor allem darum, die Entwicklung seines Teams langfristig abzusichern, wobei in dieser schnellen Sportart unter "langfristig" schon Zwei- oder Dreijahresverträge zu verstehen sind.

"Wir hätten gern mit MAN weiter zusammengearbeitet", erzählte Hahn dem TRUCKER bei einem Werkstattbesuch vor wenigen Monaten. "Aber leider haben sich da die Entscheidungsprozesse so in die Länge gezogen, dass wir mit den Vorbereitungen für die Saison 2017 erst sehr spät hätten beginnen können. Im Truck-Race redet immer noch fast jeder mit jedem, insofern gab es schon länger Kontakte mit dem Team Schwabentruck."

SCHNELLE ENTSCHEIDUNG, VERTRAG PER HANDSCHLAG

"Auf der IAA lud uns dann Ivecos Brand President, Pierre Lahutte, zu einem Gespräch ein", so Hahn. "Wir haben ihm unsere Planungen erläutert und rechneten eigentlich damit, dass das irgendwo diskutiert werden würde. Doch nach zehn Minuten sagte Lahutte 'Das machen wir' und der Kontrakt wurde per Handschlag besiegelt." Die Vereinbarung beinhaltet eine technische Partnerschaft unter Einbeziehung des Teams Schwabentruck, das seit einigen Jahren mit Iveco-Renntrucks in der FIA Truck-Racing-Europameisterschaft antritt.

Während der Wintermonate arbeitete Jochen Hahn mit seiner Crew mit Hochdruck am Aufbau der neuen Rennlaster. An einigen Tagen pro Woche schickte Schorsch Glöckler, Chef des Teams Schwabentruck, seine Mitarbeiter zur Verstärkung in den Nordschwarzwald. Zwei identische Fahrzeuge entstanden in der Werkstatt in der Nähe von Altensteig. Eines wird Hahn fahren und das andere sein neuer Teamkollege Gerd Körber. Eine spannende Konstellation: Der erfolgreichste Truck-Racer der letzten Jahre und "Mr. Truck-Race", der in diesem Jahr doch eine komplette Saison bestreiten wird, was er ursprünglich nicht vorgehabt hatte. Doch das 30-jährige Dienstjubiläum, das er 2017 feiern kann, scheint Körber zu beflügeln. Bei zwei oder drei Rennen wird zudem Markus Altenstrasser mit am Start sein, der schon bisher im Iveco-Team von Schorsch Glöckler als "Gelegenheitspilot" an Bord war.

IVECO ETABLIERT SICH ALS TRUCKSPORT-CHAMPION

Zwischen dem Gewinn des vierten Europameistertitels und dem Beginn der Arbeiten an den neuen Race-Trucks fand der Champion sogar noch genügend Zeit, um die Werkstatt aufzuräumen: "Wir mussten Platz schaffen, weil wir zum Teil noch die alten Fahrzeuge in der Halle stehen hatten. Außerdem ist noch nicht sicher, in welcher Form René Reinert weitermacht. Dessen Trucks haben wir ja auch aufgebaut und betreut", erklärte Hahn beim TRUCKER-Besuch. Einen alten MAN müsse er im Kundenauftrag umbauen, allerdings nicht für den Einsatz auf der Rennstrecke, sondern als Trial-Fahrzeug. Offenbar hat es sich unter den Trucksportlern herumgesprochen, dass in Altensteig Topfahrzeuge gebaut werden. Hahn braucht als Beleg nur auf die Abschlusstabelle der Truck-Racing-Europameisterschaft 2016 verweisen. Die haben "seine" Boliden auf den Plätzen 1, 3 und 4 abgeschlossen - ein derartiges Resultat gab es vorher noch nie.

Ob es Hahn gelingen wird, mit den neuen Fahrzeugen an die alten Erfolge anzuknüpfen? Der amtierende Europameister gibt sich gelassen. Das Chassis hat ohnehin wenig gemein mit einem Serienfahrzeug. Die Iveco-Kabine sieht er gegenüber dem MAN-Fahrerhaus leicht im Vorteil und den Motor "werden wir auch hinbekommen, der war bis jetzt schon gut".

Bis zum Race-Beginn am 14. Mai in Spielberg wird aus den Rahmenträgern, Gebrauchthütten und sonstigen Einzelteilen - die sich in der Hahn-Werkstatt im Herbst noch verteilten - ein fertiger Renntruck gebaut worden sein. Nach dem ersten Rollout, dem das Feintuning folgt, und schließlich bei den Testfahrten wird sich zeigen, welches Potenzial in der neuen Partnerschaft steckt. Vielleicht etabliert sich Iveco ja als Trucksport-Champion - auf der Dakar-Rallye war die Mannschaft um Gerard de Rooy zwar nicht ganz so erfolgreich wie im Vorjahr. Der rasende Holländer konnte sich aber immerhin den Bronzeplatz sichern. Jetzt liegt es an Jochen Hahn und Gerd Körber, die Marke ganz nach vorne zu bringen.

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