Trucking im Süden Afrikas: Sand im Getriebe

In Afrika gehört der Staub auf den Straßen zum Beruf des LKW-Fahrers
© Foto: Richard Kienberger

Wochenlanges Warten auf eine Genehmigung, riesige Schlaglöcher, Fahrzeuge fast doppelt so alt wie die Fahrer: Im südlichen Afrika ist das Leben der Trucker ziemlich anstrengend.


Datum:
28.03.2014
Autor:
Richard Kienberger

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Es ist ein beeindruckender Moloch auf Rädern, der da in einer Parkbucht neben der zweispurigen Nationalstraße 2 steht. Der nächste größere Ort ist Pongola, und etwa einen Kilometer südlich der Parkbucht zweigt eine Straße ab, die von Südafrika hinüber nach Swaziland führt. Aus der Ferne sehen die beiden ferrariroten Trucks und der Tieflader aus wie ein gestrandeter Dinosaurier. Vor allem, weil auf der zwölfachsigen Goldhofer-Plattform ein gewaltiges rundes Teil verzurrt ist. Man sieht einen Zahnkranz, ein gigantisches Maul, Rohre und jede Menge angeschweißte Halterungen. Ein Konverter für eine Kupfermine sei das, erklärt Patrick Tshose, "der mindestens 130 Tonnen auf die Waage bringt". Auf das Kilogramm genau weiß das niemand. "Und ein paar Kilometer von hier ist das verfluchte Teil auf die Straße gekippt," berichtet Tshose. Der Südafrikaner ist "Pilot", also Fahrer eines der Begleitfahrzeuge. Der freundliche Mann sitzt auf der Klappe seines weißen Pickups, der Wohn-, Schlaf-, Esszimmer und Küche in einem ist; die beiden Trucker liegen noch hinter den zugezogenen Vorhängen in ihren weitaus gemütlicheren Kojen.

Schwertransport im Süden Afrikas - ein Knochenjob für die Fahrer, was aber weniger an den Straßen liegt, die zumindest hier in Südafrika noch ganz gut sind, auch wenn die anspruchsvolle Topographie den ungleichen Brüdern, die den Konverter schleppen müssen, alles abverlangt. Vorneweg fährt ein MAN mit relativ bescheidenen 480 PS. Der Dreiachser ist mittels einer massiven Zugstange mit einem deutlich potenteren Schweden zum Gespann verbunden. Der Volvo FH16 verfügt über einen 700-PS-Motor. "Aber ohne den Kleinen schafft der Große das nicht," lacht Stefan Viljoen, der Fahrer des Powertrucks, der inzwischen aus seiner Kabine gekommen ist.

Irgendwie ist das auch ein passendes Bild für Südafrika - denn Viljoen ist einer der wenigen weißen Trucker, die man hier noch sieht, während der MAN von seinem schwarzen Kollegen Sosmas Manshe gefahren wird. Auch viele Jahre nach dem Ende des Apartheidregimes ist Schwarz/Weiß immer noch eines der wichtigsten Themen in dieser Region, und natürlich die Frage, wie man sich trotz unterschiedlicher Lebensstile, Wertvorstellungen und inzwischen erkämpfter Gleichberechtigung miteinander arrangiert.

DREI WOCHEN STILLSTAND WEGEN DER BÜROKRATIE

Was das Leben der Schwertransporter so anstrengend macht, ist die südafrikanische Bürokratie. Das 130-Tonnen-Teil muss von der Hafenstadt Richards Bay knapp fünftausend Kilometer weit nach Norden in eine Mine in Sambia gefahren werden - und für diese Strecke veranschlagt das Team rund zehn Wochen Fahrtzeit. Das Problem sind die Genehmigungen, die offenbar nicht im Voraus eingeholt werden können. "Beim letzten Mal standen wir drei Wochen in der Gegend von Johannesburg, weil die Behörden der Provinz Gauteng so viele Scherereien gemacht haben," erzählen die Fahrer. Und in der Tat - als wir eine Woche nach unserer Begegnung auf dem Rückweg von Mozambique wieder an dem Parkplatz neben der N2 vorbeifahren, steht das Gespann immer noch dort und hat sich keinen Zentimeter weiterbewegt.

Einige Tage später treffen wir uns durch Zufall noch einmal. Ganz klar - der Schwertransport steht ein weiteres Mal neben der Fahrbahn und parkt. Nicht einmal einhundert Kilometer weit hat es das Team seit unserem ersten Treffen geschafft. Die Fahrer der beiden Trucks schlafen mal wieder, der Pilot hat inzwischen gewechselt. Ein tätowierter Haudegen, dem man das jahrelange Leben auf der Straße ansieht, sitzt statt seiner in seinem Nissan-Kombi und passt auf, dass sich niemand an dem roten Dinosaurier vergreift.

Das Kontrastprogramm zu den schmucken Schwerlastzugmaschinen der südafrikanischen Spedition Kumkani lässt sich auf der Strecke von Swaziland über Punto d' Ouro und Malongano nach Maputo besichtigen. Hier liegt das Durchschnittstempo auch im Bereich von unter 30 Kilometern pro Stunde, was aber den "Straßenverhältnissen" geschuldet ist. Nach der Grenze zwischen Swaziland und Mozambique verschwindet die Infrastruktur: Es gibt keinen Asphalt mehr und keine Straßenschilder und keinen Verkehr. Nur noch afrikanische Landschaft und Sand, in dem sich die Spuren verlieren. Für "richtige" Lastwagen ist diese Ecke des Landes unbefahrbar, nur noch kleine, quirlige Allradtrucks können sich durch den Sand wühlen.

Später wird die fragile Verbindung zwischen der mozambiquanischen Hauptstadt und den winzigen Orten an der Südküste des Landes zu einer pickligen, roten Piste. Gehobelt wurde die "dirt road" schon lange nicht mehr, in den Schlaglöchern verschwindet mitunter der halbe Reifen. Wir begegnen einem erstaunlich neuen Volvo FM und einem zerknitterten Hino und einem betagten "Afrika-Hauber" von Mercedes, dem ein "Auge" fehlt. Das sei halt irgendwo gestohlen worden, meint der Fahrer achselzuckend. Ja ja - es gab schon mal bessere Ausreden. Doch später erzählt uns ein Bekannter in Maputo die ganze Geschichte: Vor allem jugendliche Diebe hätten sich darauf spezialisiert, von Fahrzeugen zu klauen, was immer zu haben ist - Radkappen, Rückspiegel, Lichter. Wenn man dann über bestimmte Märkte im Gassengewirr der wuchernden Metropole schlendere, finde man dort die fehlenden Teile wieder - könne sie zurückkaufen und gegen "geringe Gebühr" auch gleich wieder montieren lassen. Mozambique ist arm, und selbst die vielen Wächter, die eingestellt werden, um genau solche Diebstähle zu verhindern, nicken im richtigen Moment gerne mal ein oder sind gerade auf der Toilette, wenn die Diebe kommen. "Erst als ich meinem Guard erklärt habe, dass er nach dem nächsten Diebstahl die Ersatzteile aus seiner Kasse bezahlen müsste, hat das aufgehört," berichtet der gebeutelte Fahrzeugbesitzer.

DER ALTE MERCEDES TUT SICH SCHWER MIT DEM ATMEN

Eine gute Tagesreise dauert die Fahrt von Südafrika über Swaziland bis in die Hauptstadt Maputo. Wie überall auf dem Kontinent ist auch hier an der afrikanischen Ostküste das koloniale Erbe allgegenwärtig. Während sich viele Schwarze aufgrund ihrer Zugehörigkeit zu großen Ethnien wie Zulu oder Xhosa auch grenzüberschreitend unterhalten können, ist das für die Weißen bedeutend schwerer: In Südafrika dominiert Englisch (oder in einigen Regionen Afrikaans, eine Form des Niederländischen), in Mozambique haben die Kolonialisten ihre Muttersprache Portugiesisch etabliert. Maputo ist eine seltsame Melange aus mediterranem Flair und afrikanischem Chaos - und das lässt sich besonders gut in den Gassen um den Markt studieren. Doch dorthin, wo nur noch die Minitrucks kommen, sollte man sich als weißer Besucher besser nicht alleine wagen: Ein Polizist ist uns gefolgt und warnt davor, tief in die labyrinthischen Gassen einzutauchen - viel zu gefährlich für auffällige Bleichgesichter.

Auch Stephen hat sich offenbar um die finsteren Nebenstraßen und die finsteren Gestalten erfolgreich herumgedrückt - jedenfalls sind an seinem Mercedes noch alle wichtigen Teile vorhanden. Vier eckige Scheinwerfer, Blinklichter, die Rückspiegel. Was einigermaßen erstaunlich ist, denn dem Truck sieht man seine 34 Jahre deutlich an: Die kurze Nase und die knuddeligen Kotflügel sind verbeult und verrostet, bei genauerem Hinsehen erkennt man die Schweißnähte, die aussehen wie Narben aus vielen Straßenkämpfen. Mit dem Atmen tut sich der Oldtimer auch schon schwer. Stoßweise kommen die weißgrauen Rauchwölkchen irgendwo unter der Ladefläche hervor. Aber der Mercedes sei gut, lacht der Fahrer. So weit, dass man einen Lastwagen nach Ergonomie, ausgetüftelten Assistenzsystemen oder dem Durchschnittsverbrauch beurteilen würde, ist man in Mozambique noch lange nicht: Läuft er oder nicht, das ist hier das einzige Kriterium, das wirklich zählt. Und Stephens Veteran läuft, auch wenn er aussieht, als wäre er doppelt so alt wie sein Fahrer und er sicher keinen Schönheitswettbewerb mehr gewinnen wird.

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