Viehtransport: Vorsicht, lebende Tiere!

Oft führen die Viehtransporte über idyllisch anmutende Nebenstraßen
© Foto: Felix Jacoby

Tiertransporte sind in der Öffentlichkeit unbeliebt, aber Fleisch essen will fast jeder. Wir haben Fahrer Patrik Brühlmann bei seinem heiklen Job begleitet.


Datum:
09.06.2014
Autor:
Felix Jacoby

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Das Nachtfahrverbot für Lastwagen in der Schweiz beschert normalerweise auch dem TRUCKER-Berichterstatter geregelten Schlaf, wenn er in der Eidgenossenschaft im Einsatz ist. Nicht aber heute, denn Patrik Brühlmann hat wie seine Kollegen eine Ausnahmebewilligung, die ihm den Lastwagenbetrieb zu jeder beliebigen Zeit erlaubt. Sonntagabend um halb zehn lässt er seinen Scania R 560 warmlaufen, bis genug Druck auf den Kesseln ist.

Als die Idee zu dieser Geschichte mit dem Tiertransporteur aus Malters bei Luzern entstand, war auch ein Report im Gespräch vom Alpauftrieb der Schafherden im Frühjahr in der hochalpinen Bergwelt. Das wäre eine romantische Story aus Heidiland geworden, mit glücklich grasenden Lämmern auf sattgrünen Weiden, hätte aber kaum dem Alltag der Tiertransporteure entsprochen. Der besteht bei den üblichen, fleischlastigen Essgewohnheiten nun mal aus dem Weg des Viehs zu den Schlachthöfen.

UNTER DEM DRUCK DER ÖFFENTLICHKEIT WURDEN DIE REGELN IMMER STRENGER

Statistisch betrachtet verzehrt jeder Schweizer Bürger rund 52 Kilo Fleisch jährlich, knapp die Hälfte davon vom Schwein. Unbestreitbar hat es in früheren Jahrzehnten schwere Missstände bei einigen Viehtransporten gegeben, die von mutigen Tierschützern aufgedeckt und angeprangert wurden. Besonders bei internationalen Strecken über mehrere Tage mussten die armen Kreaturen, wenn sie an gewissenlose Transporteure geraten waren, teilweise schrecklich leiden.

Doch in den letzten Jahren beobachtete die Öffentlichkeit dieses Thema so kritisch, dass kaum noch Verstöße gegen die strenger gewordenen Regeln möglich sind. Wenn Patrik Brühlmann nur mal kurz den beladenen Anhänger zwischenparkt, um mit dem Motorwagen solo zum nächsten Kunden zum Laden zu fahren, läutet meist schon nach wenigen Minuten das Telefon, obwohl dieses Vorgehen vollkommen korrekt ist. Auch in den Schlachthöfen werden die Zustände immer wieder kritisch kontrolliert.

Das kommt der Firma aus Malters, die seit über acht Jahrzehnten im Geschäft ist, eher zugute. Schon am sauberen und hell lackierten Fuhrpark kann man erkennen, dass der Transport von lebenden Tieren hier eine Qualitätsangelegenheit ist. Dank des eigenen Waschplatzes und der aufwändig ausgerüsteten Werkstatt in der Firmenhalle wird die kleine Flotte ständig in optisch und technisch bestem Zustand gehalten.

Patrik verzichtet aus Tradition auf ein Navi. Der 28-Jährige macht den Job seit neun Jahren und kennt fast alle Anlaufstellen. Kommt eine neue Ladeadresse dazu, liefert die Dispo auf dem Frachtauftrag eine genaue Wegbeschreibung. Viele Höfe liegen in entlegenen Landstrichen an schmalen Wegen. Wer hier nicht auf seine Fähigkeiten beim Rangieren und Rückwärtsfahren vertrauen kann, ist dabei schnell verloren.

Von Luzern geht es über den Hirzel auf die Autobahn Richtung Chur; die erste Ladestelle liegt im Kanton Glarus. Es sind die Stallungen eines großen Schweinemästers, der oft angesteuert wird und mit dem die Zusammenarbeit gut eingespielt ist. Patriks Kabine ist drinnen immer perfekt sauber und wohlriechend, wenn er sich seiner schmutzigen Verladearbeit zuwendet, liegt dafür wasserfeste Schutzkleidung, wie sie Hochseefischer tragen, in einer seitlichen Staukiste bereit. Die Schweine aus ihren Ställen über die Gänge bis auf den Lastwagen zu treiben, ist körperliche Schwerstarbeit. Die Tiere haben in ihrem kurzen Leben nicht viel Anderes als den Stall gesehen, insofern ist ihnen die überraschende Aufregung ungewohnt. Trotzdem wirken die Tiere auch bei kritischer Betrachtung nicht so, als würden sie ihren herannahenden Tod spüren, selbst später im Schlachthof nicht, eher scheint ihnen die nächtliche Störung lästig.

Der Aufbau des Anhängerzuges stammt vom Fahrzeugbauer Menke-Janzen aus dem emsländischen Werlte. Die Pritsche des Motorwagens hat einen hydraulisch liftbaren Ladeboden, der Anhänger hat zwei davon. Dadurch entstehen bis zu fünf Ladeebenen. Zusätzlich zu den Hecktüren gibt es auch seitliche Ladeklappen, dazu eine Durchlademöglichkeit vom Motorwagen zum Anhänger und steckbare Trennwände. Trotz des Einsatzes von Aluminium kommt der Lastzug mit seiner aufwändigen Technik auf rund 22 Tonnen Leergewicht.

EIN WEICHER FAHRSTIL IST TEIL DES MÖGLICHST SANFTEN TIERTRANSPORTS

Nach der ersten Partie fährt Patrik ein paar Kilometer weiter zur zweiten Stallung des Kunden. Hier rangiert er den Anhänger genau an den richtigen Punkt vor der Rampe, schwingt sich wieder in seine Spezialkleidung und treibt seine lebende Ladung mit Rufen und Pfiffen auf den Lastzug. Dazu kommt noch das Zählen, durch einige entgegengesetzt laufende Schweine auf der Verladestrecke auch nicht wirklich einfach. Doch nach insgesamt einer Stunde harter Arbeit sind 190 Tiere untergebracht. Nun zeigt der Nachteinsatz auch seine Vorteile: Kaum ist das Licht im Aufbau gelöscht, verfallen die meisten Tiere in tiefen Schlaf. Es geht Richtung Zürich, dort wartet der Schlachthof ab morgens um zwei Uhr auf Nachschub aus der Provinz. Das Abladen ist eine schnelle Angelegenheit ohne große Worte, teilweise helfen die Fahrer sich untereinander. Dann reinigt Patrik in der benachbarten Waschhalle erst den kompletten Lastzug und schließlich seine Schutzkleidung. Sauber geht es wieder aus der Großstadt heraus, diesmal in Richtung Thurgau. Oberhalb von Weinfeldern wartet ein Landwirt auf die Abholung seiner Schweine. Die Straße dorthin wird eng und immer enger, ein Sattelzug hätte Probleme, noch um die Kurven zu kommen. Patrik war hier noch nie, aber in den häufigen Telefonaten der Kollegen gibt man sich Tipps. So weiß er trotz Ortsunkenntnis genau, wie er das Gehöft anzufahren hat.

Obwohl die Frühjahrsnacht nochmal unerwartet kalt ist, kommt Patrik wieder ganz schön ins Schwitzen. Bei diesen Tieren scheint es sich um eine besonders sture Rasse zu handeln. Nur sehr widerwillig verlassen sie ihre Ställe. Heikel wird nach dem Laden noch das Rangieren rückwärts aus dem engen Feldweg heraus, dabei hilft eine vielflutige Lichtanlage aus LED-Scheinwerfern, die den Rückraum hell erleuchtet.

Nun geht es zu einem Schlachtbetrieb in Sursee, mit Glück schafft es Patrik gerade noch rechtzeitig über die Züricher Nordumfahrung, bevor der fast allmorgendliche Stau entsteht. Trotz des dichten Gedrängels auf der Autobahn sollen die Tiere möglichst sanft transportiert werden, gute Viehfahrer pflegen dafür einen besonders weichen Fahrstil. Patrik liebt das Fahren, schon als kleiner Junge war er in jeder freien Stunde mit den Lastwagen der Familie unterwegs. Zudem lernte er noch LKW-Mechaniker.

Seine Liebe zum Job drückt sich auch darin aus, dass er sich die Kabine des Scania nach eigenen Vorstellungen ziemlich raffiniert umgebaut hat. Dank demontierter Unterkonsolen und damit tiefer gelegter Sitze entstand Platz für ein auf ein Meter verbreitertes Oberbett zum Herunterklappen, dessen Konstruktion von Patrik selbst stammt. Beim Kabinenveredler BJ Polstring im dänischen Padborg hat er den Innenraum nach eigenen Vorarbeiten perfektionieren lassen. Da zu gehört auch eine Beleuchtung, mit der man durch das gesamte Farbspektrum schalten kann.

Nach erneuter Fahrzeugreinigung geht es nochmal mit dem Motorwagen zu einem Hof in der Nähe, wo weitere 30 Schweine auf den Transport nach Sursee warten. Schließlich kommt er nach gut zwölf Stunden auf den heimischen Hof, wo ihn Vater Kurt begrüßt. Der nächste Einsatz entscheidet sich nachmittags, das können Schafe zum Viehmarkt, Kälber oder Rinder sein. Doch erstmal hat sich Patrik seine Pause verdient. Er ist übrigens kein Vegetarier ...

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