Fahrbericht Future Truck: Unterwegs in der Zukunft

Die Optik des Future Trucks polarisiert. Praxistauglich ist sie nicht, es fehlt an Kühlluftöffnungen
© Foto: Daimler

TRUCKER durfte als einer von wenigen schon mit dem Mercedes-Benz-Future-Truck fahren. Erstaunlich, wie simpel das autonome Fahren ist. Doch der LKW fürs Jahr 2025 wirft jede Menge rechtlicher und sozialer Fragen auf.


Datum:
23.10.2014
Autor:
Gerhard Gruenig

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Mit seinen riesigen LED-Facettenaugen sieht er aus wie ein mutiertes Mega-Insekt. Erst auf den zweiten Blick wird klar, dass unter der strömungsoptimierten Außenhaut ein Actros der aktuellen Fahrzeuggeneration steckt. Der silberne Torpedo samt aerodynamisch optimiertem Trailer ist Daimlers Vorstellung von der Zukunft des Straßengüterverkehrs. Und der Weg von Realität zu Science-Fiction ist kurz: Außer ein paar technischer Highlights, die man im aktuellen Actros nicht findet - etwa die Überlagerungslenkung, die ohne Zutun des Fahrers steuert - ist es "nur" eine Vernetzung bekannter Assistenzsysteme mit Hilfe der schon am Fahrzeug verbauten Sensorik.

Für die futuristische Optik sorgen weit heruntergezogene Türblätter. Durch verkleidete Trittstufen lässt sich der Luftwiderstand verbessern. Wie vom Serien-Actros gewohnt, führen vier Stufen in die fast leer geräumte Kabine. Nur noch wenige Elemente des Interieurs - darunter das Bett und kleine Teile des Armaturenbretts - erinnern ans Serienfahrzeug. Gestartet wird das 450-PS-Aggregat per Knopfdruck. Der aktuelle Antriebsstrang hat Gnade vor den Augen der Futuristen gefunden und entspricht der Serie.

VERKNÜPFTE TECHNIK UND VIEL BESSERE AERODYNAMIK

Auch sonst ist vieles wie beim bekannten Actros. Der Future Truck besitzt Gaspedal, Bremse und ein 12-Gang-Powershift-Getriebe. Der Fahrer fädelt sich normal auf die Autobahn ein und drückt beim Erreichen des Wunschtempos den bekannten Knopf für den Tempomaten. Erst dann zeigt sich der - gewaltige - Unterschied: Mit der Meldung "Highway Pilot aktiv" wechselt der Future Truck in den autonomen Modus. Sauber zieht er seine Spur zwischen den beiden Fahrbahnbegrenzungslinien. Selbst wenn die mal fehlen sollten, orientiert sich die kombinierte Sensorik an Bebauungsmaßnahmen und findet ihren Weg.

Dass sie auf dem Testgelände in Papenburg vereinzelt kleine Problemchen hat, liegt nicht am System. Vielmehr an den Steilkurven. Da die im realen Verkehr eher selten sind, darf man entsprechend hohe Zuverlässigkeit unterstellen. Selbst provozierte Fehlbedienung, indem man das Fahrzeug zwischen zwei Fahrbahnen lenkt, tariert der Future Truck souverän aus: Er analysiert die Situation und wählt sich eine Spur. Das alles passiert ohne Zutun des Fahrers, ohne Unruhe im Fahrzeug, ohne Bremsmanöver und äußerst sicher.

Um seinen Weg zu finden, braucht der Silberpfeil nicht mal ein vorausfahrendes Fahrzeug. Er fährt autonom durch die Vernetzung seiner Assistenzsysteme - nicht durch die Verkettung mit einem Leitfahrzeug!

Fährt ein langsameres Fahrzeug voraus, tritt der bekannte Abstandstempomat in Kraft. Der Future Truck passt sich automatisch an dessen Tempo mit passendem Sicherheitsabstand an. Nach Aussage von Markus Kirschbaum, einem der führende Daimler-Köpfe hinter dem Projekt, bleibt der Fahrer Chef im Ring: "Er ist jederzeit in der Lage, manuell die Verantwortung zu übernehmen. Daher überwachen zwei Kameras den Fahrerplatz und ein Sensor den Sitz."

"Übrigens haben wir nicht vorgesehen, dass der Truck autonom überholt", erläutert Kirschbaum. "Wenn der Fahrer die Autobahn verlässt oder an einem Kreuz die Fahrbahn wechseln will, muss er selbst steuern. Das autonome Fahren ist eine Kann-Funktion - kein Muss!"

Zum Konzept des Future Truck gehört der auf der IAA 2012 präsentierte aerodynamisch vollverkleidete Sattelauflieger. "Der allein trägt zu einer Verbrauchsreduzierung von bis zu fünf Prozent bei", erklärt Georg Stefan Hagemann, einer der verantwortlichen Vordenker in Daimlers LKW-Entwicklung. Das aktuelle Konzeptfahrzeug ist trotz hohem Sparfaktor nicht auf Praxistauglichkeit ausgelegt: "Wir haben zwar aerodynamisch eine Menge Potenzial gehoben", so Hagemann. "Aber mit den fehlenden Kühlluftöffnungen hätte das Fahrzeug bei bestimmten Einsätzen schon Probleme."

Ein schon mehrfach beschrittener Weg ist der Verzicht auf Spiegel. Im Test-LKW funktioniert das System mit zwei Kameras sehr gut. An die beiden an der A-Säule installierten LCD-Bildschirme gewöhnt sich der Fahrer schnell. Zudem hat der Future Truck den neuen Blind Spot Assist verbaut, der die Übersichtlichkeit für den Fahrer deutlich verbessert. Auch wenn es anfangs ungewohnt ist, lässt man sich schnell auf die bekannte und kombinierte Technik zum autonomen Fahren ein. Wie selbstverständlich dreht man nach kurzer Eingewöhnungsphase den Fahrersitz weg vom Lenkrad und nimmt das integrierte Tablet vom Armaturenbrett, checkt Mails, sucht und bucht den nächsten freien Parkplatz oder studiert Dispo-Anweisungen.

Während der Truck mit 80 km/h die Autobahn entlangfährt, arbeiten die installierten Systeme - Abstandshalte-, Stop-and-Go-, Notbrems- und Spurhalte-Assistent sowie die dreidimensionale Karte für den vorausschauenden Tempomaten Predictive Powertrain Control - im Verborgenen. Im Future Truck sind zudem alle FleetBoard-Telematikprodukte verbaut. Einziger Unterschied zum Serien-Actros: Im Future Truck sind sie miteinander verknüpft. Künftig kommt noch eine Fahrzeug-Fahrzeug- sowie eine Fahrzeug-Verkehrsleitsystem-Kommunikation dazu. Damit vernetzt sich der Truck der Zukunft mit allen Aspekten seiner Umgebung.

Geht es nach Daimler, soll der Future Truck schon in zehn Jahren Realität sein. Seine Vorteile liegen nach Ansicht des Stuttgarter Konzerns auf der Hand: Der Verkehr wird durch eine dann vorliegende Kommunikation zwischen den Fahrzeugen und der Infrastruktur flüssiger, menschliche Fehler lassen sich vermeiden und das teure "Gut" Fahrer wandelt sich vom LKW-Lenker zum Transportmanager. Statt Totzeit hinter dem Lenkrad nutzt der Chauffeur seine Zeit für andere, sinnvollere Tätigkeiten.

Daimler verschweigt nicht, dass bis zum autonomen Fahren eine Menge Hindernisse überwunden werden müssen. Es bedarf vor allem einer Anpassung der Gesetzgebung an diese neue Dimension des Fahrens. Technisch und juristisch muss Datensicherheit gewährleistet sein. Nicht zu vergessen verkehrsrechtliche Fragen, zu Haftung bei Verkehrsverstößen und nie ganz auszuschließenden Unfällen. Auch das Thema Lenk- und Ruhezeiten wäre neu zu diskutieren. Scheint auf jeden Fall, als wäre die Technik viel weiter als alle anderen Aspekte ...

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