MAN TGX 18.640 im Fahrertest: "Du fährst!"

TRUCKER-Redakteur Serge Voigt (l.) übergibt mit Stefan Kaserer (MAN) den Schlüssel an Fahrer Horst Hartmann (r.)
© Foto: Karel Sefrna

Der derzeit stärkste Löwe aus München - der MAN TGX 18.640 - soll Fahrer motivieren. Ob die Rechnung aufgeht, testen sechs Profis.


Datum:
28.09.2017
Autor:
Serge Voigt

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Du fährst", lässt sich Horst Hartmann nicht zweimal sagen, als er unseren roten, 640 PS starken Test-MAN auf dem Euro Rastpark Schweitenkirchen an der A 9 sieht. Der Fahrer schnappt sich den Schlüssel und steigt über die drei Edelstahlstufen ins XXL-Haus.

Neben reichlich Power und der größten Kabine hat der zum TRUCKER-Fahrertest angetretene TGX 18.640 4x2 Performance Line so ziemlich alles zu bieten, was die Optionsliste von MAN hergibt. Garniert wird der rote Renner von anthrazitfarbenen Spiegelgehäusen und einigen Anbauteilen aus Edelstahl. Die Testfahrt führt Horst und die anderen fünf Kollegen vom Autohof über die A 9 Richtung Nürnberg bis zum Autobahndreieck Holledau. Von dort geht es weiter auf der A 93 nach Wolnzach und wieder zurück.

DER GPS-TEMPOMAT MACHT MANCHEN FAHRERN ZU VIEL TEMPO

Horst fährt auch im Alltag einen TGX - allerdings mit nur 480 PS. Der 55-Jährige konnte seit seinem 21. Lebensjahr verschiedene Lkw-Modelle erproben. "Scania liegt bei mir auf Platz eins, dicht gefolgt von MAN", sagt er. Minuspunkte sammelt der Testtruck direkt nach dem Einsteigen: "Diese Staublöcher müssten die endlich mal dichtmachen", bemängelt er mit Blick auf die offenen Flächen neben dem Kühlschrank unter dem Bett. Dass der Kühlschrank unter der Liege hervorsteht, stört ihn nicht: "Ich will ja auch während der Fahrt drankommen." Überzeugen können den Westfalen der Klimasitz mit Belüftung sowie der Bordcomputer mit großem Bildschirm und der Möglichkeit, zwei Telefone anzuschließen. "Das ist praktisch."

Auf der Autobahn zeigt der Rote dann, was er kann. "Der hat Lust. Der will nach vorn", stellt Horst anerkennend fest. Den Antrieb mit Efficient Cruise hinterfragt er jedoch kritisch. Das Tempomat-System lässt den Lkw bergab, je nach eingestelltem Level, bis zu neun Kilometer pro Stunde schneller und bergauf langsamer werden. "Von meinen üblichen 84 auf 75 runter - das würde mich als Hintermann nerven."

Ob der TGX mit seinen 640 PS bergauf auch richtig ziehen kann, erprobt Pierre Sperling auf seiner Testrunde und setzt am Berg zum Überholen eines Kollegen an. "Wahnsinn, der zieht ja vorbei wie ein Pkw!", staunt er. In seinem Berufsalltag ist der 45-Jährige häufig in Südeuropa unterwegs. Die große Frontscheibe des MAN sieht er daher skeptisch. "Wenn die Sonne darauf scheint, wird es schnell zu warm in der Kabine", so seine Vermutung. Er würde sich die große Kabine mit kleinerer Scheibe wünschen.

Beim Fahrgefühl kann der MAN bei dem Scania-Fahrer punkten: "Der ist viel leiser als meiner und fährt unglaublich weich." Gewöhnungsbedürftig findet Pierre die Bedienung des Retarders, der bei MAN nur angetippt wird. "Bei meinem Scania rasten die Stufen ein, das spürt man besser." Weiteres Verbesserungspotenzial sieht der Brandenburger bei den recht massigen Spiegeln des TGX. "Im Kreisverkehr kann schon mal ein Lkw dahinter verschwinden." Das Kamera-Monitor-System, das den Bereich vorn und rechts vom Lkw für den Fahrer einsehbar macht, sammelt hingegen Pluspunkte, "auch wenn das Bild ungewohnt ist", sagt Pierre.

Als nächster Fahrer wollte Jan TalavaSek mit dem TGX eigentlich nur eine Runde über den Autohof drehen. Doch der Tscheche findet Spaß am Rangieren mit dem Testzug und parkt wiederholt ein. "Alles geht schön langsam und ganz weich, ohne zu ruckeln", lobt er das feinfühlige Zusammenspiel von Lenkung, Getriebe und Kupplung. Allerdings stört ihn die Position des Wählschalters für die Schaltbox neben dem Fahrersitz. "Das ist in meinem DAF besser, da ist er im Blickfeld." Gut findet der 32-Jährige, der seine Freundin mit auf Tour hat, dass sich das Lenkrad fast waagerecht stellen lässt, "das ist praktisch zum Essen". "So möchte ich ihn haben. Nicht zu viel Schnickschnack, aber ein paar Anbauteile aus Chrom sind ganz schön", findet Johann Ecker, als er den Testtruck sieht. Ein Bullenfänger wäre ihm zu viel des Guten. Nach dem Anschauen kommt das Anfahren und Johann lobt, wie gut der TGX am Gas hängt: "Mein Arocs legt nach dem Tritt aufs Gaspedal erst einmal eine Gedenkminute ein." Zudem spüre der Fahrer die Kraft der 3000 Newtonmeter. Mit dem GPS-Tempomaten, Efficient Cruise, geht es ihm dann stellenweise aber doch zu fix, da das System zum Schwung holen Geschwindigkeiten von über 90 Kilometer pro Stunde zulässt. Das Bremsen dagegen macht dem 51-Jährigen wieder Spaß. "Die sechs Stufen der Dauerbremse verzögern den Sattelzug trotz seiner 40 Tonnen gut."

DAS ZF-GETRIEBE SCHALTET SCHNELL UND OHNE ZU RUCKELN

Auch die Lenkung findet Anklang. "Das kleine Lenkrad finde ich sympathisch und die Lenkung geht angenehm leicht." Ebenfalls besser als bei seinem Benz findet Johann Ecker die schnellen und ruckfreien Schaltvorgänge des ZF-Traxon-Getriebes Tipmatic 12. Der Fahrer hätte das Scania-Getriebe in unserem TGX vermutet, das kommt aber nur bei den hubraumschwächeren Aggregaten zum Einsatz.

Nur das Schaukeln des Fahrerhauses stört ihn ein wenig, "aber da gewöhnt man sich an einem Tag dran", meint der gebürtige Bayer. Dafür sei das Auto leiser als sein Arocs. Die große Scheibe der XXL-Kabine sei "eher ein Grill", aber mit dem elektrischen Rollo ginge es.

"Den Cup-Holder kannste wegwerfen, da hält nichts drin", schimpft Stephan Uhlhorn, der selbst mit einem TGX im Werksverkehr unterwegs ist. Weiter hinten, im Bettbereich, fehlen ihm Anschlüsse für die vielen elektrischen Geräte, mit denen Fahrer heute auf Tour sind. Ansonsten findet er das in Schwarz und Beige gehaltene Fahrerhaus mit der großen Windschutzscheibe und den seitlichen Dachfenstern "schön hell". In diesem Zusammenhang lobt er das elektrische Frontrollo. Allerdings fehlt dem 30-Jährigen die Standklimaanlage: "Ohne die fahre ich nicht oder ich lasse mir schriftlich geben, dass der Motor in der Pause durchlaufen darf." Als es mit der Testrunde losgeht, kommt bei Stephan mehr Freude auf. "Mein Getriebe ist beim Anfahren ruppiger, der hier schaltet sanfter." Die Lenkung arbeite ohne Spiel und dirigiere das Auto genau dahin, wo es hin solle. Als er den Berg von Wolnzach in Richtung Holledau mit 89 km/h hoch zieht, staunt er, "meiner wäre da auf 70 abgefallen - das ist ein Fahrerauto!" Stephan sieht sich selbst als "Fahrer der alten Schule", der Hilfesysteme gerne ausschaltet, das Radio eingeschlossen. "So kann ich auf alles selbst achten." Der verbaute GPS-Tempomat mit seinen EcoRoll-Phasen weckt dennoch sein Interesse. "Wenn es die Umwelt schon, warum nicht?"

Auch bei Marius Markgraf verläuft der Testbeginn etwas holprig für den MAN. "Ach, der Automatikwahlhebel ist immer noch da hinten, na gut", entfährt es ihm. Schade findet er, dass der Kühlschrank so weit ins Fahrerhaus ragt. Dafür seien die verchromten Spangen am Stoßfänger und die grauen Spiegel echte "Eyecatcher. Das Rot ist aber nicht meine Farbe. Ich finde Weiß schöner und die Chromteile dann schwarz eloxiert", so der 32-Jährige. Punkten kann das Fahrerhaus dann doch noch mit dem klimatisierten Sitz: "Herrlich!"

DIE BERGANFAHRHILFE ERFORDERT EINEN FLINKEN FUSS

Die Berganfahrhilfe findet Marius bei seinem Scania R 450 besser. Die hält das Fahrzeug die ganze Zeit, während Easystart von MAN dem Fahrer nur zwei Sekunden lässt, um den Fuß von der Bremse aufs Gas zu bringen, bevor die Fuhre nach hinten rollt.

Auch der gebürtige Brandenburger sieht die Überschwinger des GPS-Tempomaten kritisch: "Vor allem an langen, sanften Gefällestrecken muss ich da aufpassen, dass die Geschwindigkeit im Rahmen bleibt". Zudem denkt er an seine Hintermänner, die so ein System nicht haben und von der Rollphase vor einer Kuppe ausgebremst werden. Die Lenkung am "angenehm griffigen" Lederlenkrad findet Marius "ganz schön weich". Auch mit der Bedienung des Retarders kann er sich nicht ganz anfreunden. Auch ihm fehlt das klare Einrasten der einzelnen Stufen.

Gegen Endes des Tages und seiner Testrunde wagt es Marius allem Fahrspaß am Berg zum Trotze dann doch und stellt die Verbrauchsfrage: "Geht der unter 30 Liter?" "Ja, unter bestimmten Bedingungen schon", antwortet MAN-Mann Stefan Kaserer.

JT, SV

So gut, wie der Motor bei den Testern ankommt - für die angejahrte Kabine haben sie einige Ideen, was MAN besser machen könnte.

So lange es nicht zu viel wird, sind Anbauteile aus Chrom schon schön.

Johann Ecker steuert einen Arocs mit 510 PS

Der TGX ist nicht so laut wie mein XF. Mit der Zeit werden aber alle Lkw lauter.

Jan Talavasek ist mit einem DAF XF 510 unterwegs

Der wäre ein super Arbeitsgerät. Ich würde gern sofort umsatteln.

Horst Hartmann fährt einen MAN TGX mit 480 PS

Wenn der GPS-Tempomat die Umwelt schont, warum nicht?

Stephan Uhlhorn lenkt einen MAN TGX 26.440

Der zieht auch beladen an wie ein Pkw - das hilft, wenn ich überholen muss. Pierre Sperling

lenkt einen Scania R 450

Das Lenkrad mit Lederbezug ist schön griffig, die Lenkung aber sehr weich.

Marius Markgraf fährt einen Scania R 450

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