Studien: Daimlers smarte Zukunft

Daimler Urban e-Truck in voller Fahrt: Das Package funktioniert
© Foto: Daimler

Vision Van und Urban e-Truck geben erste Hinweise, wie Daimler sich die nächste Sprinter- und schwere Lkw-Generation vorstellt.


Datum:
20.11.2016
Autor:
Gregor Soller

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Dezente Rundungen, digitale Cockpits und schlichte Eleganz verbinden Daimlers IAA-Studien Vision Van und Urban e-Truck. Obwohl beide unabhängig voneinander entstanden und die Vorstände jeweils (fast) nichts vom anderen Projekt wussten.

Beide eint auch ihre prinzipielle Fahrfähigkeit, da fast ausschließlich Komponenten verbaut wurden, die bereits existieren oder die sich auf dem konkreten Weg zur Serie befinden. Und was hat der Fahrer davon? Im Idealfall einen viel entspannteren Arbeitsalltag!

Steigen wir zuerst in den Urban e-Truck, dessen Rohbau und Interieur den Fahrern aller aktuellen schweren Baureihen bekannt vorkommen dürfte. Doch statt der klassischen Zeigerinstrumente blickt man jetzt auf ein Display, das dank blauem "LED-Rahmen" im Instrumentenausschnitt zu schweben scheint - ebenso wie der Touchscreen auf der Mittelkonsole, auf dem sich diverse Inhalte wie Audiodateien, Reichweite oder Wetterinfos steuern und abrufen lassen. Wobei das mit dem Steuern des Wetters noch nicht ganz klappt ...

DAS BATTERIEPAKET BRAUCHT WENIGER PLATZ UNTER DEM KABINENBODEN

Da Daimler den Diesel unterm Kabinenboden gegen ein deutlich flacheres Batteriepaket tauschte, schrumpfte der "Motortunnel" zu einem kleinen Podest, was den Durchstieg erheblich erleichtert. Kameras ersetzen die Außenspiegel, was bei vielen Lkw bald ohnehin in Serie kommen wird.

Die Technik präsentierten wir bereits im Trucker 10/2016 - die Ingenieure optimierten exakt die Punkte, die beispielsweise am Schweizer E-Force auf Iveco-Stralis-Basis bisweilen noch kritisiert werden: Die teuren Batterien packte man geschützt mittig in den Leiterrahmen, damit sie nicht angefahren werden können. Die Elektrokomponenten hängen außen am Rahmen, fein säuberlich getrennt in Hochvoltkomponenten auf der Beifahrerseite und Niedervolttechnik auf der Fahrerseite.

Und das Fahrerlebnis? Da dürfte der Urban e-Truck dem E-Force folgen, ganz im positiven Sinn: Volles Drehmoment schon aus dem Stand sorgt auch beladen für flotte Beschleunigung. Im Stop-and-go-Verkehr lässt sich mit so einem Brummer ordentlich "Saft" rekuperieren. Und die summende Soundkulisse ist so viel leiser als die bei den Standard-Antos nagelnde OM-Bruderschaft - die nicht gerade für zarte Umgangstöne bekannt ist.

"Smart" ist also ein gutes Stichwort für die Zukunft im Urban e-Truck, von dem wir in den Vision Van umsteigen. Der geht einen deutlichen Schritt weiter Richtung Zukunft. Lenkrad und Pedale haben die Designer gleich mal rausgeworfen und durch einen Joystick ersetzt. Der ist allerdings keine Zukunftsmusik, sondern wird so schon im Handel angeboten: Sowohl Niederflurfahrzeuge als auch Elektrorollstühle werden heute bereits damit dirigiert. Als Rechtshänder säße man allerdings lieber in einer Rechtslenkerversion, denn der Umgang mit dem sehr spontan ansprechenden, aus dem Vollen gefrästen Edel-Stick erfordert Gewöhnung.

Gespenstisch ist dagegen das selbstständige Starten und Landen der Lieferdrohnen, deren Status im Zentralsdisplay angezeigt wird. Dazu führen sie mit jedem Päckchen auch einen frischen Akku mit, der entsprechend klein ausfallen kann und die sorgenfreie Zustellung jedes Packstückes garantiert. Aber für jedes kleine Päckchen einen kleinen Akku? Nun ja, da fehlt es eben noch an Reichweite, bekennt man bei Daimler, so wie überhaupt die ganze Drohnenthematik noch in der Schwebe sei ... Bei Mercedes ist man sich aber trotzdem sicher, dass die fliegenden Zusteller kommen werden!

State of the Art ist dagegen das automatisch bestückte Regal, das komplett vorkonfektioniert in den Vision Van geschoben wird. Damit arbeiten die Logistiker bereits seit einiger Zeit, denn im Prinzip handelt es sich um ein automatisiertes Mini-Hochregallager, das eben in einen Van geschoben wird, wo es dann auch genauso agiert.

Der Fahrer bekommt vorn nur noch angezeigt, wohin er fahren muss und erhält das jeweilige Päckchen automatisch am Haltepunkt in den Ausgabeschacht geworfen - voilà!

Aber es geht doch alles Richtung autonomes Fahren - braucht der Vision Van den Fahrer da überhaupt noch?

IM VERTEILERVERKEHR BLEIBT DER FAHRER NOCH LANGE UNERSETZLICH

Auf absehbare Zeit wird er auch im KEP-Bereich nicht zu ersetzen sein, denn aktuell kennt nur der Mensch alternative Adressen oder weiß, wo er klingeln kann, um sein Päckchen im Zweifel trotzdem loszuwerden. Oder wo er besser nicht läutet, um sich und seinem Chef späteren Ärger zu ersparen.

Ebenfalls noch nicht zukunftsfähig präsentiert sich der innerstädtische Verkehr, der bis zur autonomen Entspanntheit noch einige Jahrzehnte der Entwicklung vor sich haben dürfte. Bis dahin werden sich Urban e-Truck und Vision Van weiterhin durch Staus und Umleitungen quälen und in zweiter Reihe stehen, bevor sie wieder ein paar Meter durch die Großstadt gleiten dürfen. Wenngleich das "Herumstromern" schon mal mehr Spaß macht als das "Herumdieseln"!

Trucker Interview

Warum Daimlers Designer "Ameisen tätowieren"

Kai Sieber, Leiter Design bei Mercedes Van und Truck, erläutert die Hintergründe für die Entstehung der IAA-Studien.

Wie weit sind die beiden Studien Vision Van und Urban e-Truck von der Realität entfernt?

Sieber: Technisch gar nicht so weit. In beiden Konzepten steckt viel Technik, die man heute schon kaufen kann. Wir arbeiten hier viel mit Start-ups zusammen. Vieles braucht sicher noch Arbeit im Detail, aber das wird kommen.

Haben Sie dafür ein Beispiel?

Sieber: Die Drohnen des Vision Van. Hier kooperieren wir mit Matternet. Die Quadrokopter-Drohnen des US-Start-ups fliegen zum Beispiel bereits in einem Pilotprojekt mit Unicef HIV-Proben Neugeborener zu Testlaboren in Malawi. Das beschleunigt die Diagnose drastisch und reduziert die Kosten. Die Testläufe verliefen erfolgreich - das kann man auch auf die Stadt ausweiten. Die Lieferdrohnen gestalteten wir sowohl technisch als auch optisch nach Mercedes-Benz- Ansprüchen.

Aber der Job bleibt doch anstrengend - das Parken in zweiter Reihe und das häufige Ein- und Aussteigen. Welche Ideen gibt es hier?

Sieber: Das lässt sich so schnell nicht ändern. Trotzdem kann man die Sicherheit verbessern. Das sehen Sie am besten im total reduzierten Interieur des Vision Van. Die Idee war hier eine Art Schwimmring für Kinder, in dem die einfach durchs Wasser treiben. Lenkrad und Pedale flogen dabei gleich mal raus. Sie stören auch nur, wenn man alle paar Meter aussteigen muss. Stattdessen steuert man den Vision Van mit einem kleinen Joystick und der Fahrer erhält nur die absolut wichtigen und nötigen Infos angezeigt. So scannt der Vision Van sein Umfeld ab und zeigt dem Nutzer über grüne oder rote Streifen im Boden an, ob er aussteigen kann oder nicht. Hochkomplexe Technik und Intelligenz verbirgt sich hinter dem maximal reduzierten und dennoch sinnlichen Design. Nur die notwendigsten Informationen schimmern durch den Stoffbezug des Cockpits. Außen übernehmen der LED-Grill und die Beleuchtung am Heck die Kommunikation mit der Umwelt.

Inwieweit nimmt der Vision Van den neuen Sprinter vorweg?

Sieber: Gar nicht! Trotzdem werden wir beim Sprinter gemäß unserer neuen Designphilosophie soweit wie möglich auf Sicken und Fugen verzichten. Würden wir ihn so glatt gestalten wie den Vision Van, könnte man die Seitenbleche drücken wie bei einem Knackfrosch. Darum wird der neue Sprinter mehr Linien und Sicken aufweisen.

Gilt das auch für den Urban e-Truck?

Sieber: Ja. Auch hier haben wir die großen Flächen spannend modelliert und so weit wie möglich auf Linien verzichtet. Wir haben vom Ur-Actros gelernt, denn die vielen Linien im Rohbau mussten bei der Transformation über den MP2 zum MP3 an der Front irgendwo hinlaufen. Da tut man sich mit glatten Flächen viel leichter und spätere Facelifts können dem Auto so einen ganz anderen Charakter verleihen, wie man hier sieht. Der Urban e-Truck hat ein völlig neues, futuristisches Erscheinungsbild, wobei die Serien-Blechteile der Kabine unverändert übernommen wurden.

Verbessern glatte Flächen die Aerodynamik?

Sieber: Nicht so sehr, wie man meinen möchte. Das Grundvolumen bleibt gegenüber den aktuellen Fahrzeugen ja gleich und diese sind aerodynamisch schon sehr stark ausgereizt. Große Vorteile könnte allenfalls eine längere Front bringen, die die Anströmung ändert. Dazu kämen im Falle der Elektro-Lkw natürlich die nicht mehr benötigten Kühlluftöffnungen. Das gilt auch für den Vision Van, der im Heckbereich im Prinzip den gleichen Abströmwinkel hat wie der aktuelle Sprinter.

Vereinfachen denn die großen Flächen die Gestaltung?

Sieber: Im Gegenteil. Damit sie wirklich gut aussehen, muss man sie wochenlang "zurechtzupfen". Wenn wir diesbezüglich eine Sitzung hatten, sprachen wir immer davon, dass wieder "Ameisen tätowiert" werden müssten. Da ging es wirklich oft um Bruchteile von Millimetern!

Hatten Sie bei der Gestaltung der Fahrzeuge historische Vorbilder im Daimler-Konzern?

Sieber: Beim Vision Van war das der Transporter L319 (1955 bis 1968 gebaut), den ein extrem kurzer vorderer Überhang, eine markante Sicke und ein glattes Heck auszeichnen. Man kann dessen starken "Unterkiefer" auch in den ersten Skizzen zum Urban e-Truck wiedererkennen. Doch wie gesagt: Die großen Revolutionen im Design werden nicht mehr zwangsläufig außen, sondern innen - konkret in der Vernetzung unserer Produkte und dem daraus resultierenden User-Interface - stattfinden!

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