Supertest Mercedes-Benz Actros 1843 Streamspace

Der Mercedes-Benz Actros 1843 Streamspace schneidet gut ab
© Foto: Karel Sefrna

Mercedes erweitert das Motorenangebot für den Actros um eine 10,7-Liter-Version. Im TRUCKER-Supertest trumpft der "Kleine" groß auf.


Datum:
24.10.2013
Autor:
Gerhard Gruenig

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Bei Mercedes scheinen PKW- und LKW-Sparte Hand in Hand zu gehen: Was in der "Matchbox-Fraktion" funktioniert - eine S-Klasse mit leistungsfähigem Vierzylinder - müsste doch auch beim LKW gehen? Gut, einen Vierzylinder traut sich "der Daimler" im Actros natürlich nicht zu. Aber mit gut zwei Liter weniger Hubraum als der OM471-Standard muss der neue 1843 klarkommen. Eines vorweg: So gut, wie es in der S-Klasse ein raffinierter Vierzylinder tut, so gut läuft auch der Actros mit "Magermotor".

Der "kleine" Sechszylinder namens OM470 bringt es in maximaler Ausbaustufe auf 428 Pferdestärken und ein maximales Drehmoment von 2100 Nm. Die Papierwerte signalisieren nicht eben überschäumendes Temperament. Im Transportalltag schlägt sich der 10,8-Liter durchaus tapfer. Er läuft mit weniger Vibrationen als sein großer Bruder, klingt ein wenig kerniger und einzig an steilen Anstiegen bei voller Ausladung vermisst man den fehlenden Hubraum und die 20 Mehr-PS des OM471.

TROTZ GERINGEREM HUBRAUM KAUM WENIGER BREMSLEISTUNG

Überraschend kräftig zeigt sich die Turbomotorbremse. In vielen Gefällen der TRUCKER-Supertestrunde hat sie keine Probleme, den 40-Tonner in Zaum zu halten. Wenig Zutrauen in die eigene (Brems)Leistungsfähigkeit scheint Daimler dagegen zu haben - wie sonst ist es zu erklären, dass der Test-Truck zusätzlich den famosen Wasser-Retarder spendiert bekam? Zugegeben ist das die Kirsche aufs Sahnehäubchen: Die verschleißlose Hydrobremse ist erstklassig in das automatisierte Bremsmanagement integriert und sorgt für ein Plus an Sicherheit und Komfort. Weil der OM470 deutlich leichter ist als der 13-Liter-Motor, beeinflusst der Retarder nicht mal die Gewichtsbilanz wirklich negativ. Mit 7220 Kilo ist der Test-LKW der leichteste Actros, den wir bislang auf der Waage hatten.

Die automatisierte Powershift-3-Schaltung harmoniert gut mit dem neuen Motor. In der kleinen Gruppe lässt sie den Sechszylinder etwas weiter ausdrehen und überspringt sinnvoll Gangstufen. In der großen Gruppe orientiert sie sich am grünen Bereich, wechselt, auf niedrigen Verbrauch bedacht, die Gänge und schaltet frühzeitig in den höchstmöglichen Gang. Das klappt selbst auf der Landstraße gut, wo der 1843 bei 60 km/h mit wenig Touren im zwölften Gang seine Bahnen zieht. Lohn dieser Auslegung ist ein enorm niedriger Verbrauch. So unterbietet der 1843 mit 10,8-Liter-Motor - und 25,3 l/100 km - sogar einen kürzlich getesteten 420er-Euro 5 mit 13-Liter-Aggregat - bei nahezu identischer Durchschnittsgeschwindigkeit!

DER GPS-TEMPOMAT PPC FUNKTIONIERTE IM TESTWAGEN SCHLECHTER ALS SONST

PPC, der intelligente GPS-Tempomat, scheint im aktuellen Testfahrzeug nicht ganz so gut zu funktionieren wie bei vorangegangenen Tests. Üblicherweise ist man als Fahrer auf bekannter Strecke ab und an geneigt, helfend einzugreifen. Meist kommt einem gerade der Gedanke, doch PPC reagiert gleichzeitig. Beim 1843 lässt sich das System ein wenig mehr Zeit, geht etwas später vom Gas und schaltet auch minimal früher zurück. Da scheint Mercedes nicht das rechte Vertrauen in die Qualitäten des kleinvolumigen Motors zu haben - oder PPC hatte einfach einen schlechten Tag.

Alle anderen Assistenten sind gut drauf. Der bei der Handlingfahrt aktivierte Abstandstempomat regelt akkurat, der Spurbindungsassistent meldet sich nur zu Wort, wenn's absolut sein muss. Als wär es schon Gewohnheit, sah allerdings der Notbremsassistent mal wieder ein Hindernis, das gar nicht da war. Doch außer einem kurzen Piepser und einer ebenso minimalen akustischen Warnung war der Spuk so schnell vorbei, wie er kam. Zumindest ist man als Fahrer wieder "wach" und legt nach Analyse der Situation das Gaspedal leicht an, um einen eventuellen Bremsvorgang zu vermeiden. Besser einmal zu viel aufgemerkt, als vorm Stauende in der Bredouille ...

Beim Test-Actros lasten rund 200 Kilo weniger auf der Vorderachse als bei einem 1845. Im Alltag merkt der Fahrer das an einer minimal strafferen Vorderachsfederung des grundsätzlich eher straff abgestimmten Mercedes. Zumindest nimmt die Komfortfederung der Kabine auch schlechten Straßen ihren Schrecken - dafür neigt sie sich ein wenig in scharf gefahrenen Kurven. Die Lenkung legt Mercedes leidlich direkt und mit variablem Übersetzungsverhältnis aus. Dennoch erlauben fünf Umdrehungen von Anschlag bis Anschlag nicht die Präzision eines Iveco, MAN oder Scania. Mit Vierbalg-Luftfederung könnte auch die Hinterachse ein wenig dezenter auftreten. Vor allem bei Teilbeladung und mit leerem Trailer ist der Benz ein "harter Hund" und einem Scania nicht unähnlich.

DER FAHRERPLATZ IM ACTROS FÄLLT IN PUNKTO ERGONOMIE VORBILDLICH AUS

Der Fahrerplatz des Sternen-Lasters ist gut sortiert, übersichtlich und in punkto Ergonomie aktuell das Non-Plus-Ultra. Die im Multifunktionslenkrad untergebrachten Funktionen erschließen sich auch ohne großes Studium der Bedienungsanleitung. Das Menü des Bordcomputers hat Mercedes übersichtlich und im Stil aktueller Computer-Betriebssysteme organisiert. Zudem zeigt sich das Display für PPC mit neuen Funktionen und mehr Informationsgehalt.

An den Arbeitsplatz zu gelangen, ist zunächst mal mit der Hürde von vier steilen Stufen verbunden - Lohn der Kletterpartie ist ein ebener Fahrerhausboden. Auch ohne das voluminöse Hochdach der Gigaspace-Kabine können Fahrer bis 1,90 Meter problemlos stehen. In dieser Position lassen sich dann auch gleich das "Mückennetz" oder die Verdunkelungsblende am ansonsten elektrisch betätigten Schiebedach arretieren. Abgesehen von diesen guten Ideen könnte Mercedes dennoch an einigen Details feilen: Der Aufstieg zur Frontscheibe mit kleinen Tritten und Griffen ist keine Offenbarung. Und wer abgesattelt hat, sucht vergeblich eine sinnvolle Unterbringung für die losen Leitungen und Kabel. Wir haben uns schon mehr als einmal an den scharfen Klammern aufgerissen, in denen die Luftdruck-Verbindungen Platz finden sollen!

Und wenn schon Aero-Kabine à la Streamspace, sollte Mercedes mal über einen von unten justierbaren Dachspoiler nachdenken. Wer häufig Trailer wechselt, würde sich darüber freuen. Wie das geht, könnte man bei den ATe-Modellen von DAF abschauen. Die Spiegel des Mercedes bieten ein breites Blickfeld, die mächtigen Gehäuse verstellen aber die Sicht beim Abbiegen. Zumindest verwehrt beim Test-Truck keine Sonnenblende den Blick nach oben. Das hat noch einen weiteren Vorteil: keinerlei Windgeräusche im generell nicht sehr leisen Benz.

Die Klimatisierung im Actros gibt kaum Raum für Kritik. Einmal eingestellt, erfreut die elektronische Regelung durch zugfreie Belüftung und konstante Temperatur. Groß gewachsene Fahrer monieren allenfalls den eingeschränkten Verstellbereich des Sitzes in Längsrichtung. Auch das Lenkrad könnte ein wenig weiter in der Neigung verstellbar sein. Der fallweise montierte Beifahrer-Klappsitz schafft im Solobetrieb Flexibilität und Platz. Als Dauerlösung zum Sitzen ist er aber unzumutbar.

Die Kabine zeigt sich grundsätzlich zweckmäßig eingerichtet. Materialien und Verarbeitung genügen auch hohen Ansprüchen. Das "Mandelbeige" des Interieurs wirkt freundlich, ist aber schmutzempfindlich. Die lange Optionsliste erfüllt nahezu jeden Fahrerwunsch. Wer ausschließlich alleine unterwegs ist, sollte über Solostar mit "Lümmelecke" und ersatzweise ein Gepäcknetz an Stelle des oberen Bettes nachdenken. Wer häufig zu zweit fährt, nimmt besser gleich die Gigaspace-Kabine!

In der Endabrechnung zeigt sich der 1843 Streamspace als echter Allrounder mit akzeptablem Gewicht, sehr gutem Verbrauch, angemessenem Komfort und vielen fahrerorientierten Lösungen. Dabei gelingt ihm der Spagat zwischen preiswerter Flottenlösung und einem Ausstattungs- und Platzniveau, mit dem auch Fahrer kleinerer Speditionen - die erfahrungsgemäß besser ausgestattete LKW bevorzugen - glücklich werden.

Letztlich stellen wir uns die Frage, warum nicht gleich ein 1843 zum Test kam - und, wer künftig noch einen 1845 kaufen soll? Der erweist sich in allen wichtigen Belangen als unterlegen. Und selbst wenn das gut vorbereitete Testfahrzeug im Euro Truck Test (Heft 9/13) nicht mehr verbrauchte, schaut die Praxis anders aus: Der kleine Bruder ist einfach besser!

TRUCKER-FAZIT | Der Kleine kommt groß raus

Ich prophezeihe dem 1843 eine große Karriere! Er ist sparsamer und leichter als der 1845, kostet weniger und läuft kaum schlechter. Wer nicht ständig mit 40 Tonnen und in den Kasseler Bergen unterwegs ist - also die Mehrzahl aller Nutzer - kann sich den 13-Liter-Motor sparen. Die Kombination mit Streamspace-Aerokabine ist das Tüpfelchen auf dem i. Nur der Retarder muss sein.

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