Dieselklau hat Konjunktur

Dieselklau: In weniger als fünf Minuten zapft ein geübter Dieb den Tank leer
© Foto: Gregor Soller

Je höher der Dieselpreis ist, desto öfter wird der Treibstoff von Kriminellen abgezapft. Wenn man die Methoden beim Spritklau kennt, kann man sich besser dagegen schützen.


Datum:
11.10.2013
Autor:
André Gieße

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Die Masche ist fast immer gleich und vergleichsweise einfach: Tankdeckel auf, Schlauch rein, Kanister drunter, Pumpe an, Pumpe aus und weg.

Nicht zuletzt wohl auch deshalb hat Dieseldiebstahl Konjunktur. Und die springt vor allem bei steigenden Dieselpreisen an. Das haben Statistiker des Bayerischen Landeskriminalamtes ermittelt (siehe Grafik unten). Ihre Beobachtungen gelten aber auch für andere Bundesländer. "Auch für das laufende Jahr ist zu erwarten, dass die Anzahl von Dieseldiebstählen weiterhin auf hohem Niveau bleibt", prognostiziert Ludwig Waldinger, Kriminalhauptkommissar im Bayerischen Landeskriminalamt.

DIE TÄTER KOMMEN AUCH AUS DEN EIGENEN REIHEN

Die größte Variable beim Dieseldiebstahl: die Täter. Sie reichen von Kleinkriminellen über organisierte Banden bis hin zu den Mitarbeitern des Betriebs. Letztere haben zum Beispiel einen Lebensmittelspediteur aus der Nähe von Bielefeld beklaut. "Wir haben vergangenes Jahr mehrere Mitarbeiter erwischt", sagt der Spediteur, der nicht genannt werden möchte, da er sicherheitstechnisch aufgerüstet hat und niemanden einen Tipp geben möchte, welches Werkzeug für seine LKW jetzt nötig ist. "Ich habe Angst davor, dass die Täter aufrüsten und größere Schäden an den Fahrzeugen entstehen könnten."

Das Besondere an dem Fall ist, dass der Diesel nicht wie meist aus der Sattelzugmaschine abgezapft wurde, sondern aus dem Tank des Kühlaggregates. Er fasst zwischen 200 und 250 Liter und war nicht gegen Diebstahl gesichert. Aufgeflogen ist das Ganze, weil die Diebe zu gierig wurden und die vermeintlich verbrauchten Dieselmengen aus dem Kühlaggregat nicht mehr zur Laufleistung passten. Inzwischen sind die Fahrzeuge des Unternehmers komplett mit massiven Stahleinsätzen in der Tanköffnung ausgestattet. "Netze lassen sich zu leicht durchstoßen."

Seitdem ist Ruhe. Den unloyalen Mitarbeitern wurde gekündigt und zum Teil Anzeige gegen sie erstattet. "Man muss die Mitarbeiter manchmal auch vor sich selbst schützen." Um ein Kavaliersdelikt handelt es sich hier nicht: Auf Diebstahl und Hehlerei stehen Geldstrafen und/oder Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren.

Auf dem durch Dieseldiebstahl entstandenen Schaden bleiben die Unternehmen in der Regel sitzen. "Dieseldiebstahl ist grundsätzlich nicht mitversichert - bei keinem Versicherer", sagt Karsten Eichner, Sprecher beim Versicherer Kravag. Die Versicherung greife nur bei Diebstahl des kompletten Fahrzeugs oder fest eingebauter Teile. Beschädigungen am Tank oder Tankdeckel sind nur bei der Vollkasko abgedeckt. "Allerdings wird vermutlich der Preis des Tankdeckels unter der vereinbarten Selbstbeteiligung liegen."

ZUR ZEIT IST DAS SAUERLAND BEVORZUGTES DIEBESREVIER

Organisierte Täter agieren meist im Schutze der Nacht und in Gruppen. "Zwei stehen Schmiere, zwei pumpen ab und schleppen die Kanister, der Fahrer wartet im Kleintransporter", erklärt Norbert Idel, Geschäftsführer der Detektei Acon. Er habe auch schon gehört, dass anstelle von Kanistern ein Tankbehältnis in den Transporter eingebaut ist.

Immer häufiger verschwindet Diesel in letzter Zeit im kleinen Hochsauerlandkreis. "Seit zwei Jahren wird die Bundesautobahn 46 ausgebaut, und auf den Baustellen am Waldrand stehen zig Fahrzeuge", berichtet Polizeihauptkommissar Ludger Rath, Pressesprecher der Kreispolizeibehörde des Hochsauerlandkreises. Solche abgelegenen Fleckchen seien ideales Terrain für einen Beutezug. "Man sieht keinen kommen, man sieht keinen gehen, und am nächsten Morgen sind die Tanks leer", sagt er. Typische Tatorte seien aber auch Firmengelände und Industriegebiete. Denn neben Baumaschinen werden in der Region vor allem die Tanks von LKW geknackt.

Mittlerweile haben viele Unternehmen ihre Lehren gezogen. "Baufahrzeuge werden zum Beispiel nicht mehr vollgetankt und tagsüber leer gefahren, damit es nichts zu holen gibt", sagt Rath. Er weiß von Speditionen, die die Tanks gar nicht mehr abschließen, weil sie glauben, dass der Deckel Gauner sowieso kaum abschreckt. "Wenn der Deckel nicht aufgeht, wird er entweder aufgebrochen oder einfach ein Loch in den Tank des LKW gestochen, was einen höheren Schaden zur Folge hat", sagt der Polizeihauptkommissar. Detektiv Idel sieht das anders: "Jede Behinderung macht Sinn." Das Knacken dauere länger und verursache Krach; beides schrecke ab.

Dass Diebe erwischt werden, ist selten - außer, man hat Glück wie eine Spedition in Bremervörde. Am 12. August sah ein Zeuge nachts zwei Verdächtige an einem LKW-Tank hantieren, sie flüchteten unverrichteter Dinge. Später nahm die Polizei zwei junge Männer aus Stade fest. Auf der Transporterladefläche: 34 Benzinkanister, eine Kraftstoffpumpe, zwei Schläuche.

Doch meist gibt es weder Zeugen noch Spuren, die Aktionen laufen schnell und leise ab. Oft während der Fahrer im LKW schläft. "Das ist eine Sache von fünf Minuten", sagt Polizeihauptkommissar Rath. Erschwerend ist, so Idel: "Die Kennzeichen sind geklaut und damit sind eventuelle Videoaufnahmen vom Rastplatz wertlos."

Für Fahrer, die die Nacht über auf Parkplätzen stehen müssen, hat der private Ermittler einige Tipps:

- Nicht am Waldrand parken - der gibt Dieben Deckung.

- Besser neben als hinter den Kollegen parken - so müssen die Ganoven zwischen die Fahrerhäuser.

- Bewachte oder zumindest große Parkplätze mit viel Betrieb und guter Beleuchtung anfahren - Täter bevorzugen kleinere, wenig frequentierte Anlagen.

Die Schutzmöglichkeiten sind leider übersichtlich. Neben abschließbaren Tankdeckeln und mehr oder weniger massiven Einsätzen für den Einfüllstutzen bleiben noch elektronische Helfer. Die mechanischen Lösungen können Täter zudem zu einer rabiateren Vorgehensweise provozieren.

Diskreter arbeiten elektronische Überwachungssysteme. Sie werden beispielsweise zwischen den Tankgeber und die Tankanzeige geschaltet und kontrollieren den Füllstand nach Abschalten der Zündung. Eine Alternative sind Ultraschallsensoren am Tank. Fällt der Kraftstoffpegel, wird sofort ein Alarm ausgelöst. Entweder laut per Sirene oder still per SMS oder E-Mail. Wer sich dann beeilt, ist da, bevor der Dieb weg ist.

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