Expertenkongress mit der BG Verkehr

Zum Thema Unfallvermeidung diskutierten die Experten in Hamburg
© Foto: Sabine Köstler

Zum zweiten Mal trafen sich Spediteure, Fahrzeughersteller und die Führungsspitze der Berufsgenossenschaft Verkehr, um sich über die Fortschritte bei der Prävention von Abbiegeunfällen auszutauschen.


Datum:
21.12.2016
Autor:
Sabine Köstler

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Bei dieser Art von Unfällen geht es immer um schweres menschliches Leid", betonte Klaus-Peter Röskes, Vorsitzender des Vorstandes BG Verkehr in seiner Eröffnungsrede in Hamburg, "und das betrifft auch den Fahrer". Selbst wenn er äußerlich unverletzt bleibe, sei durch ein solches Ereignis in der Regel ein schweres Trauma die Folge.

Röskes war es zu Beginn der Veranstaltung rund um Präventionsmöglichkeiten wie etwa Kamera-Monitor-Systeme ein besonders Anliegen, darauf hinzuweisen, "dass in der Öffentlichkeit falsche, irreführende Aussagen existieren, die den Ruf der Branche beschädigen". Vielfach höre man, es gebe vonseiten der Hersteller technische Lösungen, die von den Anwendern aus Kostengründen nicht akzeptiert würden, auch die BG würde sich sträuben. "Ich verwehre mich gegen solche Aussagen. Denn es gibt diese eine Lösung nicht. Es gibt bislang Hilfsmittel wie Assistenzsysteme, doch eine verbindliche Lösung steht bislang aus."

Auch Jörg Hedtmann, Leiter des Geschäftsbereiches Prävention der BG Verkehr, sprach den Schweregrad von Abbiegeunfällen - etwa zwischen Lkw und Fahrrad - an: "Für das Opfer wie für den Fahrer ändert sich binnen weniger Sekunden für immer das Leben." Für einen Lkw-Fahrer sei das Abbiegen in der Stadt eine der schwierigsten zu bewältigenden Verkehrssituationen. Seit 2013 habe sich aber viel getan, sagte Hedtmann, und präsentierte in Hamburg neue präventive Ansätze, die aktuellsten technischen Systeme und städteplanerische Projekte.

NACH DEM UNFALL RUND 400 ARBEITSUNFÄHIGKEITSTAGE

Michael Fischer, Assistent der Geschäftsleitung Prävention, berichtete, dass bei den beteiligten Lkw-Fahrern wegen der psychischen, posttraumatischen Belastung im Schnitt 400 Ausfalltage nach einem solchen Unfall anfallen. Die Fahrer würden mit der Schuldfrage nicht fertig. Die BG habe, nachdem sich die Branche noch vor wenigen Jahren "in einer Art Agonie befand", Kontakt zu Fahrzeug- und Kamera-Herstellern, Unternehmen, Städten und Ministerien gesucht.

Fischer stellte neben praxisnahen Maßnahmen wie Spiegel-Einstellplanen, Fahrerunterweisungskarten oder 30.000 gedruckten Lkw-Aufklebern eine kürzlich abgeschlossene Studie der BG zum Nutzen und der Qualität von Kamera-Monitor-Systemen KMS vor. Auch "Präventionsmaßnahmen, die keine sind", sprach Fischer an: etwa die Fresnel-Linse oder auch den Rieber-Spiegel, der an der A-Säule der Fahrzeuge verbaut wird.

Mit einem schockierenden Unfall-Video, bei dem ein komplett überrollter Fahrradfahrer wie durch ein Wunder mit leichten Blessuren davonkam, eröffneten Björn Ostermann und Markus Koppenborg vom Institut für Arbeitsschutz der Deutschen Gesellschaftlichen Unfallversicherung IFA ihren Vortrag.

Der Fahrzeugführer hatte den Unfall nicht bemerkt und wurde erst viele Kilometer später von der Polizei auf das Geschehen aufmerksam gemacht - eine der Problematiken solcher Unfälle. Eines der Arbeitsergebnisse der KMS-Studie (vom IFA durchgeführt) ist ein Anforderungsprofil von 48 Kriterien, die solche Systeme erfüllen sollten. Nur vier sind bislang vonseiten der Hersteller noch offen.

Mehrere Ideen zur Unfallvermeidung stellte Burkhard Horn von der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt der Stadt Berlin vor. An manchen Zählstellen der Stadt registriert man bis zu 15.000 Fahrradfahrer pro Tag. Die Stadt setzt auf Mobilitäts-Erziehung bereits in Kindergärten und Schulen und sucht den Dialog mit der Bevölkerung.

Auf einer zu diesem Zweck eingerichteten Website sammelte man 5000 Kommentare zum Stadtverkehr. Außerdem wirbt Berlin via Facebook mit einem Rapsong für mehr Verständnis zwischen Lkwund Fahrradfahrern. Innovativ zeigt man sich auch städtebaulich: Horn berichtete von Leuchtdioden am Boden, die aufleuchten, sobald sich Radverkehr nähert.

Von Herstellerseite berichtete Albert Zaindl von MAN Truck & Bus von der Entwicklung eines Prototypen für ein Kamera-Monitor-System, das die Außenspiegel komplett ersetzt, und brachte einige Test-Videos aus München mit. Zaindl beschäftigt sich im Rahmen seiner Doktorarbeit auch mit biologischen Gegebenheiten, zum Beispiel, wie die Wahrnehmung im menschlichen Auge während der Erkennungsphase funktioniert. Das MAN-System befindet sich derzeit in der Serien-Entwicklung.

Carsten Barth von Daimler erläuterte dem Publikum, dass derzeit die erten Mercedes Actros mit dem aktualisierten Notbremsassistenten (Active Break Assist 4) vom Band rollen würden, der auch Fußgänger erkennt und notfalls eine Teilbremsung einleitet.

Ebenfalls neu ist der sogenannte SideGuardAssist. Das Radarsystem warnt per LED, wenn sich in der seitlichen Gefahrenzone ein Fußgänger oder Radfahrer aufhält. Zeigt sich ein Lenkeinschlag oder wird geblinkt, alarmiert das System auch akustisch. Schon jetzt würden zwei Drittel aller Actros mit Sicherheitspaket bestellt, sagte Barth.

"HÖHERE STRAFEN SIND HIER KEIN GEEIGNETES MITTEL"

Auch die "andere Seite" kam in Hamburg zu Wort. Roland Huhn vom Allgemeinen Deutschen Fahrradclub ADFC erörterte diverse im Raum stehende Verhütungsmaßnahmen aus Radfahrersicht. Er sprach sich gegen höhere Strafen für unfallverursachende Lkw-Fahrer aus ("das erhöht die Aufmerksamkeit auch nicht"), zeigte Lösungsmöglichkeiten an Lkw auf wie Sichtfester an den Türen, wie sie bei Kommunalfahrzeugen in England gebräuchlich sind.

Huhn plädierte an die Spediteure, in Assistenzsysteme zu investieren: "Wenn sich die Kosten dafür alleine schon durch das Verhindern von Blechschäden an Rampen und so weiter amortisieren, würde ich nicht verstehen, warum man so etwas nicht bestellt."

Eindrücke aus der Speditionspraxis gewährte Stephan Gustke von der gleichnamigen Spedition. In seinem Fuhrpark testete die IFA drei verschiedene Kamera-Monitor-Systeme. Im Einsatz waren sie bei typischen Rangiertätigkeiten. Fahrer müssten in (ergänzende) KMS gut eingewiesen werden, ist Gustkes Erfahrung, man würde beim Blick auf den Bildschirm Entfernungen anders einschätzen als auf dem Spiegel.

Seine Fahrer hätten die Systeme sehr gut angenommen und "würden am liebsten auch noch sehen, was hinten los ist, also eine 360 Grad-Übersicht haben". Gustke selbst äußerte ebenfalls einen Wunsch an die Hersteller: "Es wäre schön, wenn die Anschaffungspreise für Nutzfahrzeuge mit Kamerasystemen nicht gleich um zwanzig Prozent steigen würden."

"TRAINING IN SPIEGELARBEIT WIRD OFT VERNACHLÄSSIGT"

Ein sensibles Thema sprach Fahrlehrer Dietmar Zänker vom Berufsbildungszentrum für den Straßenverkehr BBZ Nordhausen an: Die unzureichende Einweisung in "Spiegelarbeit". Zänker: "Die korrekte Einstellung und Nutzung kommt meist sowohl in der Fahrausbildung wie auch bei der Übernahme eines Neufahrzeugs zu kurz. Oft wissen Fahrer nicht, wann, wo und in welcher Reihenfolge in den Spiegel geschaut werden muss."

Das BBZ trainiert das ebenso wie das Fahren mit Spiegel und Monitor und zeigte aufschlussreiche Trainingsfilme: "Abbiegen ist viel komplexer, als es auf den ersten Blick aussieht. Es müssen Ampeln, Verkehrsschilder, der Gegenverkehr, der Querverkehr und seitlich Fußgänger und Radfahrer beachtet werden. Mehrere Spiegel und einen Monitor im Auge zu behalten, muss man üben, auch bei Dunkelheit, wenn man die abgebildeten Dinge noch schlechter erkennt."

In seinem Fazit zum Hamburger Symposium sagte Jörg Hedtmann am Ende des Tages noch einmal, wie wichtig es sei, dass alle Beteiligten bei diesem Präventionsthema an einem Strang ziehen. Und er bekräftigte, was Roland Huhn vom Fahrradclub zuvor gesagt hatte: "Es geht um das Verhindern solcher Unfälle. Was wir aber nicht tun, ist, von Schuld zu sprechen. Es geht nicht um eine Schuldfrage."

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