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Ukraine-Hilfe: Mit Viktors Konvoi an die polnisch-ukrainische Grenze

In der Ukraine kommt Hilfe an - immer mehr Unternehmen und Privatpersonen organisieren Hilfstransporte ins Kriegsgebiet
© Foto: Christian Bonk

Der russische Angriff auf die Ukraine hat die weltweit größte Fluchtwelle seit dem zweiten Weltkrieg ausgelöst, mehr als 1,5 Millionen Menschen sind bisher aus ihrem Land geflüchtet. TRUCKER-Reporter Christian Bonk hat einen privat organisierten Hilfskonvoi begleitet, der regelmäßig Hilfsgüter ins Grenzgebiet bringt und gestrandete Familien mit nach Deutschland nimmt.


Datum:
09.03.2022
Autor:
Christian Bonk, freier Journalist
Lesezeit:
5 min
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Es ist Freitag, Tag acht des unfassbaren Krieges, den Vladimir Putin in der Ukraine mit zunehmender Härte führt. Die meisten von uns verfolgen fassungslos die Nachrichten über Zerstörungen in den großen ukrainischen Städten. Wir empfinden Wut, Unverständnis und die zehrende Ohnmacht, nichts tun zu können, um den notleidenden Menschen in Europas größtem Flächenstaat zu helfen.

Viktor Kapitula, ein in München lebender Ukrainer, wollte dieses Gefühl der Ohnmacht nicht akzeptieren und organisierte bereits am dritten Kriegstag einen spontan zusammengestellten Konvoi an die polnisch-ukrainische Grenze. Sein Arbeitgeber war sofort mit von der Partie und stellte zwei Transporter, den Kraftstoff und eine Sammelhalle für Hilfsgüter zur Verfügung, die inzwischen in großer Menge hier gelagert, sortiert und gekennzeichnet werden. Medizinisches Material, haltbare Nahrungsmittel, Hygieneartikel, Decken, Schlafsäcke und Getränke werden am nötigsten gebraucht und danke der riesigen Hilfsbereitschaft von Mitarbeitern der Spedition und immer mehr Menschen in Viktors Netzwerk läuft der Nachschub an diesen dringend benötigten Hilfsgütern reibungslos.

Wir erfahren von Viktors Aktion durch einen Blogartikel und ich entscheide mich spontan, dessen dritten Konvoi mit einem eigenen Fahrzeug zu begleiten. Es ist Tag acht des russischen Überfalls und wir treffen uns im Morgengrauen an einem Treffpunkt in München Laim. Mit drei Transportern und drei Pkw machen wir uns auf den Weg nach Chelm, eine polnische Stadt an der Grenze zur Ukraine, etwa 70 Kilometer entfernt von Viktors Heimatstadt Kowel in der Westukraine. Hier hat Viktor inzwischen ein logistisches Netzwerk aufgebaut. Hilfsgüter wie unsere werden in Chelm auf dem Hof eines Spediteurs gesammelt. Von dort geht es mit ukrainischen Transportern über die Grenze nach Kowel, wo die Waren sortiert, gekennzeichnet und dann verteilt werden. Auf dem Rückweg nach Deutschland – so Viktors Plan ­– wollen wir eine siebenköpfige ukrainische Familie mitnehmen, die aus Rivne geflohen ist und bei einer Tante in Mailand unterkommen will.

1300 Kilometer durch Tschechien und Polen

Zwei Fahrer*innen auf jedem Fahrzeug stellen sicher, dass wir ausschließlich Tankpausen einlegen müssen und durchfahren könne. Die Route führt über Tschechien, wo wir im Freitagsnachmittagsverkehr in den Feierabendstau bei Prag geraten. Von dort geht es weiter Richtung polnische Grenze, ein zweiter Stau in Kattowitz bremst unser hohes Durchschnittstempo. Als wir uns endlich Lublin an der polnischen Ostgrenze nähern, ist es beinah Mitternacht. Die letzte Etappe nach Chelm verlangt uns nach gut 18 Stunden an den Lenkrädern nochmal alles ab. Gegen ein Uhr nachts erreichen wir Chelm – und finden ein paar Stunden Schlaf in Privatunterkünften, die Viktor bei hilfsbereiten Menschen aus der grenznahne Stadt für uns organisiert hat.

Am nächsten Morgen muss alles schnell gehen. Unser Konvoi fährt auf einen Speditionshof am Stadtrand von Chelm. Hier werden in einem großen Zelt Hilfsgüter gelagert und sortiert, die inzwischen aus ganz Europa hier eintreffen. Von hier werden sie mit autorisierten Fahrzeugen über die von der polnischen Polizei abgeriegelten Grenze nach Kowel gebracht. Wir laden unsere Pakete und Kartons direkt in einen Klein-Lkw, der die dringend erwarteten Hilfsgüter über die Grenze bringen wird. Hinter uns steht schon der nächste Transporter, der über Nacht aus Kassel gekommen ist. Das Umladen geht Hand in Hand und etwas dreißig Minuten später sind unserer Transporter schon wieder auf dem Rückweg nach Deutschland.

Bilder, die wir bisher nur aus dem Fernsehen kannten

Mit den leeren Pkw fahren wir durch das menschenleere Chelm. Ziel ist die große Sporthalle der 60.000 Einwohner zählenden Stadt, die seit Kriegsbeginn als Sammelstelle für Flüchtende ukrainische Familie dient. Wir fahren auf den großen Hof vor der Halle und sehen Bilder, die wir nur aus dem Fernsehen kannten. Etwa sechzig Menschen, fast ausschließlich Frauen und Kinder, warten vor der Halle in der Kälte auf Mitfahrgelegenheiten, Busse oder den Transfer zum nächsten Bahnhof. Frauen schieben Kinderwagen über den trostlosen Asphaltplatz. Was auffällt: Wir sehen keine Männer unter den Wartenden. Die Ukraine verwehrt Männern im wehrfähigen Alter die Ausreise.

In der Sporthalle sehen wir, was die im Grenzgebiet lebenden Polen auf die Beine gestellt haben. Registrierungsstelle, Verpflegungsstationen, selbst kostenlose SIM-Karten gibt es für die ukrainischen Familien, die hier eine Zuflucht und die Option auf Weiterreise suchen. Die meisten kamen mit Bussen aus den Kriegsgebieten, als Gepäck hatten sie maximal das dabei, was mit zwei Händen zu tragen ist. Sprachlos macht uns daneben die Hilfsbereitschaft der polnischen Nachbarn der Ukrainer, die hier pragmatisch, großzügig und menschenwürdig für echte Hilfe sorgen. Die ukrainischen Familien werden in und um die Turnhalle mit allem versorgt, was ihr schreckliches Schicksal zumindest für den Moment mindert. Es gibt Essen, Getränke, Duschmöglichkeiten und mehrere Hundert Feldbetten in der Haupt-Sporthalle für eine kurze oder auch längere Erholung nach der ersten Etappe aus dem Kriegsgebiet. Außerdem es gibt organisierte Fahrten per Bus, per Bahn oder, wie unsere Option, die Mitfahrmöglichkeit unzähliger freiwillig Angereisten Helfer nach Westeuropa, die per Megaphone ausgerufen werden.

Aufbruch in eine ungewisse Zukunft

Nach wenigen Minuten hat Viktor die Familie ausfindig gemacht, die wir mit zurück nach München nehmen werden. Die polnischen Helfer nehmen unbürokratisch unsere Daten auf, bevor wir unsere Fahrgäste so auf die Autos verteilen, dass wir mit ihnen kommunizieren können. Mariia und Julia, die beiden 20 und 21jährigen Töchter der Familie, sprechen englisch, was uns die Aufteilung erheblich vereinfacht. Unterwegs erfahren wir, dass Mariia und Julia mit ihrer Mutter, einer Tante und den beiden kleinen Geschwistern von Rivne mit einem Bus über die Grenze geflohen sind. Der Vater der Mädchen musste wie alle wehrfähigen ukrainischen Männer bleiben – per Handy stehen sie im dauernden Kontakt mit ihm. In den nächsten 16 Stunden erfahren wir viele Details der Flucht, die Ängste der Mädchen um ihren Vater und dass sie eigentlich lieber in Rivne geblieben wären und seit dem einen furchtbaren Tag vor gut einer Woche nichts mehr so ist, wie es war.

Unser Rückweg verläuft unproblematisch. Beim Tanken in der Nähe von Krakau ist Diesel bereits limitiert, wir bekommen aber genügend für die nächste Etappe nach Tschechien und setzen unseren Weg fort. Als wir gegen Mitternacht in München am zentralen Busbahnhof ankommen, warten dort bereits Münchner Freunde der Familie. Sie werden die Familie auf der letzten Etappe ihrer Flucht begleiten. Das Ziel für die nächsten fünf Autostunden ist Mailand, wo Mariia, Julia und ihre Familie bei einer Tante der Familie wohnen werden, die seit 15 Jahren in Italien lebt. Wir umarmen uns zum Abschied herzlich und versichern uns, dass wir in Kontakt bleiben und uns wiedersehen werden. Mit der vagen Hoffnung auf eine gemeinsame Rückfahrt in ferner Zukunft

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