"Am Anfang war es schwer, da fehlte etwas"

Der Neu-Rentner Dieter Wahl lebt im schwäbischen Ilshofen. Bis Januar 2018 war er Jahrzehnte Lkw-Fahrer, seit 1979 bei der Spedition Rüdel, Vellberg
© Foto: Fabian Greulich, Fränkische Nachrichten

Dieter Wahl ist seit wenigen Monaten im (Un-)Ruhestand. TRUCKER fragte den Neu-Rentner und langjährigen Leser zu seinen Erinnerungen und Erfahrungen nach 41 Jahren der Fahrertätigkeit.


Datum:
09.07.2018
Autor:
Sabine Köstler

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Wie fühlt sich der Ruhestand an?

Ich bin viel unterwegs, aber am Anfang war's schwer, da fehlte mir was unter den Füßen. Wenn es langweilig wurde, bin ich schon mal bei Kollegen mitgefahren. Der Chef hat da nichts dagegen.

Worauf hattest Du Dich am meisten gefreut?

Darauf, dass das Leben gemütlicher wird, dass man sich ums Privatleben kümmern kann. Als Fahrer lebst du dein Leben während der Woche alleine und am Wochenende ist nachzuholen, was du versäumt hast. Oft bist du Sonntagabend schon wieder weg.

Wie kamst Du zum Lkw-Fahren?

Ich war nach der Bundeswehr Schaffner bei der Bahn, das hat mir nicht so gut gefallen. Danach war ich in einem Betrieb Lagerarbeiter, Maschinenführer und eigentlich "Mädchen für alles". 1977 habe ich dann den Führerschein Klasse 2 gemacht, nach vier Fahrstunden, den Pkw-Schein hatte ich ja.

Auf welchem Lkw?

Ein 710er Daimler Kipper mit unsynchronisiertem Getriebe war das. Mit einem Wagenrad von Lenkrad, in der Mitte ein Stern, den verschob man nach links oder rechts beim Abbiegen und wenn du um die Kurve warst, hast du ihn zurückgedreht.

Du hast das Fahren in der Praxis gelernt?

Stimmt. Angefangen habe ich mit dem Hängerzug voller Kartoffeln und Zwiebeln; das Rangieren hat man auf den Bauernhöfen gelernt. Später war ich auf allen möglichen Fahrzeugen unterwegs: Hanomag Henschel, 361 MAN- Silozug, 360er Iveco Turbostar, 192er MAN Jumbozug oder ein 321 MAN Wechselbrückenzug mit Unterflur - der war das Beste, was ich je gefahren habe.

Wohin haben Dich die Touren geführt?

Einige Jahre lang nach Frankreich, bis an die Atlantikküste, das war eigentlich meine schönste Zeit. Auch England, Dänemark, BeNeLux, Schweiz, Italien, Österreich waren Ziele. Ein Kirchturmfahrer war ich nie, jeden Tag dieselbe Tour, das war nix für mich.

Warst Du immer alleine auf dem Bock?

Ja, bis auf ein Vierteljahr in Doppelbesetzung. Da wollte mir mein Chef was Gutes tun. Aber mit einem Kollegen im Lkw musst du dich besser verstehen als mit deiner Frau. Wenn du alleine fährst, kannst du nur mit dir selbst Krach kriegen. Fahrer sind oft Einzelgänger.

Was gefiel Dir am besten an deiner Arbeit?

Eine gewisse Freiheit und Unabhängigkeit. Dir schaut niemand über die Schulter und wenn du Mist baust, musst du es selbst ausbaden. Schön war auch, so viele Länder und Leute kennenzulernen.

An welches besondere Erlebnis erinnerst Du Dich?

Eine der schönsten Erinnerungen ist eine Tour nach Hamburg, denn ich hatte damals meine frühere Verlobte an Bord. Ich hab die Solo-Zugmaschine abgestellt, dann haben wir eine schöne Hafenrundfahrt gemacht und sind anschließend zum Bummeln auf die Reeperbahn.

Was wurde aus der Verlobten?

Sie wurde meine Frau - und ist es noch.

Gab es auch schlimme Erlebnisse?

Leider ja. Auf der A 61, an einer Linkskurve, fuhr ich geradeaus. Ich war wohl eingeschlafen. Ich hab noch versucht den Zug hochzuziehen, blieb an einer Notrufsäule hängen, schliff die Leitplanke entlang und der Lkw kam entgegen der Fahrtrichtung auf der Beifahrerseite zum Liegen. Zum Glück hatte ich nur blaue Flecke - dank Sicherheitsgurt.

Was hat Dich oft geärgert?

Dass man tonnenschwere Paletten mit einem Handhubwagen bewegen musste, dank Frachtvereinbarungen, die das Laden dem Fahrer überlassen. Auch die Staus ärgern und vor allem natürlich diese unnützen 24-Stunden-Überholverbote.

Welche Eigenschaften muss ein guter Fahrer mitbringen?

Er muss sein Fahrzeug gut kennen und von sich wissen, was er kann und was er nicht kann. Ruhig bleiben ist wichtig und ich hab immer versucht Termine einzuhalten. Und am besten hat einer einen guten Humor. Ich hatte immer einen Spruch auf den Lippen, damit bin ich gut durchgekommen, ob bei Kollegen oder an der Rampe.

Würdest Du heute den Job empfehlen?

Welche Frage - mein Sohn ist auch Lkw-Fahrer, bei derselben Firma, bei der auch ich war. Natürlich war er schon mit auf Tour, als er noch in den Windeln steckte. Das Fahren liegt ihm wohl im Blut.

Was müsste man gegen den Fahrermangel tun?

Die Azubis nicht so ausnutzen. Sie müssen Zeit haben, die Technik der Lkw zu lernen und vorausschauend zu fahren. Die Lkw müssten die Chefs mehr nach Fahrerbedürfnissen ausstatten, sie müssen eine Standklimaanlage haben. Und die Kohle muss natürlich stimmen, der Mindestlohn reicht da nicht. Spesenzahlungen sollten von "Kann" auf "Muss" gesetzt werden, genauso wie die Übernahme der Parkgebühren, sodass Fahrer nicht gezwungen sind, die Gebühren in den teuren Autohöfen "abzuessen". Und dann die Negativpresse. Es gibt ein Feindbild Lkw, das sehe ich sogar bei Fahrschul-Pkw, die sich uns gegenüber nicht fair verhalten. Auch die Fahrer können was tun. Es hilft schon viel, wenn man eine freundliche Geste gegenüber einem Pkw-Fahrer macht und nicht grundsätzlich denkt: Ich bin der Stärkere.

Du bist zweiter stellvertretender Vorsitzender des Bundesverbands Schlafapnoe und Schlafstörungen Deutschland, einem Verbund der Selbsthilfen. Was ist Dein Anliegen?

Chefs, Fahrer und die Ärzte, die die Gesundheitsbescheinigungen ausstellen, sind zu wenig über Schlafapnoe informiert. Mancher Fahrer hat aber wohl auch Angst, dass er nach einer Diagnose nicht mehr fahren darf. Das Gegenteil ist der Fall: Wer sich behandeln lässt, sichert seinen Arbeitsplatz. Eine unbehandelte Schlafapnoe kann tödlich werden - und im Fall eines Unfalls riskiert man den Versicherungsschutz der Haftpflicht und der Berufsgenossenschaft. Für die Aufklärung werde ich mich weiterhin einsetzen und man wird mich in Zukunft öfter auf den Autobahnstammtischen treffen können.

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