Fahrerschicksal: Zurück ins Leben

Der Krankheit zum Trotz: Axel Beyer kämpfte sich auf den Bock zurück
© Foto: Johannes Reichel

Verschlissen im Bergbau und auf dem Bock wird Axel Beyer schwer krank. Die Behörden lassen ihn hängen. Doch er kämpft sich wieder hoch.


Datum:
02.12.2013
Autor:
Johannes Reichel

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Sein Chef nennt ihn Maulwurf - in der Tat, Axel Beyer hat gewaltige Hände und einen schraubzwingenartigen Händedruck. Seine Statur, muskelbepackt und massig, passt dazu. Und lässt nicht vermuten, dass in der "rauen" Hülle ein zerbrechlicher Kern steckt. Aufgearbeitet und verschlissen von der Arbeit: Als Bohrsprenghauer im Mansfelder Kupferbergbau, gequetscht auf 80 Zentimeter Höhe mit schweren Bohrhammern, aber auch von bald 25 Jahren als Fernfahrer.

Diese zweite Karriere startete er keine paar Tage nach der Wende 1989. Im babyblauen Trabbi fuhr er rüber nach Hessisch Lichtenau und heuerte bei Frölich auf einem Niederflur-MAN-Planensattel an. "Wie im Traum war das für einen Ossi, erste Tour noch als Beifahrer nach Genua, der Hafen, die Schiffe - meinen DDR-Ausweis hab ich von der Europabrücke geworfen. Mein Fahrer Gregorius meinte, den brauche ich nicht mehr", schwelgt er in Erinnerung an seine Fernfahreranfänge. Der LKW-Virus hatte ihn aber schon unter Tage gepackt, wo er die weitverbreiteten Robur LO-LKW durch die Stollen trieb.

DAS SKELETT EINES SENIOREN: BILANZ EINES LEBENS AUF VERSCHLEISS

Dass der stämmige 47-Jährige, wie sein Hausarzt ihm später am Röntgenbild zeigen sollte, das Skelett eines Senioren besitzt, war dem gebürtigen Hettstedter nicht bewusst. Den Moment, als es ihm zu dämmern begann, dass etwas nicht stimmt, kann Axel Beyer beschreiben, als wäre es gestern gewesen. Er war gut drauf an jenem Frühlingsmorgen im Jahr 2000, für Fendler auf dem Weg von La Jonquera in Richtung Montpellier, Route de Sur. "Die Mautstation lag hinter mir, Kaffee war frisch gebrüht, privat hatte ich endlich mal halbwegs Ordnung in meinem Leben nach der Trennung von meiner Frau. Ich konnte es flott rollen lassen." Plötzlich durchzuckte es ihn wie ein Stromschlag. Für drei Minuten war alles weg. "Ich konnte gerade noch Anker werfen", erinnert der Sachsen-Anhaltiner sich. "Blackout, ich war schweißüberströmt. Raus auf einen Parkplatz, erstmal was trinken, soll ja helfen. Meine Knie zitterten, Beine wie Wachs. Was ist denn jetzt los", fragte sich der damals Mittdreißiger, dem sein Körper immer gehorcht hatte.

Fünf Minuten später war alles wieder gut, physisch. Dennoch dachte Beyer, "das war's wohl mit der Fahrerei", als er mit mulmigem Gefühl weiterfuhr. Nach diesem Vorfall ging er überhaupt mal zum Arzt. Der konstatierte eine Art Schlaganfall, schrieb ihn sofort krank. Er stellte bei weiteren Untersuchungen neben Bluthochdruck völlig verschlissene Lenden- und Halswirbel fest, vermutete einen Zusammenhang von Schlaganfall und Tätigkeit im Bergbau. "Als junger Mensch denkste dir nicht viel, man steckt das weg. Aber die Quittung kommt", warnt der Fernfahrer.

UNFÄLLE IM BERGBAU DURFTE ES IN DER DDR NICHT GEBEN - NICHTS VERMERKT

Einmal wurde er im Bergbau verschüttet, der rechte Fuß musste "wieder drangemacht" werden. Einmal wirbelte ihn eine Gesteinsbohrmaschine um die eigene Achse und malträtierte seine Schulter. Doch diese Unfälle durfte es nicht geben in der wohl organisierten sozialistischen Planwirtschaft, sie wurden nirgends schriftlich fixiert. Beyer musste seinen Job bei Fendler kündigen. Er war krankgeschrieben, probierte es nochmal bei Gerhard van der Linde in Hamburg, gab bald wieder auf. Es begann ein bürokratischer Hürdenlauf zwischen Feststellung einer Behinderung (20 Prozent), Arbeitsunfähigkeit und Arbeitsfähigkeit (maximal drei Stunden täglich), Hoffen und Bangen im Bezug auf eine Erwerbsminderungsrente, die aber stets abgelehnt wurde. Jetzt rächte sich, dass die Unfälle im Bergbau nicht aktenkundig waren, eine Rente wäre sonst vielleicht bewilligt worden.

Ein Jahr lang war er zu Hause. Er absolvierte eine Kur, wurde dort arbeitsunfähig entlassen, ging entgegen dem Rat der Ärzte wieder fahren, um seine Familie zu ernähren. 2007 schien endgültig Schluss. Beyer war mittlerweile in Kühlerdiensten der Spedition Rötzer/Oberviech tach, fuhr eine der geliebten Touren gen Süden, nach Florenz. Die Bandscheiben rebellierten. Für ein ganzes Jahr wurde er krankgeschrieben, in der Zeit zog er seine zweite Scheidung durch. Und er kam zu einer zweiten Kur nach Marquartstein im Chiemgau. Er fiel fast vom Glauben ab, als er dort nach drei Minuten Untersuchung "arbeitsfähig bei vollen acht Stunden" vorzeitig entlassen wurde. "Ein medizinisches Wunder", kommentiert er. Ein Befund, der während der Kur die Einschränkung erfuhr, dass die Sozialpsychologen empfahlen, besser nicht mehr LKW zu fahren und wenn, dann ohne lange zu sitzen und über fünf Kilo zu heben (!). Letztlich wurde ihm eine Umschulung zum Lokführer nahegelegt ...

BASTELN, QUATSCHEN, BEWERBEN - DER LKW-FAHRER WOLLTE JA ARBEITEN

Axel Beyer geriet in die Mühlen der Umschulung, in ein Bildungszentrum, bastelte Osterhasen, redete, werkelte in einer Gärtnerei und in der Autoaufbereitung. Für die Umschulung zum Speditionskaufmann wurde er abgelehnt, obwohl er drei Jahre in einer Dispo gearbeitet hatte und Kostenrechnung, Akquise und Planung von Touren im Schlaf beherrscht. Für einen Job als Linienbusfahrer, bei dem er schon handelseinig mit einer Firma war, wurde er auch von der Knappschaft abgelehnt. Dutzende Bewerbungen fruchteten nicht. "Irgendwann war ich so gefrustet, dass ich wieder auf den Bock stieg", erzählt er.

"Zurück unter normalen Menschen", so sein Urteil, als er für Fehmer/Billerbeck ("herrlich verrückter Haufen, super Chefs, tolles Material") Richtung Spanien losrollte. Den Auftrag hatte er selbst mit eingebracht, er hielt die Kostenrechnung dafür im Blick. Seine Anträge auf Lohnzuschuss, orthopädischen Fahrersitz und Bett wurden von der Knappschaft wie zuvor abgelehnt mit der verschwurbelten Begründung im Wortlaut: "Das Bild eines Fernfahrers entspricht nicht ihrem Leidensbild." "Das ist absurd. Als Fernfahrer sollte ich nicht arbeiten, was anderes wurde nicht ermöglicht und eine Rente bekam ich auch nicht", zürnt der Fahrer. Bis Juni 2010 hielt er durch, dann streikte der Körper erneut. Wieder krankgeschrieben, Krankengeld, Arbeitslosengeld, Berufsfindung. Eine Endlosschleife.

Doch der "Maulwurf" kannte ja mittlerweile den "Ausgang": Zumindest ist er seit März 2012, als er bei der von ihm hochgelobten Firma Schwarz in Nürnberg anheuerte und vor allem, seit er Ende 2012 bei Wulbusch/Melle unter Vertrag steht, in ruhigerem Fahrwasser. Den Alltag versüßen ihm dort ein brandneuer Volvo FH460 und noch viel mehr ein Betriebsklima, wie er es noch nicht erlebt hat (siehe Kasten). Auch privat scheint Axel Beyer sein Glück gefunden zu haben: Seit Mai ist er wieder verheiratet, Stieftochter Kathleen (25) nennt ihn Papa, sein Sohn Tim (16) aus erster Ehe kehrte zurück in sein Leben und geht gelegentlich mit ihm auf Tour. "Sicher, ohne Medikamente komme ich nicht mehr klar. Aber meine jetzige Ärztin hat das gut eingestellt." Er bekommt starke Schmerzmittel und ohne Schlafmittel findet er nicht zur Ruhe - all das weiß der Chef. Ruhiger sei er geworden, er habe gelernt, dass man sich auch Zeit nehmen muss für private Dinge, gesteht Beyer selbstkritisch ein. Die Wochenenden sind jetzt für die Familie reserviert, wenn er nicht auf einer der seltener gewordenen Ferntouren ist. Sein Rat an jüngere Kollegen: "Wartet nicht solange, bis was passiert und passt auf eure Gesundheit auf."

Er hofft für sich selbst, dass "das jetzt so lange wie möglich gut geht". Mindestens bis er 55 ist, will er durchhalten, am liebsten bei Wulbusch. Die Hoffnung auf eine Bergbaurente, in der DDR ab 55 üblich, hat er nicht ganz aufgegeben. Und: "Als Fahrer aus Leidenschaft lässt man das Lenkrad ja nie ganz los." Würde nicht wundern, wenn der "Maulwurf" sich weiter durchwühlt.

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