Jobporträt Alan-Umzüge

Reiner Teichner lädt den Container für den Kran-Lift
© Foto: Volker Hammermeister

Gleicher Lohn für alle: In Reutlingen existiert seit über dreißig Jahren ein Umzugsunternehmen mit Fahrern in Selbstverwaltung. Der Betrieb lebt von der Mund-zu-Mund-Propaganda und ist wirtschaftlich erfolgreich.


Datum:
02.03.2016
Autor:
Redaktion TRUCKER

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Rainer ist sein eigener Lademeister. Das ist für Lkw-Fahrer nichts Ungewöhnliches, erst recht nicht in der Möbelbranche. Immer mal wieder taucht er an der Laderampe des MAN-Koffers auf und ruft nach oben, wo die Kollegen im dritten Stock die Plattform des Möbellifts bestücken: "Jetzt könnte ich noch zehn Kartons brauchen!"

Dieser Auftrag Anfang November hat es in sich. Er wird drei ganze Tage in Anspruch nehmen. Es zieht zudem nicht irgendwer von Stuttgart in seine Heimatstadt Esslingen um, sondern der jetzt freiberufliche Opern- und Konzertsänger Cornelius Hauptmann. Der 64-Jährige debütierte 1982 am Staatstheater Stuttgart und war bis 1989 Mitglied der Opernhäuser in Heidelberg und Karlsruhe.

HERAUSFORDERND: FAST NOCH IM ROHBAU UND DAZU NOCH HANGLAGE

Der Umzug ist eine logistische Herausforderung, denn die neue Wohnung befindet sich in einer extremen Hanglage, in dem obersten Gebäude von Terrassenhäusern, die sich über 50 Meter steil den Hang hochziehen; kaum Parkfläche auf der Straße, weshalb ein 7,5-Tonner-Koffer zum Einsatz kommt. Doch die Lage ist nicht das Schlimmste. Die Häuser sind fast alle noch im Rohbau. Das bedeutet in erster Linie: Es funktioniert kein Personenlift.

Nach oben führt nur der Gang über verschiedene Treppenhäuser, in denen noch die Handwerker wuseln. Die Alternative sind provisorische Bauarbeiter-Stiegen im Gelände und steile Querpassagen über rutschigen Bauschutt - eigentlich nicht zu schaffen. Es sei denn, man kommt auf die Idee, die Möbel auf der Straße in einen 15 Kubikmeter großen Container umzuladen, den "Mile" Milenko Zivkovic beinahe zärtlich mit dem Baukran auf die Terrasse vor dem obersten Gebäude bugsiert. Von dort geht es dann mit einem Schrägaufzug weiter.

Rainer Teichner ist jetzt 44 Jahre alt und hat Automechaniker gelernt. Er war in der Industrie und einigen Werkstätten beschäftigt, aber auch einige Jahre selbstständig. So richtig zufrieden war er mit der Situation nie. Vor 15 Jahren fing er bei der Möbelspedition "Alan" im schwäbischen Reutlingen an. Dort kümmert er sich auch um den gesamten Fuhrpark.

Alan steht für "alternative Ansätze" und entwickelte sich Anfang der 80er-Jahre. Es ist der Versuch, die zum Geldverdienen notwendige Arbeit in Form und Inhalt gemeinsam nach den eigenen Bedürfnissen zu gestalten. Der Betrieb arbeitet seit über 30 Jahren wirtschaftlich erfolgreich und gliedert sich mit vier GmbHs in folgende Geschäftsfelder: Umzüge, Thema Wohnen, Zweite-Hand-Gebrauchtmöbel und Verwaltung mit Buchhaltung.

Jeder Mitarbeiter erhält den gleichen Lohn. Ob er Möbel trägt, Lkw fährt, disponiert oder die Geschäfte führt. Dabei kommen die, wie es heißt, "ausführenden" Mitarbeiter finanziell gut weg. Aber alle profitieren vom Geschäftsmodell, das grundsätzlich Teilzeit vorzieht, auch in der Administration. Rainer arbeitet nur 120 Stunden im Monat wie die meisten im Betrieb.

ALAN IST DER VERSUCH, DAS ARBEITS- UMFELD SELBST ZU GESTALTEN

Es ist ein bunte Ansammlung der unterschiedlichsten Persönlichkeiten, die bei Alan anpacken: studierte Archäologen, Juristen, Pädagogen, Gärtner oder eben Automechaniker. Die meisten nutzen die viele freie Zeit für Hobbys oder Nebentätigkeiten.

Caro Wendler ist eine der wenigen Frauen im Team. Sie hat eine zierliche Statur, steht aber beim Möbeltragen ihren Mann. Sie hat Kunsthistorik studiert, ist gelernte Schreinerin und renoviert nebenher ihr Häuschen. Sobald das fertig ist, widmet sie sich wieder der Bildhauerei. Oder Tilmann Klosa. Der studierte Philosoph optimiert in seiner Freizeit die Texte von Homepages, damit sie Google schneller findet. Bernd Höflinger, der nach außen die Geschäfte der Umzugs-GmbH führt, hat ein Studium der Sozialpädagogik absolviert und ehrenamtlich jahrelang das Schulzirkusprojekt seiner vier Kinder mitorganisiert. Solche Freiräume oder die großzügige Freistellung für Erziehungszeiten sind in seiner Position sonst keine Selbstverständlichkeit in der freien Wirtschaft.

Jeder Festangestellte trägt Verantwortung für das Gelingen der Arbeit und damit für den Betrieb, alle seine Mitarbeiter und gegenüber den Kunden. Daraus resultiert eine besondere Motivation und Identifikation mit dem Unternehmen. Denn Umzug ist kein leichtes Geschäft. Disponent Günter Rehsöft: "Vor zwanzig Jahren hieß das nur: Möbel schleppen. Heute hast du jede Menge Verantwortung vor der Brust. Du bekommst sehr intime Einblicke in das Leben der Leute und es ist häufig eine echte Krisen- und Umbruchsituation, die viel Fingerspitzengefühl verlangt." Auf Wunsch ändert Alan Möbel in der eigenen Schreinerei oder bringt auch den Teppich in die Reinigung. Das Service-Plus-Zertifikat qualifiziert den Betrieb für den fachgerechten Umgang mit älteren Menschen und Personen mit körperlichen Einschränkungen.

Bei Privatumzügen, die sich im Fokus von Alan befinden, kommt der hohe Bildungsgrad der Mitarbeiter voll zum Tragen. Auch Cornelius Hauptmann ist sehr zufrieden: "In 17 Jahren haben sich in meiner alten Wohnung viel Kunst und Bilder angesammelt, sehr sensible Sachen. Aber beim Umzug herrscht keine Hektik. Es läuft alles rund und es wird viel gelacht."

Alan-Umzüge lebt fast ausschließlich von der Weiterempfehlung der Kunden, beschäftigt inzwischen 28 Angestellte und stemmt rund 500 Umzüge im Jahr. Zum Fuhrpark gehören 18 Fahrzeuge, davon vier Lkw mit 6,5 bis 15 Tonnen Gesamtgewicht. Die meisten Aufträge kommen aus dem Nahbereich, Fernverkehr ist eher die Ausnahme. Deshalb machen große Lkw kaum Sinn. Rainer: "Die passen einfach nicht durch die schmalen Straßen im Wohngebiet." Der gesamte Fuhrpark ist in Fünf-Kubikmeter-Schritten gestuft. Die neueren Fahrzeuge verfügen alle über Automatikgetriebe. Je nach Größe rollen die Lkw im Jahr zwischen 15.000 und 20.000 Kilometer.

DIE EIGENVERANTWORTUNG FÜHRT ZU MOTIVATION UND IDENTIFIKATION

Alan fährt aus wirtschaftlichen Gründen MAN, vor allem wegen des günstigen Preis-/Leistungsverhältnisses. Die Finanzierung wird fast ausschließlich aus den Eigenkapitalreserven bestritten. Kein Mitglied des Kollektivs hat privates Eigentum in der Firma. Deshalb möchte Alan auch weg vom juristischen Konstrukt der GmbH als Eigentümerin des Betriebes. Eine Mitarbeiter-GbR als alleinige Gesellschafterin der GmbH wäre besser, bei der alle Kollektivmitglieder die gleichen Pflichten und Rechte haben. Es wurde schon ein Notar mit der Prüfung beauftragt.

Der Betrieb übernimmt die Kosten aller Fort- und Weiterbildungen, etwa der zum Elektromonteur oder der Module für die Berufskraftfahrer. Auch der Lkw-Führerschein wird bezahlt, allerdings verpflichtet das zu einem Angestelltenverhältnis von mindestens vier Jahren. Neue Mitarbeiter finden normalerweise über wiederholte Aushilfstätigkeiten Gefallen an Alan. Alle wichtigen Entscheidungen fällt das Plenum im Konsens, viermal im Jahr, auch in Personalangelegenheiten.

Rainer hat seine Anstellung bei Alan nicht bereut. Seine freie Zeit verbringt er mit Fahrrad-Touren über die Schwäbische Alb. "Ich will auch einfach mal nur meine Ruhe haben." Manchmal dauert der Arbeitstag auch ein bisschen länger, wie zum Beispiel am dritten Tag des Umzugs nach Esslingen. Denn da hat Opernsänger Hauptmann die Mannschaft abends zu Schnitzel und Kartoffelsalat in die Altstadt eingeladen, eine Geste, die bestimmt nicht selbstverständlich ist. Volker Hammermeister

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