Jobreport: Der Verzinkereifahrer

Kletterpartie: Mattias Ryll beim Abladen seiner Fracht
© Foto: Gregor Soller

Matthias Ryll begann seine Berufslaufbahn als Fleischer. Mittlerweile sorgt er mit dafür, dass in der Verzinkerei Voigt & Schweitzer Heldrungen GmbH Stahl veredelt wird.


Datum:
14.10.2013
Autor:
Gregor Soller

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Senit-Geschäftsführer Dirk Rütter sucht händeringend Fahrer im Raum Karlsruhe, Saarbrücken und Heldrungen. Die sollten aber nicht nur LKW steuern, sondern auch seine Dienstleistungen verkaufen können. Das Unternehmen Senit, das auch als "die Wertschöpfer" firmiert, ist Logistikdienstleister und Partnerunternehmen der Voigt & Schweitzer-Gruppe, Deutschlands einzigem Markendienstleister auf dem Gebiet des Feuerverzinkens.

LKW fahren und sich mit den Feinheiten der Stahlveredelung auskennen, das hört sich nach einer interessanten Kombination an. Rütter fallen bei unserem Anruf sofort ein paar Kollegen ein, die wir einmal begleiten könnten: "Die besten Typen dafür fahren im Pott oder in Thüringen - da haben Sie die Wahl." Wir entscheiden uns für Thüringen, genauer gesagt die Voigt & Schweitzer-Niederlassung Heldrungen. Das liegt ziemlich zentral mitten in Deutschland, nahe der A4. Dort sind die Wartburg, Weimar samt Goethe und Schiller sowie Dresden wie Perlen an einer Kulturkette aufgefädelt - dafür gibt es kaum (noch) Industrie. Wir treffen unseren Mann, Matthias Ryll, direkt vor der Verzinkerei in Heldrungen.

Ryll stammt aus der Region, er hat dort Familie, Freundeskreis und Partnerin, kam als gelernter Fleischer allerdings finanziell auf keinen - grünen Zweig. Darum investierte er sein Erspartes in den CE-Führerschein und arbeitete zunächst für DPD. Wie er sich die folgenden drei Jahre als Kurierfahrer finanzieren konnte, wundert ihn heute noch. Später fuhr er im Fernverkehr landschaftlich reizvolle Strecken in den Alpenraum und nach Italien, litt aber unter den üblichen Begleiterscheinungen: permanenter Zeitdruck, zu wenig Raum fürs Privatleben, und das bei einem auf die Stunde umgerechnet vergleichsweise geringen Lohn.

BEIM THEMA FLEISCHERHANDWERK TAUTE MATTHIAS AUF

Auf den Rat eines Bekannten hin bewarb sich Matthias Ryll schließlich bei Senit. Geschäftsführer Rütter erinnert sich noch gut an das Vorstellungsgespräch. "Erstmal sagte der ja gar nix", erzählt er schmunzelnd, bis er ihn auf seinen erlernten Beruf als Metzger ansprach: "Plötzlich taute Ryll auf und redete wie ein Wasserfall - genau so einen habe ich gesucht!"

Dass Matthias schweigsam sein kann, mag man kaum glauben: Er strahlt aus wachen, blauen Augen und steht Gewehr, respektive LKW, bei Fuß. Während in der Verzinkerei zischend, dampfend und knallend neuer Stahl, im Fachjargon "Schwarzware" genannt, in die Becken versenkt wird, zwitschern draußen Vögel. In Nordthüringen gibt es mehr Natur als Industrie.

AUS DEN GLÄNZENDEN BAUTEILEN LÄSST SICH VIELES ZUSAMMENSETZEN

"Wir haben schon vorgeladen und würden jetzt zum ersten Kunden fahren", erklärt Matthias. Das ist ein kleiner Metallbaubetrieb in Niederreißen, eine halbe Stunde von Heldrungen entfernt. Auf der Pritsche hat der Thüringer mehrere frisch verzinkte Metallbauteile verzurrt, aus denen später einmal Balkone zusammengesetzt werden. Dazu kommen einige Kleinteile. Im Gegensatz zu früher muss Ryll sich zwar mit einem Atego bescheiden, hat aber keinen Zeitdruck: Der Weg nach Niederreißen führt nur über Landstraßen, teils durch Umleitungen. Das einzige Störgeräusch in dieser Idylle ist das "natürliche" Klappern von Matthias' Ladung.

Vor Ort lädt Stefan Holluda mit dem Stapler die in der Sonne glänzenden Teile ab. Matthias erledigt derweil seinen Papierkram und fragt, ob die Schwarzware als Rückfracht schon bereitliegt. Doch leider sind die Metallbauer noch nicht so weit; Matthias muss leer zurückfahren.

An der Verzinkerei kuppelt er den Fliegl-Tandemachser an. Damit wird der mautbefreite abgelastete 12-Tonner zum 30-Tonnen-Zug, dessen Nutzlastkapazität Matthias nur selten ausschöpft. Wichtiger ist ihm die schiere Ladefläche, da er oft empfindliche Fracht fahren muss. So auch jetzt: Während Staplerfahrer Hermann Deubel den Atego mit diversen Gitter- und Kleinteilen belädt, kommt auf den Anhänger ein gut sechs Meter breites Gartentor. Das fände zwar auch noch auf dem LKW Platz, doch die Gefahr, hier etwas zu verbiegen oder abzuscheren, ist dem Fahrer einfach zu groß. Den Stopp an der Verzinkerei nutzt er für seine 45-Minuten-Pause und einige Anrufe bei potenziellen Neukunden. Für die Akquise bekam er in Essen eine ausführliche Schulung über alle möglichen Beschichtungsarten. Außerdem eine Liste mit Betrieben, die Auftragspotenzial bieten. Abschlüsse kämen jedoch meist über Beziehungen zustande: "Oft kennen die Metallbauer jemanden, der wieder jemanden kennt und Bedarf hat", erklärt Matthias seine Vorgehensweise, die ihm anteilig auch Provision einbringt.

Dafür hat er eine Liste mit den Angeboten der Verzinkerei Heldrungen dabei, außerdem klebt im Auto ein "Spickzettel" mit den Maßen der Zinkkessel. "Den habe ich anfangs noch gebraucht, mittlerweile kann ich alles auswendig runterbeten", sagt der Thüringer, der im Laufe der Zeit ein Auge entwickelt hat für noch unverzinkte Produkte, und lacht: Passt die Größe, sitzen die Ablauflöcher an der richtigen Stelle, kann sich das Material verziehen? Notfalls bohrt er in Absprache mit der Verzinkerei und den Kunden selbst noch ein Loch nach und gibt Tipps für künftige Werkstücke.

SPANNENDE FRACHT: DAS GESTELL FÜR EINEN NAGELNEUEN FLUGSIMULATOR

Bei der zweiten Tour kommt dem Thüringer seine Ortskenntnis zugute: Unter lautem Geklapper rollt der Zug über teils noch kopfsteingepflasterte Nebenstraßen zu Metall- und Treppenbau Hermann in Barnstädt. Dort wartet man schon auf das riesige Tor, das drei Mann von Hand abladen können. Außerdem liegt in der dunklen Halle des Metallbauers schon jede Menge Schwarzware, darunter ein sauber geschweißtes Gestell für einen Flugsimulator. Nachdem Matthias das alles sorgfältig verzurrt hat, geht's zum letzten Kunden für heute, einem kleinen Betrieb in Schönewerda an der Unstrut. Hier wartet ein großes Treppengestell auf Mitnahme, das zum Verladen noch demontiert werden will.

Für den nächsten Tag hat der Thüringer die Runde über die Stadt Gotha geplant, wo es etwas hektischer zugeht. Das Gleiche gilt für die Tour über Erfurt. Gegen Ende der Woche steigt dann auch der Termindruck: "Heute ist Montag, da haben alle noch Zeit. Aber Freitagnachmittag hätte dann jeder gern noch schnell seine Ware. Da sind Auto und Hänger meist voll", kennt er seine Kunden. Trotzdem sei das gut zu machen.

Das Schlachten hat Matthias übrigens nie ganz aufgegeben: In der kühlen Jahreszeit betreibt er hobbymäßig eine private Hausschlachtung, aus der leckere Fleischprodukte und -konserven hervorgehen. Neben Schwarz- und Weißware warten seine Kunden auch schon wieder sehnsüchtig auf die Lieferung frischer Wurstwaren!

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