Kaelble Fernfahrt: Aus Freude am Fahren

Die Rossfeld-Panoramastraße gab eine herrliche Kulisse ab. Für die Kaelble-Fahrer hieß es Schwerstarbeit am Lenkrad
© Foto: Erwin Fleischmann

Mit drei alten Kaelble von NRW nach Bayern? Was in den 60ern normal war, geht noch immer, dachten Uta und Helmut Alborn sowie Fritz Rademacher - und fuhren los.


Datum:
31.12.2018
Autor:
Gerhard Gruenig

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Man muss nicht verrückt sein - aber es hilft. Natürlich verrückt im positiven Sinn. Sonsten käme man wohl nicht auf die Idee, mit drei Schwerlastzugmaschinen aus den Sechzigerjahren quer durch die Republik zu gondeln. Zwar prangt auf den dicken Kaelble stolz der Schriftzug "300 PS". Was aber nicht heißt, dass man damit recht schnell unterwegs wäre: 62 km/h, mehr ist nicht drin.

Initiator der Fernfahrt war Helmut Alborn, Spezialist für Schwer- und Sondertransporte aus Dortmund - was dann auch das Faible für schweres Alteisen erklärt. Und Kaelble, weil schon der Papa auf die starken Zugmaschinen aus Backnang gesetzt hat. Und da Helmut Alborn das Glück hat, eine Frau an seiner Seite zu haben, die das gleiche Steckenpferd reitet, ging das Ehepaar mit gleich zwei in Hausfarben lackierten Allrad-Dreiachsern an den Start.

Helmut pilotierte einen KDV 22 Z von 1964, Uta tourte in einem 66er KDV 24 Z. Während der 22er noch über das alte runde Fahrerhaus verfügt, trägt der 24er bereits Kante. Unterm Blech gibt's identische Technik: ein Vorkammer-V8, der 300 PS aus 19,1 Litern Hubraum bei relativ bescheidenen 1600 Touren leistet. Das maximale Drehmoment gab Kaelble mit 136 mkg (1334 Nm) an - immerhin mehr, als ein Bugatti Veyron S hat ...

Zu ihrer Zeit waren die Dreiachser das Stärkste auf dem Markt, weshalb weithin sichtbar eine verchromte "300" auf dem Kühlergrill prangte. Bei der Getriebewahl vertraute der Hersteller auf das allseits bekannte ZF AK 6-75-3 - mit einer Spreizung von 5,4 bis 0,6 als Overdrive ausgelegt, um die Belastung für die kraftübertragenden Komponenten zu verringern. Kaelble gestattete mit Sonderfreigabe 500! Tonnen Anhängelast, was nie und nimmer zu nur sechs Gängen gepasst hätte. Ergo verbauten die Backnanger ein zweistufiges Verteilergetriebe (1,825 und 0,745), verdoppelten damit die Anzahl der Schaltstufen und sorgten für ausreichend Drehmoment, um im Langsamfahrbereich ordentlich Zugkraft zu realisieren.

Von solchen Torturen bleiben die Oldies heutzutage natürlich verschont. Bis auf ordentlich Reisegepäck mussten sie nicht viel schleppen. So führte die Tour beginnend vom Heimatstandort Dortmund über Fulda und Herzogenaurach nach Landshut. Eigentlich sollte es von dort nach Österreich gehen, weil Helmut Alborn einmal im Leben die Großglockner-Hochalpenstraße mit seinem Oldtimer unter die Räder nehmen wollte. Die ist eigentlich für Lkw gesperrt, die Betreiber hätten aber eine Ausnahme gemacht. "Hätten" deshalb, weil ein engstirniger Beamter die Zufahrt zum Großglockner wegen eines bestehenden Lkw-Durchfahrtverbots in seinem Zuständigkeitsbereich verweigerte. Der Amtsschimmel wiehert auch bei unseren Nachbarn ziemlich laut ...

Pragmatisch wie die Alborns nun mal sind, wurde aus der Hochalpenstraße die bayerische Rossfeldstraße, auf der schließlich die - wie wir meinen - herrlichen Fahraufnahmen für diese Geschichte entstanden sind. Nach einem Kurzurlaub in Bayern ging's dann zurück zum Ausgangspunkt: rund 1850 Kilometer in zehn Tagen.

EIN LUSTIGES TRIO AUS KAELBLE-FANS

Mit von der Partie war übrigens Fritz Rademacher - Fahrer, Fuhrunternehmer, vor allem aber Urgestein der Kaelble-Szene. Aus seiner Sammlung brachte er quasi das Schwestermodell zu Helmut Alborns Dreiachser an den Start: einen KDV 22 Z 8T. Und der ist etwas ganz Besonderes. Bei dem orangefarbenen Schmuckstück handelt es sich um den letzten bei Kaelble quasi werksinstandgesetzten Lkw. Selbstredend, dass in dem ebenfalls 300 PS starken Schwerlaster jede Menge Zeit und Herzblut steckt.

Als der Redakteur nach der tiefen Zuneigung zu Kaelble fragt, wird Fritz ein wenig sentimental. Schon als junger Fahrer hatte er sich bei Helmut Alborns Vater beworben, weil er dessen starke Kaelble so toll fand. Aber Alborn senior hatte ihm damals die kalte Schulter gezeigt. Er solle erst mal mehr Fahrpraxis sammeln, ehe man ihm einen solchen Boliden anvertrauen würde. Fritz heuerte dann beim Wettbewerber an und kam doch noch zum Schwerlastvergnügen. Dass Fritz und Helmut heute dicke Freunde sind, beweist, dass man sich immer zweimal im Leben sieht. Nur Kaelble war diese zweite Chance leider verwehrt.

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