Länderreport Tschechien: Vielfach Nachholbedarf

Das 1500 Kilometer lange Autobahnnetz wird nur schleppend ausgebaut
© Foto: picture-alliance/Robert Michael

Aus Tschechien stammen relativ wenige in Deutschland arbeitende Fahrer. Obwohl auch sie durch Kollegen aus Billiglohnländern ersetzt werden ...


Datum:
28.08.2015
Autor:
Redaktion TRUCKER

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Anfang des Jahres schlug der deutsche Mindestlohn in Tschechien hohe Wellen. Nach dem Gesetzentwurf hätten tschechische Transitfahrer auf deutschen Straßen mit 8,50 Euro/Stunde entlohnt werden müssen. Wegen des großen Ärgers darüber in vielen EU-Ländern setzte Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles die Regelung für den Transit wieder aus.

Der Grund des Ärgers war nachvollziehbar: In Tschechien liegt der Mindestlohn bei 332 Euro im Monat, etwa zwei Euro/Stunde. Weniger müssen Firmen innerhalb der EU nur noch in Litauen, Bulgarien und Rumänien bezahlen.

Für Tomas Javorsky ist das Geld ein Grund, warum er seit drei Jahren lieber in Deutschland fährt. Der Prager Berufskraftfahrer ist einer der wenigen Tschechen, die jenseits der Grenze arbeiten. Trotz Fahrermangel und besserer Bezahlung seien nur wenige Tschechen zu einem Wechsel zu bewegen, sagt Unternehmensberater Alexander Koch aus Osnabrück. Er sucht für deutsche Unternehmen Kraftfahrer aus Mittel- und Osteuropa.

VIELE HABEN IM ALTER KAUM GENUG GELD ZUM LEBEN

Selbst tschechische Unternehmen beklagen immer wieder die mangelnde Mobilität ihrer Arbeitnehmer. Für eine neue Arbeitsstelle gar umziehen, wollen die wenigsten. Viele Tschechen besitzen eigene Immobilien und auch die berufstätigen Ehepartner bräuchten einen Job am neuen Standort. Auch Javorsky fährt zwar gerne in Deutschland, wohnt aber nach wie vor in Prag.

In der Heimat verdienen Kraftfahrer im Schnitt nur 710 Euro Lohn, mit Spesen zwischen 1600 und 1800 Euro. Der Trend geht jedoch dahin, immer größere Anteile als Spesen auszuzahlen, was die Steuerlast für die Unternehmen drückt und bei der Urlaubsgeld-Zahlung spart. Die Quittung bekommen dann die Fahrer, deren Rente ja am Grundgehalt berechnet wird - viele haben im Alter kaum genug zum Leben.

Auch die leistungsabhängige Bezahlung pro gefahrenem Kilometer ist verbreitet. Und vielen Speditionen reicht nicht einmal das: Sie setzen auf noch billigere Fahrer aus Rumänien oder Bulgarien.

Mit den restlichen Arbeitsbedingungen steht es ebenfalls nicht zum Besten. Bei einer Untersuchung des Kraftfahrbundesamtes gab lediglich die Hälfte der tschechischen Fahrer an, jedes Wochenende zu Hause zu verbringen. Bei den deutschen Berufskraftfahrern sind es mehr als 80 Prozent. Die Nacht im Auto zu verbringen, ist aber gar nicht so einfach: Autohöfe wie in Deutschland sind unbekannt, Parkplätze entlang der Autobahnen gibt es kaum. Die zahlreichen Tankstellen bieten in der Regel nur wenigen Lkw Platz.

Bleiben Landstraßen oder Industriegebiete. Dort allerdings kann den Fahrer schon mal eine Polizeikontrolle aus dem Schlaf holen. Insbesondere auf der stark befahrenen Ost-West-Strecke, von Ostrau an der polnischen Grenze über Prag nach Pilsen und weiter in den Westen, wird nach Schleppern, die Flüchtlinge in die EU zu schleusen versuchen, gesucht.

Auch die Lenk- und Ruhezeiten werden von der Polizei, dem Zoll und der Autobahnpolizei streng kontrolliert. Toleranz können Fahrer hier nicht erwarten, so die Erfahrung von Javorsky. Schon zwei oder drei Minuten mehr am Steuer können teuer werden.

Die großen Industriefirmen, vor allem aus der Autoindustrie, sind lukrative Arbeitgeber. Sie ziehen sogar Fahrer aus Deutschland an, die dort teils mehr verdienen können als etwa in den strukturschwachen Gebieten Nordbayerns oder Sachsens. Manchmal müssen sie dafür nicht mal den Arbeitgeber wechseln. Auch deutsche Logistikdienstleister sind in Tschechien stark vertreten; sie profitieren davon, dass Firmen, die in Tschechien investieren, sie quasi mit über die Grenze nehmen.

Sprachprobleme gibt es dabei kaum. Wer an tschechische Firmen liefert oder unterwegs mal ein paar Informationen benötigt, kommt in der Regel mit Deutsch und Englisch gut weiter.

Die offizielle Landeswährung sind Tschechische Kronen, doch inzwischen hat sich der Euro an Autobahntankstellen und in größeren Geschäften fast schon als inoffizielles Zahlungsmittel etabliert. Bald könnte das Volk über eine offizielle Einführung abstimmen.

Noch relativ günstig sind die Lebenshaltungskosten in Tschechien. Ein gutes Mittagessen ist ab 3,50 Euro zu bekommen - danach sollte man eine Pause einplanen. Die böhmische Küche ist nicht für ihre leichte Kost bekannt, Würstchen, Knödel und Kraut gehören ebenso dazu wie ein gutes Bier.

TSCHECHIEN IST GERADE AUF DEM WEG DER ERHOLUNG

Wirtschaftlich hat sich das Land nach einigen Jahren in der Rezession wieder erholt. Das Wachstum soll in diesem Jahr stolze 2,7 Prozent betragen. Das schlägt sich in den Löhnen und Gehältern nieder. Sie könnten nach Berechnungen des Statistikamtes in diesem Jahr um durchschnittlich fast vier Prozent steigen. Die Arbeitslosigkeit ist weiter auf dem Rückzug, beträgt aber immer noch etwa sechs Prozent.

In Sachen Logistik gehört Tschechien mittlerweile zu den attraktivsten Logistikstandorten in Europa. Weltweit belegt es auf einer Liste der Weltbank immerhin den 32. Platz von 160 untersuchten Ländern. Nur bei der Infrastruktur und bei der Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit von Lieferungen gebe es Nachholbedarf.

Das gilt auf jeden Fall für den Autobahnbau. Wichtige Verbindungen wie die Strecke Prag-Dresden sind immer noch nicht durchgehend ausgebaut. Die Planungsverfahren schleppen sich über viele Jahre hin. Viele wichtige Strecken im Land sind nur über Landstraßen zu befahren, etwa in Richtung des österreichischen Linz.

Das Geld für den Ausbau stammt aus der Maut für das rund 1500 Kilometer lange Autobahnnetz. Trotz einer kräftigen Tariferhöhung im Januar 2015 reicht das Geld immer noch nicht. Die Regierung überlegt nun, die Lkw-Maut auf alle größeren Landstraßen auszuweiten. Alexander Heintze

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