Nachwuchskader: BKF-Azubis bei Rewe

Rewe gibt sich Mühe, um Nachwuchs zu bekommen
© Foto: Gerhard Grünig

Fahrermangel ist auch bei der Rewe Group ein Thema für die nahe Zukunft. Als Vorreiter für den gesamten Konzern investiert Carsten Bayer, Fuhrparkleiter der Region Mitte-Nord, seit 2013 in eine eigene Bkf-Ausbildung. TRUCKER unterhielt sich mit sechs der Azubis über ihre Erfahrungen.


Datum:
08.07.2015
Autor:
Gerhard Gruenig

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Aktuell hat Carsten Bayer keine Probleme, Fahrer zu bekommen. "Wir bezahlen nach dem allgemeinen Großhandelstarif Hessen. Entsprechend der guten Bezahlung ist die Stellennachfrage hoch - auch wenn es am Ende des Tages nicht immer eine leichte Arbeit ist", erzählt der Fuhrparkleiter bei der Rewe Group, Region Mitte-Nord. Doch Bayer weiß, dass in den nächsten Jahren vieler seiner Fahrer in Ruhestand gehen werden und dass bereits jetzt langsam ein Kampf innerhalb der Branche um die besten Kraftfahrer entbrennt.

Die Rewe fährt in der Region Mitte-Nord durchschnittlich mit 50 Prozent Selbsteintritt und verfügt im gesamten Bundesgebiet über zirka 1500 Lkw. Am Standort Hungen, einem von mehreren, für die Bayer als Fuhrparkleiter verantwortlich zeichnet, sind es 70 Solo-Lkw und Kombinationen im Eigenfuhrpark sowie knapp 70 Solo-Lkw und Kombinationen im Fremdfuhrpark. Weil viele der Fahrzeuge im Mehrschichteinsatz laufen, stehen insgesamt 110 eigene Fahrer in Lohn und Brot. "Angesichts der natürlichen Fluktuation, vor allem aber des Renteneintritts vieler "50+"-Fahrer mussten wir uns Gedanken um den Nachwuchs machen", beschreibt Ausbildungsbeauftragter Markus Woeschka. "Wir haben uns deshalb vor zwei Jahren entschlossen, eine eigene Bkf-Ausbildung ins Leben zu rufen."

Klingt zunächst einfach, "war aber doch mit Aufwand verbunden", wie sich Carsten Bayer erinnert. Als Ausbildungsbetrieb mit eigener Bkf-Weiterbildungsabteilung war's dann aber kein Hexenwerk und so begannen zum August 2013 die ersten fünf Bkf-Azubis ihre Lehre bei Rewe. Ludwig ist so etwas wie der Wortführer der Azubis. "Nach der Schule war ich erst mal 23 Monate bei der Bundeswehr. Da habe ich mit 1500 Euro im Monat ganz gut verdient und auch überlegt, aus dem freiwilligen Wehrdienst eine Laufbahn als Zeitsoldat zu machen."

Aber dann kam die Freundin und mit ihr der Wunsch, sesshaft zu werden. "Das wäre beim Bund nicht gegangen", erläutert Ludwig seinen Grund, etwas Neues anzufangen. "Da hab' ich schon den Kontakt zu meinen ganzen Freunden verloren." Und weil er schon immer ein Faible für Lkw hatte, bewarb er sich bei Rewe - und bekam den Job. Da muss er bis zum Lehrzeitende erst mal finanzielle Abstriche machen. "Aber die Entscheidung für den Nahverkehr und für die private Beziehung ist es wert", ist sich der 20-jährige Azubi sicher.

Zum Thema Gehälter erklärt Rewe-Personalentwickler Jörg Eirich: "Im ersten Lehrjahr bekommen unsere Azubis nach dem seit 2014 geltenden Tarifvertrag 781 Euro brutto pro Monat. Im zweiten Lehrjahr steigt das Ausbildungsgehalt auf 847 Euro. Im letzten Jahr der dreijährigen Ausbildung sind es dann 943 Euro im Monat. Und bei durchweg guten Leistungen garantieren wir eine Übernahme in eine Festanstellung."

Geld war nicht unbedingt die Motivation für Sonja, als bislang einzige Frau ins Ausbildungsprogramm einzusteigen. Die blonde 21-Jährige hat nach eigenem Bekunden Spaß am Fahren, seit sie den Pkw-Führerschein gemacht hat. Ihre Bemühungen, eine Ausbildungsstelle als Bkf-Azubi zu finden, verliefen allerdings zunächst erfolglos. "Ich hab' mich bei zahlreichen Speditionen beworben, aber immer nur zur Antwort bekommen, dass die Arbeit zu schwer für eine Frau wäre oder dass es keine Sozialräume für weibliche Mitarbeiter im Unternehmen gäbe ..."

BÄCKER MÜSSEN FRÜH AUFSTEHEN, VERDIENEN ABER EHER SCHLECHT

Also startete Sonja mit einer Bäckerlehre, musste sich mit 318 Euro brutto im Monat begnügen und dafür noch mitten in der Nacht aufstehen. Zutiefst unzufrieden sah sie im örtlichen Rewe-Markt eine Stellenanzeige, initiiert von Carsten Bayer. Der Griff zum Telefon war sofort beschlossene Sache, und tatsächlich bekam sie die Einladung zum Vorstellungsgespräch und letztlich auch den Job. Dass auch Mädels das Zeug zum Bkf haben, beweist Sonja täglich. "Sie ist ein echtes Naturtalent und selbst die altgedienten Fahrer schaffen es nicht schneller oder besser, mit dem Deichselanhänger rückwärts an die Rampe zu rangieren", lobt Ausbildungsbeauftragter Markus Woeschka. Sonja wird ein wenig rot, freut sich aber über die anerkennenden Worte. "Wir haben hier auf jeden Fall keine Vorbehalte gegen Frauen", bekräftigt Carsten Bayer die Entscheidung, Sonja ins Team aufzunehmen.

Den Traum auf eine echte Ausbildung hatte Hamza auch schon aufgegeben. Der 26-Jährige hat immer gearbeitet, aber eben ohne Gesellenbrief und damit ohne Chance auf die Sozialleistungen eines Facharbeiters. "Ich wollte ja, auch weil mir Freunde immer wieder gesagt haben, dass ein Leben als Hilfsarbeiter am Ende des Tages nur Nachteile hat." Aber Hamza kam nie bis zum Bewerbungsgespräch. Dann recherchierte er im Internet, gab bei Google "Lehre als Berufskraftfahrer" ein und als oberster Treffer kam er auf die Seite von Rewe. Tatsächlich schaffte er es, zum Bewerbungsgespräch eingeladen zu werden. "An dem Tag schneite es, was runter ging", erinnert sich Markus Woeschka. "Hamza war trotz Verkehrschaos pünktlich da und hat uns durch sein Engagement, seine Freundlichkeit und Leistungsbereitschaft überzeugt. Also haben wir ihn eingestellt und er ist jetzt im zweiten Lehrjahr."

Carsten Bayer ergänzt: "Den qualifizierten Hauptschulabschluss wollen wir als Grundvoraussetzung sehen. Aber der persönliche Eindruck im Bewerbungsgespräch ist uns dann viel wichtiger als supertolle Noten." Auch von modernen Bewerbungsmethoden à la Assessment Center hält Bayer für die Berufskraftfahrer-Ausbildung nichts. "Das verschreckt die Bewerber doch bloß und die echten Qualitäten kommen bei so etwas meiner Ansicht nach auch nicht heraus ..."

"Easy going" erwartet die Azubis allerdings nicht. Wer erst mal den Führerschein hat, bekommt nach entsprechenden Einweisungen durch versierte Kollegen eigene Touren zugewiesen. Üblicher Arbeitsbeginn ist 5:30 Uhr. Es gibt aber auch Touren, die starten schon ab zwei Uhr morgens. Sonja hat sich jüngst für die zweite Schicht entschieden und startet zwischen 12 und 13 Uhr.

MEIST STEHEN ZWEI TOUREN AN. ERST FRISCHWARE, DANN TROCKENFRACHT

Nach seinem Arbeitsalltag befragt, erzählt der 23-jährige Dominik, dass in der Frühe meist die Verteilertouren fürs Obst anstehen. "Das ist eine vorgeladene Tour, bei der wir den ebenfalls fest eingeteilten Kollegen begleiten." Nach der ersten Runde geht Dominik in die Dispo und bekommt die Papiere für seine zweite Tour. Dann muss er den Lkw an die Rampe setzen und die bereit gestellten Rollcontainer und Paletten verladen. Anschließend geht's in vorgegebener Reihenfolge zu den einzelnen Filialen. Ist die Ware im Lager des Kunden, nimmt Dominik je nachdem Leergut, Verpackungen oder Retouren mit.

Auch Dominik hat es schon mit einer anderen dreijährigen Lehre probiert. Er ist gelernter Elektriker und musste erfahren, dass man mit dem Ausbildungssalär von 230 Euro im ersten Jahr nicht wirklich über die Runden kommt - auch wenn es mit dem Gesellenbrief in der Tasche mehr Geld wird. "Aber um ordentlich bezahlt zu werden, musste ich mehrfach den Arbeitgeber wechseln. Und dann gab's wieder Zeiten der Nichtbeschäftigung. Und weil ich schon immer großes Interesse an Technik und Lkw hatte, bin ich jetzt auf jeden Fall besser dran."

Georgios ist aktuell im ersten Lehrjahr. Er hat sich, nach der bei Rewe üblichen Schnupperwoche für alle angehenden Azubis, für die Lehre als Bkf entschieden. Als kleines Déjà-vu: Es ist Georgios ebenfalls bereits zweite Ausbildung. Mit 17 begann er eine Lehre als Verkäufer, "aber das mit der Schule hat damals überhaupt nicht geklappt", resümiert er sein damaliges Scheitern.

Bei der Bkf-Ausbildung wäre das mit der Schule kein Problem, erklären alle Rewe-Azubis unisono. Der Blockunterricht in der Berufsschule sei abwechslungsreich, die Lehrkräfte würden sich um eine möglichst praxisnahe Ausbildung bemühen und der Stoff so vermittelt, dass jeder die Chance hat, entsprechend seiner Fähigkeiten mitzukommen. "Das ist allerdings keine Selbstverständlichkeit", weiß Ausbildungsbeauftragter Markus Woeschka. "Wir haben da mit unserer Berufsschule wirklich Glück. Die Lehrer haben eine größer angelegte Ausbildungsinitiative mit einigen Speditionen und Logistikdienstleistern ins Leben gerufen. Daraus resultieren viele praktische Erfahrungen, aber auch Beispiele, wie an anderer Stelle erfolgreich gearbeitet wird."

AUCH DIE BKF-AZUBIS BEKOMMEN KAUFMÄNNISCHE GRUNDKENNTNISSE

Rewe selbst leistet ebenfalls einen Beitrag zu einer möglichst breiten Bildungsbasis. "Bei uns durchlaufen alle Bkf-Azubis innerhalb der drei Jahre so ziemlich jede Abteilung", macht Carsten Bayer klar. "Dazu gehören etwa die Werkstatt oder die Dispo und selbst ein Marktaufenthalt." Den fand Ludwig besonders spannend. "Ich war zwei Wochen in einem Geschäft in der Nähe meines Wohnortes - das richtet Rewe extra so ein, dass wir möglichst kurze Wege haben. Da sieht man mal was passiert, wenn wir zu spät kommen oder die falsche Ware liefern. Und für die Marktleiter ist es auch interessant, mal mit den Fahrern zusammen zu arbeiten, die ihnen später die Ware bringen."

Hamza ergänzt, dass es für ihn eine wertvolle Erfahrung in Warenkunde war: "Vorher war für mich eine Tomate eine rote Frucht. Nachher wusste ich, dass es Strauchtomaten gibt, Cocktailtomaten, Rispentomaten, aus welchen Ländern die kommen und wie sie sich im Geschmack unterscheiden." Dominik schätzt an seiner Ausbildung bei Rewe, dass er über den Tellerrand seines Ausbildungsberufes hinausblicken kann. "Neben all dem, was für den Fahrerjob wichtig ist, bekommen wir in den Fachabteilungen noch Einblicke ins Abrechnungswesen oder die Transporthilfsmittelbelastung und werden vor der Prüfung durch entsprechende Vorbereitungskurse in Theorie und Praxis von Herrn Woeschka auf Erfolg getrimmt."

Die Erfolge der Ausbildung in Hungen haben sich inzwischen im gesamten Konzern herumgesprochen. "Wir fungieren quasi als Pilotprojekt, was die Rahmenbedingungen angeht", resümiert Carsten Bayer seine Erfahrungen. "Demnächst gibt es Bestrebungen, die Bkf-Ausbildung in der gesamten Rewe-Group in Eigenregie zu übernehmen." Nur eines findet Bayer schade: "Wir stellen zum aktuellen Jahrgang wieder drei Bkf-Azubis ein - weil wir nicht mehr finden. Es könnten gerne mehr sein. Aber ich bin zuversichtlich, dass sich diese Situation verbessert, wenn sich erst einmal herumgesprochen hat, wie die Bkf-Ausbildung bei Rewe läuft!"

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