Polizei-Stammtisch: Lkw-Unfälle verhindern

Zahltreiche Besucher trafen sich mit Vertretern der Polizei zum gemeinsamen Stammtisch
© Foto: Julia Thomsen

Beim Fernfahrerstammtisch in Augsburg ging es um schwere Unfälle. Wie kommt es dazu und was kann ein jeder zur Vorbeugung beitragen?


Datum:
17.11.2016
Autor:
Julia Thomsen

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Bei der Bergung von Verletzten zählt jede Sekunde", das weiß Friedhelm Bechtel von der Berufsfeuerwehr Augsburg aus eigener Erfahrung. Die Männer und Frauen, die zum Stammtisch an den Rasthof Augsburg gekommen sind, nicken zustimmend. Gut 20 Fahrer, Fuhrunternehmer und Ruheständler vefolgen den Vortrag des Experten. Der eine oder andere hat schon gefährliche Unfälle erlebt, ob persönlich oder mittelbar im Kollegen- und Bekanntenkreis. Täglich geschehen auf deutschen Autobahnen schwere Verkehrsunfälle mit Lkw. Oft mit tödlichem Ausgang.

Das Thema scheint heute aktueller denn je. Ein Grund für Polizeihauptkommissar Hansjörg Schuster, den Abend dem Problem Lkw-Unfälle zu widmen. Alle zwei Monate lädt die Verkehrspolizei Augsburg Fernfahrer in den Rasthof Augsburg-Ost an der A 8 ein, einer der meistbefahrenen Autobahnen. "Der Stammtisch ist mehr als ein Abend in gemütlicher Runde. Wir wollen aufklären und möglichen Gefahren vorbeugen."

Fahrer wie Unternehmer nehmen das Angebot gut an. "Etwa 70 Prozent der Teilnehmer sind Stammgäste aus dem Umkreis", freut sich Schuster. So wie Burkhard Hoppe und Heinz Vollrath. Der ehemalige Betriebsprüfer der BG und der Lkw-Fahrer sind regelmäßig bei den Treffen. "Ich habe höchstens sechs Mal gefehlt", sagt Hoppe. "Hier kann man noch etwas lernen und sich mit anderen austauschen." "Eine super Sache", ergänzt Vollrath. Er kommt, wann immer er es einrichten kann.

Zu jedem Stammtisch wird ein anderer Fachreferent geladen. Die Themen sind vielfältig: von der Verkehrssicherheit über Ladungssicherung bis hin zu Gesundheitsthemen. "Unsere Experten berichten aus der Praxis", betont Schuster. So wie Friedhelm Bechtel.

EINE STUNDE VOM NOTRUF BIS INS KRANKENHAUS

Der Brandamtmann spricht über einen Dauerbrenner, wie er selber sagt: "Bildet eine Rettungsgasse!" Immer wieder stehen er und seine Kollegen wenige Kilometer oder gar Meter vor einer Unfallstelle und kommen nicht zu den Verletzten durch. Dabei sei die Regel so einfach: "Linke Spur nach links, alle rechts davon nach rechts." Er zeigt ein Video, gefilmt aus einem Einsatzfahrzeug heraus. Im gezeigten Beispiel klappt es nicht mit der Rettungsgasse - wie so oft. Die Stammtischgäste kennen das Problem. "Manche Idioten fahren dann noch direkt hinter dem Rettungswagen her", wirft ein Teilnehmer ein, "weil jeder nur an sich denkt."

Dabei ist die Rettungsgasse lebenswichtig. "Wir sprechen von der 'Golden hour of shock'", erklärt Bechtel. Eine Stunde darf es dauern, bis ein Verletzter im Krankenhaus ist. Eine Stunde für Notruf, Anfahrt, Bergung und Transport in die Klinik. Ein straffer Zeitplan für die Rettung eines Menschenlebens.

Bechtel hat Fotos aus seinem Alltag mitgebracht: ein umgekippter Schweinetransporter, eine Ladung Bierkisten, vom Auflieger gerutscht, ein Lkw, von der Leitplanke nahezu aufgespießt, und ein brennender Sattelzug, über dem gelber Rauch aufsteigt. "Wenn ihr so was seht, dann rennt!", warnt Bechtel. "Gelber Rauch weist auf Nitrosegase hin." Diese Gase, als Stickoxide bekannt, sind hochgiftig.

Besonders wichtig ist der Erstzugang zu Verletzten. "Müsst ihr auf den Notarzt warten?", will Fahrer Manfred Ernst wissen. "Wenn wir zuerst da sind, übernehmen wir die medizinische Versorgung auch selbst", klärt Bechtel ihn auf. Das größere Problem sei aber die Bergung von Lkw-Fahrern. Das stellt sich auch Fuhrunternehmerin Rita Lindner schwierig vor: "Wie kann man da ein Rettungsbrett ansetzen, um die Wirbelsäule zu schützen?"

WER SICH AUSKENNT, KANN BEI DER BERGUNG HELFEN

Neben der hohen Stabilität von modernen Materialien macht vor allem der große Höhenunterschied die Bergung problematisch. Trotz oder gerade wegen mobilem Gerüst und Leitern sind die Rettungskräfte bei der Bergung eingeschränkt. "Zudem fehlt die Übung", sagt Bechtel. Jedes Lkw-Modell sei anders und moderne Technik erschwere den Einsatz von Spreizer und Zange. Hier könnten andere Fahrer an der Unfallstelle helfen, die mit dem verunglückten Modell vertraut sind.

Die Stammtischler würden helfen - das steht für alle fest. Weniger Einigkeit herrscht jedoch bei der Frage: Warum kommt es überhaupt zu Lkw-Unfällen? Sind die Fahrer oder Unternehmer schuld? Manche fordern strengere Regeln. "Warum wird nicht mehr kontrolliert?", fragt ein Fahrer. "Schwarze Schafe sollte man direkt aus dem Verkehr ziehen." In Österreich sei man da wesentlich strenger.

Auch Hauptkommissar Schuster hält Kontrollen und Strafen für eine wichtige Maßnahme, um Unfällen vorzubeugen. "Wir kontrollieren daher regelmäßig in großem Umfang", sagt er. Wichtig sei, dass nicht nur Fahrer, sondern auch Unternehmer bestraft werden. Viele lassen ihre Fahrer unter zu hohem Zeitdruck arbeiten, tolerieren und fordern Überstunden, überhöhte Geschwindigkeiten und Überschreitung der Arbeitszeiten. Deswegen ist Schuster der Stammtisch wichtig. "Unser Ziel ist Prävention durch Information und Aufklärung", sagt er. "Fahrer und Unternehmer müssen erkennen, welche fatalen Folgen Überarbeitung und Müdigkeit haben können."

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