"Wir sind Weigander!"

Sind alle Weigander: Karsten Weigand, Dennis Everding, Marvin Kedorn, Sebastian Kühn, Ina und Stefan Weigand sowie Lucas Hahn (v.l.)
© Foto: Julia Thomsen

Den Fahreralltag auf dem Spielplatz üben, den Chef duzen und bei Problemen stets ein offenes Ohr finden - Weigand Transporte zeigt, wie Mitarbeiterbindung geht.


Datum:
29.06.2018
Autor:
Julia Thomsen

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Auf dem Hof der Firma Weigand Transporte in Sittensen-Lengenbostel steht zwischen den weißen Sattelzügen mit Siloaufliegern ein kleiner Mini. Ton in Ton mit der Lkw-Flotte des Tanktransportunternehmens trägt er auf beiden Seiten den Weigand-Schriftzug und den Hinweis auf die Karriere-Website des Unternehmens. Mit diesem Auto fahren die Auszubildenden der Firma Weigand zum Beispiel in die Berufsschule. Der Mini symbolisiert das, was die Geschäftsführer Karsten und Stefan Weigand täglich leben - Mitarbeiter wertschätzen, motivieren und halten. "Bei uns steht der Mitarbeiter mit seinem gesamten Lebensumfeld im Mittelpunkt", erklärt Stefan Weigand. Dabei steht jeder einzelne im Fokus und wird nach seinen persönlichen Fähigkeiten bei der Ausbildung und Weiterentwicklung gefördert.

"Wir haben irgendwann festgestellt, dass wir beim Thema Personalbindung und Ausbildung mehr tun müssen", erzählt Weigand. Das Problem des Fahrermangels ist seiner Meinung nach hausgemacht. Es fehle vor allem an Wertschätzung. Stefan Weigand ist 1993 ins elterliche Geschäft eingestiegen - damals hatte das Unternehmen gerade einmal sieben Fahrzeuge. Heute führen er und sein Bruder Karsten über 70 Mitarbeiter sowie einen Fuhrpark von 45Zugmaschinen und 60 Aufliegern. Der Erfolg der Aus- und Weiterbildungsstrategie spricht für sich: Trotz Bewerbermangel und Imageschaden der Branche und des Berufs als Lkw-Fahrer gelingt es Weigand Jahr für Jahr, Azubis zu gewinnen und diese auch langfristig zu binden. "Stefan hat eine Vision", sagt Fuhrparkleiter Dennis Everding über seinen Chef. "Er probiert das Unmögliche, um das Mögliche wahr zu machen", das sei eine der Zutaten für das erfolgreiche Ausbildungskonzept des Unternehmens.

Der 30-jährige Dennis hat bei Weigand seine Ausbildung zum Berufskraftfahrer absolviert. Etwa zwei Jahre fuhr er für Weigand anschließend Touren im Fernverkehr. "Dann fragte mich Stefan, ob ich nicht Teil des festen Ausbilderteams für die Fahrer werden wollte", erinnert er sich. Inzwischen ist Dennis zum Fuhrparkleiter aufgestiegen und übernimmt in diesem Jahr die Ausbildungsleitung.

Bei der Ausbildung seiner Berufskraftfahrer setzt die Sittenser Spedition auf einen ausgewogenen Mix aus Theorie und Praxis. Ihren späteren Berufsalltag können die Azubis auf dem sogenannten Weigand-Spielplatz üben. Und das schon vor und während der Führerscheinausbildung, wie der 19-jährige Lucas Hahn erklärt. "Den Führerschein beginnen wir erst im zweiten Lehrjahr. Vorher machen wir den 'Hofführerschein', um Rangieren oder Auf- und Absatteln auf dem Firmengelände üben zu können", erläutert der BKF-Azubi im ersten Lehrjahr.

AUF DEM SPIELPLATZ LERNT MAN DAS ARBEITSGERÄT KENNEN

Lucas war als Kind schon vom Lkw-Fahren begeistert und hat sich so für die Ausbildung bei Weigand entschieden - und das mit Abitur. "Ich bin kein Typ für ein Studium, ich wollte Praxis", sagt er mit einem Schmunzeln. Seine praktischen Fähigkeiten kann er nun auf dem Spielplatz beweisen. Dort lernen die Azubis nicht nur das Auf- und Absatteln, sondern auch das Be- und Entladen der Silos. Da müssen Tankdeckel geöffnet und wieder geschlossen, Bulk-Container befüllt oder Schläuche an die passenden Kupplungen und Ventile angeschlossen werden.

"Spielerisch" können die Nachwuchsfahrer auch lernen, was passiert, wenn sie ein Silo mit zu viel Druck und zu voll füllen: Wie aus einer vor dem Öffnen geschüttelten Mineralwasserflasche sprudelt das Wasser literweise oben aus dem Tank. "Wenn dir das vor Ort beim Kunden passiert, läuft da nicht bloß Wasser raus. Das gibt eine ordentliche Sauerei", sagt Sebastian Kühn mit einem Grinsen. Der 23-Jährige ist seit drei Jahren als Fahrer für Weigand unterwegs. Inzwischen gehört er auch zum Ausbilderteam. "Wer will, kann hier schnell aufsteigen", sagt er.

Für Sebastian sei eigentlich schon immer klar gewesen, dass er bei Weigand seine Ausbildung zum BKF machen will, erzählt er. "Mein Papa fährt auch für Weigand. Ich bin hier schon mit fünf Jahren im Lkw mitgefahren", sagt er. Auf dem Spielplatz trainiert Sebastian mit den Nachwuchsfahrern nun alle nötigen Handgriffe für den Job als Tankerfahrer.

So wissen die Auszubildenden, was man später beim Kunden zu tun hat, sagt Marvin Kedorn, der sich ebenfalls im ersten Jahr seiner BKF-Ausbildung befindet. "Das ist besser, als sofort den Führerschein zu machen und alleine loszumüssen", meint der 18-Jährige, der ebenfalls schon als kleiner Junge bei seinem Vater im Lkw mitfahren durfte - allerdings nicht bei Weigand, sondern in der kleinen elterlichen Spedition mit vier Fahrzeugen. Zurzeit wird Marvin in der Weigand-eigenen Reinigung mit dem schönen Namen "Waschross" eingesetzt, sein Mitazubi Lucas schraubt in der Werkstatt. Während des ersten Lehrjahrs lernen die Lehrlinge so die technischen Details und den sorgsamen Umgang mit ihrem späteren Arbeitsgerät. "Gerade das technische Know-how kann unterwegs sehr nützlich sein", meint Marvin. So arbeite man sich in kleinen Schritten stetig Richtung Führerschein und eigene Touren, ergänzt Lucas. Regelmäßig fahren die BKF-Azubis auch bei einem erfahrenen Kollegen im Fernverkehr mit, etwa bei Sebastian. Einmal im Quartal nimmt er jeden Azubi im ersten Lehrjahr mit auf Tour, zusätzlich zum Training auf dem Spielplatz.

VOM AZUBI BIS ZUM CHEF: BEI WEIGAND SIND ALLE PER DU

Für den theoretischen Teil der Ausbildung ist Dennis Everding verantwortlich. Die Ausbildung wird bei Weigand auf jeden Azubi individuell zugeschnitten, denn jeder Einzelne lerne anders, habe andere Stärken und Schwächen, erklärt Dennis. "Wir arbeiten zum Beispiel mit Memory-Karten oder Rollenspielen", sagt er. Wichtig seien abwechslungsreiche Unterrichtsmethoden, um jeden Azubi abzuholen und zu motivieren.

Zu den vielfältigen Methoden gehört auch, die Arbeitsabläufe zu visualisieren. Bei einem Gang durch die Weigand-Räumlichkeiten fallen einem an fast jeder Wand bunte Plakate ins Auge - handgezeichnet vom Chef persönlich oder seinem Ausbildungsleiter. Sie zeigen Entwicklungsstrategien für die Mitarbeiter, Arbeitsabläufe oder Sicherheitshinweise. Die beiden setzen außerdem auf den persönlichen Kontakt zu den Fahrern. In Gruppen- und Einzelgesprächen wird sich für die Wünsche und Probleme eines jeden Mitarbeiters Zeit genommen. "Führen auf Distanz funktioniert nicht", sagt Dennis.

Auch in den Gesprächen setzt Weigand auf Visualisierung. Die Mitarbeiter bewerten ihr Wohlbefinden in den Bereichen Beruf, Familie und Gesundheit mit einem Smiley - ist einer der Smileys unglücklich, wird gemeinsam nach einer Lösung gesucht, um die Work-Life-Balance wiederherzustellen, wie Stefan Weigand erklärt: "Unsere Mitarbeiter schenken uns großes Vertrauen." Und andersherum vertraue man ihnen. Dieses offene und familiäre Miteinander schätzen auch die Auszubildenden. "Das hat mich schon im Bewerbungsgespräch überzeugt", sagt Lucas. Marvin stimmt zu: "Die Gemeinschaft und der Umgang stimmen hier einfach", sagt er. Als Azubi sei man von Beginn an auf Augenhöhe und werde nicht als Neuling abgestempelt. Dazu trägt das allgemeine "Du" bei, das bei Weigand gelebt wird. Vom Azubi bis zum Chef, "'Sie' gibt es bei uns nicht", sagt Weigand. "Wir sind alle Weigander."

An Fahrer, die die Werte dieses Titels bestmöglich verkörpern, verleiht die Geschäftsführung sogar einen eigenen Preis: den Weigand-Award. Die Idee des "Weigander" kommt nicht nur bei den eigenen Mitarbeitern an: Auf Facebook folgen dem Familienunternehmen aus Sittensen fast 2000 Fans. "Angesichts unserer Größe finde ich das stark", sagt der Chef sichtlich stolz. Der gut gepflegte Facebook-Auftritt des Unternehmens ist Teil der Bemühungen, das Image der Branche und des Fahrerberufes zu verbessern. "Wir bekommen dort viel positives Feedback, auch neue Fahrer konnten wir schon gewinnen", erzählt Weigand. Mit kameradschaftlichem Betriebsklima und Entwicklungsperspektiven für jeden gelingt es Weigand Transporte, junge Nachwuchsfahrer und langjährige Berufskraftfahrer immer wieder aufs Neue für ihren Beruf zu begeistern und Mitarbeiter langfristig zu halten. Die Ideen gehen dem Geschäftsführer und seinem Ausbilderteam dabei offenbar nicht aus. Auf dem Gelände entsteht demnächst ein neues Verwaltungsgebäude mit mehr Platz für die Mitarbeiter: "Unsere Vorstellung ist ein Schulungsbereich auf 70 Quadratmetern", erläutert Weigand. Geplant seien zudem ein Kreativraum und ein Fahrerraum mit Billardtisch und Dartscheibe. "Wir wollen die Attraktivität des Jobs und die Motivation der Fahrer weiter steigern."

VIER FRAGEN AN DEN CHEF

Was macht Weigand besser als andere?

Wir sind sehr nah dran an den Mitarbeitern und achten darauf, dass sie sich immer in der Balance befinden zwischen Beruf, Familie und eigener Gesundheit. Dieses Dreibein wird bei Mitarbeitergesprächen abgefragt und wenn eines der Beine in Schieflage gerät, versuchen wir gemeinsam herauszufinden, woran das liegt und was wir dagegen tun können. Wir wissen, wie kostbar Personal ist - daher ist das bei uns Chefsache. Wir wollen den Mitarbeitern nicht nur gute Arbeitsplätze, sondern auch eine Möglichkeit zur Identifikation bieten. Daher sind wir alle Weigander.

Weigander - was bedeutet das?

Ich wollte, dass unsere Mitarbeiter sich konkret mit etwas identifizieren können. So wurde die Idee des "Weigander" geboren. Das hörte sich am Anfang befremdlich an und auch meine Frau war zunächst sehr skeptisch. Aber im Team kam der "Weigander" gut an. Inzwischen tragen wir alle den Slogan auf unseren Jacken und Fahrzeugen. Sogar auf Facebook schreiben uns Leute "Ich will auch Weigander werden!". Die anfänglich seltsame Idee steht heute für Zusammengehörigkeit und das Unternehmen als große Familie.

Gelingt es Ihnen so auch, neue Auszubildende und Fahrer zu gewinnen?

Bisher hatten wir nie Probleme, unsere Ausbildungsstellen zu besetzen. Allerdings sind auch immer wieder mal Azubis abgesprungen. Das wollen wir gern verhindern und haben unsere Ansprüche daher hochgeschraubt. Nun merken wir erstmals, dass es schwieriger wird, passende Azubis zu finden. Problematisch ist auch, dass das Image der Branche und des Fahrerberufs sehr negativ ist. Wenn jemand Fahrer werden möchte, sind häufig viele - Lehrer, Familie und Freunde - dagegen. Wir spüren daher inzwischen auch den Fahrermangel, haben aber noch einen ganz guten Zulauf und bekommen regelmäßig Initiativbewerbungen - dafür tun wir ja auch einiges.

Was zum Beispiel?

Es zählt letzten Endes nicht nur das Geld, das Gesamtpaket muss stimmen. Wir legen viel Wert darauf, dass Mitarbeiter sich gut aufgehoben fühlen. Das fängt schon bei Bewerbungsgesprächen an. Wir nehmen uns viel Zeit, sodass die Bewerber immer mit einem gutem Gefühl nach Hause gehen. Für die Gespräche haben wir einen eigenen Leitfaden entwickelt. So können wir feststellen, ob Bewerber zu uns passen, und das kommt sehr gut an.

FIRMENPROFIL

Anschrift:
Weigand-Transporte GmbH & Co. KG
Schmiedestraße 4
27419 Sittensen-Lengenbostel
Telefon: 0 42 82/5 08 90
www.weigand-transporte.de

Gründung:
Firmengründer Wolfgang Weigand hat den Grundstein für die Spedition 1971 gelegt - als Selbstfahrer mit einem gebrauchten Kipplastzug

Hauptaktivitäten:
Tanklogistik im Bereich Futtermittel, Chemie, Bioenergie und Abfall

Einsatzbereich der Fahrer:
Nationaler und internationaler Fernverkehr, während der Ausbildung auch in Werkstatt und Waschanlage

Fuhrpark:
45 Zugmaschinen, hauptsächlich DAF, Scania, einige MAN und ein Mercedes, mit 60 Tankaufliegern. Den "eigenen" Lkw können die Fahrer individualisieren

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