MAN E-Lkw: Unter Strom

Die für 2018 geplante Kleinserie soll aus 6x2 Fahrgestellen bestehen
© Foto: MAN

MAN rollt die ersten Lkw mit Elektromotor an den Start. So wollen die Münchener bis 2021 zur Serienreife kommen.


Datum:
13.04.2017
Autor:
Richard Kienberger

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MAN geht an die Steckdose: Im Beisein des österreichischen Bundeskanzlers Christian Kern (SPÖ) wurde am MAN-Standort in Steyr die fahrbereite Studie eines MAN-E-Trucks vorgestellt. Bis Ende des Jahres soll der Stromer in die Kundenerprobung gehen. Partner bei dem Vorhaben ist das österreichische Council für nachhaltige Logistik (CNL). Mit dem CNL vereinbarte MAN in Steyr eine Entwicklungspartnerschaft. Demnach werden noch in diesem Jahr neun CNL-Mitgliedsunternehmen Test-Lkw erhalten und diese im täglichen Einsatz erproben. Für 2018 ist der Bau einer ersten Kleinserie von 250 mittelschweren Trucks auf Basis der Baureihe TGM geplant, für 2021 verspricht MAN die Aufnahme von elektrisch angetriebenen Trucks in das Serienprogramm.

Beim Thema E-Mobilität verfolgen die Nutzfahrzeughersteller unterschiedliche Ansätze. Während aus Skandinavien die Installation der ersten Teststrecke für Oberleitungs-Lkw gemeldet wird - der demnächst ein Pendant in Norddeutschland folgen soll -, betrachtet MAN in Sachen E-Laster Versuche mit Fernverkehrs-Lkw skeptisch und sieht zumindest mittelfristig größere Chancen bei Verteilern.

Bei den Elektrofahrzeugen verzahnen die Münchener ihre Bereiche Bus und Truck, wobei die Entwicklungsziele beim Bus deutlich ambitionierter sind. Hier will das Unternehmen 2018 die Vorserienversion eines batteriebetriebenen Busses präsentieren und im darauffolgenden Jahr mit der Serienfertigung beginnen. MAN geht davon aus, dass das technische Know-how aus dem Busbereich für die Entwicklung des elektrisch betriebenen Lkw hilfreich ist und zur Bereitstellung eines gemeinsamen modularen Baukastens von Antriebselementen führt. Der in Österreich präsentierte Prototyp ist ein typischer City-Truck, basierend auf einer MAN TGS-Sattelzugmaschine mit 18 Tonnen zulässigem Gesamtgewicht. Nur sorgt statt des gewohnten Diesels ein zentraler Elektromotor für den nötigen Vortrieb. Als Sattelzugmaschine zieht dieser E-Lkw normalerweise einen zweiachsigen Auflieger. Derartige Fahrzeuge sind in konventioneller Ausführung ein gewohntes Bild an den Rampen von Supermärkten oder Paketdiensten.

VON 12 BIS 26 TONNEN -250 E-LKW WARTEN AUF IHREN EINSATZ

MAN treibt die Entwicklung zunächst in der Gewichtsklasse 12 bis 26 Tonnen voran. Die Kleinserie von 250 Fahrzeugen soll vor allem aus 6x2 Fahrgestellen bestehen, die mit für den Verteilerverkehr charakteristischen Aufbauten wie (Kühl-)Koffer oder Wechselbehälterrahmen bestückt werden. Zudem soll das Portfolio Getränkelaster umfassen.

Zwischenzeitlich ist MAN der Charging Interface Initiative (Charin) beigetreten. Ziel des Vereins ist die Etablierung des Combined Charging System (CCS) als Standard für das Laden aller batterieelektrischen Fahrzeuge. Die über 60 Mitglieder der Vereinigung decken die komplette Wertschöpfungskette der Automobilindustrie ab. Mit von der Partie ist auch der Stuttgarter Marktbegleiter Daimler.

Was auf der Präsentation in Steyr unerwähnt blieb: Schon vor Jahren berichteten österreichische Transportunternehmer, dass beispielsweise die Stadt Wien bei öffentlichen Ausschreibungen das Lastenheft so definiert, dass nur Unternehmer zum Zuge kommen, deren Flotten den aktuellsten Emissionsstandards genügen. Insofern dürfte Elektromobilität vor allem in den hoch belasteten Innenstädten schon in absehbarer Zeit ein Thema werden, das die Politik Transport- und Logistikunternehmen aufzwingt. Ein entsprechender Fingerzeig kam einen Tag nach der Veranstaltung auch aus Stuttgart, wo ab 2018 Nicht-Euro-6-Diesel aus der Innenstadt verbannt werden können.

Insofern schadet es nicht, sich vorausschauend mit E-Mobilität auseinanderzusetzen, was das östereichische Council für nachhaltige Logistik seit inzwischen knapp drei Jahren macht. In diesem Gremium haben sich 15 der größten österreichischen Firmen aus den Bereichen Transport, Logistik, Handel und Produktion zusammengeschlossen. In der Mitgliederliste tauchen unter anderem die Transportunternehmen Schachinger, Gebrüder Weiss und Quehenberger auf. Initiator des CNL war Max Schachinger, Chef des gleichnamigen Logistikdienstleisters. Damit das Gremium von den Einzelinteressen seiner Mitglieder unabhängig agiert, arbeitet das CNL mit der Universität für Bodenkultur in Wien zusammen. Ansprechpartner ist die Klimaforscherin Helga Kromp-Kolb, Leiterin des Zentrums für globalen Wandel und Nachhaltigkeit.

Die Vereinbarung wurde daher auch von Joachim Drees, Vorsitzender des Vorstands von MAN Truck & Bus, und Josef Glößl, Vizerektor der Universität für Bodenkultur, unterzeichnet. Nach den Worten von Drees sieht MAN in dem Agreement den Vorteil, dass die Entwicklung sehr praxisnah erfolgt.

Die neun Testtrucks werden an die CNL-Partner vermietet, was für MAN den Charme hat, dass sich die Münchener zum jetzigen Zeitpunkt nicht auf einen Preis für die E-Trucks festlegen müssen. Ähnlich zugeknöpft gab sich der Lkw-Bauer bei Angaben zur Reichweite. Hier wurde Schachinger konkreter, er geht davon aus, dass der Elektrolaster in der Testphase 120 "harte Kilometer" schafft (oder schaffen muss).

POLITIKER FAHREN E-LKW UND SIND VON DER PERFORMANCE BEGEISTERT

Der Wert soll also auch unter winterlichen Bedingungen gelten und inklusive aller üblichen Zusatzbelastungen. Eine präzisere Aussage von MAN gab es bezüglich der Ladezeiten. Hier rechnet MAN an modernen Schnelladestationen mit einer "Nachtankzeit" von rund einer Stunde.

Dass die Veranstaltung hochkarätig besetzt war, lag auch an der Zusage des österreichischen Bundeskanzlers. Kern wurde von Jörg Leichtfried (SPÖ) begleitet, im großkoalitionären Wiener Kabinett als Minister zuständig für Verkehr, Innovation und Technologie. Von den Politikern erhielten die anwesenden MAN-Vorstände Joachim Drees, Carsten Intra und Heinz-Joachim Löw die Zusage, dass die weiteren Forschungsarbeiten im Zuge der Entwicklung elektrisch angetriebener Nutzfahrzeuge auch von staatlicher Seite gefördert werden würden. MAN selbst will nach Aussage von Vorstandschef Drees rund zehn Millionen Euro in die nächsten Entwicklungsschritte von E-Trucks und E-Bussen investieren.

Nach einer gemeinsamen Testfahrt von MAN-Lenker Drees und Bundeskanzler Kern war das Landesoberhaupt begeistert von der Performance des Elektro-Sattelzuges. Ob das nicht ein Dienstfahrzeug für ihn wäre, wurde er gefragt. Seine durchaus schlagfertige Antwort: "Aber nur, wenn MAN das Kunststück fertigbringt, dafür auch einen Parkplatz in Wien zu finden."

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