Dreiste Streichliste für Fahrer

Sonn- und Feiertage werden nur noch bezahlt, wenn gefahren wird
© Foto: Nigel Treblin/dapd

Weil die Bank Druck machte, kürzt der Chef die Bezüge der Fahrer. Über die Dreistigkeit ist nicht nur Verdi erstaunt.


Datum:
23.01.2013
Autor:
Martin Orthuber

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"Bank und Steuerberater warnen vor Kostenexplosion", teilt ein Unternehmer im Würzburger Raum seinen Fahrern schriftlich mit. Es folgt eine Liste mit Kürzungen.

Anstatt von Sonntagszuschlägen soll es nur Spesen geben ("Wochenenden, die nur als Standzeit dienen, werden nur mit Doppelspesen bezahlt"), Feiertage und Sonntage würden überhaupt nur noch vergütet, wenn gefahren wird, und das mit 50 bzw. 100 Euro inklusive Spesen. Ein Feiertag sei ja "nicht an zuhause gekoppelt, sondern arbeitsfrei", meint der Chef.

Darunter steht "(...) klingt schlimmer als es ist, unterm Strich werdet Ihr den gleichen Verdienst haben." Stellt sich die Frage, wozu die ganze Liste dann dienen soll.

Landesfachgruppenleiter Hans-Peter Konrad von Verdi Bayern "verwundert der Mut oder die Unverfrorenheit". Aus der täglichen Praxis wisse er, dass der Einzelne häufig mit Abzügen, vorenthaltenem Geld und nicht gewährten Ausgleichtagen überzogen werde. Durch niedrige und verspätete Lohnzahlungen befänden sich Betroffene dann häufig in der Vorschussfalle "und denken, keinen Ausweg mehr zu haben."

In seiner Kürzungsliste droht der Chef den Mitarbeitern zudem finanzielle Haftung bei Schäden und im Fall von grober Fahrlässigkeit an. Grundsätzlich ist das zwar möglich, die aufgeführten Beispiele für "grobe Fahrlässigkeit", wie etwa übermäßigen Verschleiß von Reifen hält Konrad für "schlichtweg lachhaft".

Abschließend schreibt der Chef: "Bitte nicht gleich in Kündigungswut verfallen." Konrad hält dagegen: "Die vom Arbeitgeber gesehene Kündigungswut hat seine volle Berechtigung."

FAHRERMANGEL ALS GROSSE HOFFNUNG

Wolfgang Anwander, Vizepräsident des Landesverbandes Bayerischer Transportunternehmer, LBT, weiß zwar von Kollegen im Fränkischen, dass es dort tatsächlich Fahrer gibt, die für 1500 Euro fahren. Provokant fragt er: "Firmen, die solche Fahrer haben, und Fahrer, die sich so etwas gefallen lassen, wie gut sind die?" Anwander ist sich sicher: "Ein guter Fahrer bekommt immer einen Job. Er muss halt bei einem Kollegen in Südbayern anklopfen, wo er 300 oder 400 Euro mehr verdient.

Wir Unternehmer haben es nie geschafft, solidarisch zu sein und uns gegen die großen Verlader durchzusetzen", bekennt Anwander. "Wenn uns die Fahrer ausgehen und die Kisten keiner mehr fährt, können wir dem Verlader vielleicht sagen, ich muss meinem Fahrer 3000 oder 3500 Euro zahlen und höhere Frachtraten durchsetzen", hofft Anwander.

Konrad rät den Fahrern, Mitglied bei der Gewerkschaft zu werden und Arbeitsverträge am besten schon vor der Unterschrift prüfen zu lassen. "Solche Zustände sind dem Berufsstand nicht würdig und müssen bekämpft werden."

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#Arbeitsrecht

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