Länderreport Österreich: Tendenz eher positiv

Alltag Alpentransit: Europabrücke bei Schönberg
© Foto: picture-alliance/Karl-Josef Hildenbrand

Österreichische Berufskraftfahrer leiden besonders stark unter schlechten Arbeitsbedingungen. Doch es gibt eine Entwicklung zum Besseren.


Datum:
17.08.2015
Autor:
Redaktion TRUCKER

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Die Gesamtsituation der Berufskraftfahrer in Österreich ist alles andere als rosig. "Verbotene Pauschalentlohnungen, Bezahlung per gefahrener Kilometer und der Druck durch das Ausflaggen von Lkw und billigstes ausländisches Personal, das teils unter sklavenähnlichen Bedingungen fahren muss." Karl Delfs, Fachsekretär der Gewerkschaft Vida für den Bereich Straße, rechnet schonungslos mit der Situation der Lkw-Fahrer in dem Alpenland ab. Der zunehmende Stress und der Druck seien gefährlich. "Davor dürfen nicht länger die Augen verschlossen werden", fordert Delfs.

Die Erkenntnisse sind nicht neu. Schon 2012 führte Vida eine Umfrage unter Berufskraftfahrern durch. Das Ergebnis war ernüchternd. Lenkzeitüberschreitungen, Angst vor nächtlichen Überfällen, zu wenig Stellplätze. Dinge, die den Berufskollegen in Deutschland durchaus bekannt vorkommen.

WEITERBILDUNGEN WERDEN VOM ARBEITGEBER BEZAHLT

Dabei haben es die österreichischen Fahrer auf den ersten Blick sogar besser. Mindestlohn ist kein Thema mehr. Auch wenn der eigentlich nicht flächendeckend existiert, gelten in den meisten Branchen Lohnuntergrenzen über so genannte Kollektivverträge. Diese sind allgemein verbindlich und gelten im gesamten Land. Auch die rund 60.000 Lkw-Lenker im Land sind so abgesichert. Zum 1. Januar gab es zudem eine Erhöhung der Löhne und der Zulagen um jeweils zwei Prozent. Im Schnitt verdienen sie etwas mehr als ihre deutschen Kollegen. Auch Weiterbildungszeiten werden nun vom Arbeitgeber bezahlt. Darüber hinaus bekommen sie ab 2015 saisonbedingte Unterbrechungen als "ununterbrochene Beschäftigung" bewertet. Das hilft beim Aufrücken in eine höhere Lohnklasse oder bei der Anrechnung von Dienstzeiten für eine sechste Urlaubswoche.

Das führt aber auch dazu, dass Österreichs Fahrer gegenüber der Konkurrenz als zu teuer gelten. Selbst Deutsche werden von Speditionen als billigere Alternative gesehen. Die Folge ist, dass etwa 70 Prozent der inländischen Fahrer auch nur im Inland unterwegs sind. Auf der Fernstrecke haben sie gegen die vor allem osteuropäische Konkurrenz längst verloren.

Hinzu kommt, dass ausländische Unternehmen vermehrt auf den österreichischen Markt drängen. Gleichzeitig haben in der Vergangenheit immer mehr Speditionen ihre Fahrzeuge ausgeflaggt, bevorzugt nach Osteuropa. Mehr als die Hälfte der Lkw österreichischer Transportfirmen tun das bereits, wird geschätzt. Auch wird mit Chauffeuren rüde umgesprungen. In Trucker-Foren ist über Sanktionen bei Krankheit zu lesen und vom Abzug von Standzeiten.

SEHR VIELE KONTROLLEN, GUT AUSGEBILDETE POLIZEI

"Insgesamt aber", so beobachtet Ernst Gruber, früher selbst Fahrer und nun für Vida im Burgenland tätig, "ist die Tendenz eher positiv". Seit der europaweiten Ausbildungspflicht sei die Zahl der groben Verstöße zurückgegangen. Auch das Ausflaggen habe seinen Höhepunkt erreicht, beobachtet Gruber. Die Kostenvorteile seien nicht mehr so groß wie früher.

Um die letzten asozialen Auswüchse der Branche zu bekämpfen, fordert vor allem die Gewerkschaft mehr Kontrollen. Dabei wird im Verhältnis zur geringen Größe des Landes verhältnismäßig häufig kontrolliert, finden viele Trucker - insbesondere auf den Ost-West-Transitstrecken und auf den Tiroler Autobahnen. Die Polizisten seien sehr gut ausgebildet und wüssten genau, wonach sie suchen müssten, weiß Fritz Müller von Müller Transporte aus Wiener Neudorf. Neben der obligatorischen Überprüfung von Lenk- und Ruhezeiten wird vor allem auf Geschwindigkeitsüberschreitungen und Verstößen gegen Fahrverbote geschaut.

ES FEHLEN IMMER NOCH RUND 1200 STELLPLÄTZE

In ganz Österreich gilt ein Nachtfahrverbot von 22 bis 5 Uhr. Das Wochenendfahrverbot beginnt bereits am Samstag um 15 Uhr; das Wettrennen um die besten Stellplätze startet daher früh. Auch, weil viele Fuhrunternehmer keine oder nicht genügend Parkplätze auf ihrem Firmengelände haben und ihre Fahrer dazu anhalten, Fahrzeuge oder Anhänger auf den Rastplätzen an der Autobahn abzustellen. Man sieht dort besonders am Wochenende viele herrenlose Fahrzeuge. Zumindest bescheinigen die Spediteure der Autobahngesellschaft Asfinag, ihr Möglichstes für den Ausbau zu tun. Derzeit listet die Gesellschaft 45 Rastplätze und 87 Raststätten auf. Dennoch fehlen rund 1200 Stellplätze im Land.

ÖSTERREICH IST AUCH EIN WEST-OST-TRANSITLAND

Fahrer aus Deutschland bekommen davon nicht immer etwas mit. Auf dem Nord-Süd-Transit ist der Weg durch Österreich relativ kurz. Auch deshalb bevorzugen Disponenten klar die österreichischen Alpenübergänge. Die Schweiz ist deutlich teurer und beim Nachtfahrverbot noch strenger als das Nachbarland. Laut Verkehrsclub Österreich VCÖ rollten im Vorjahr etwa 6,1 Millionen Lkw über die österreichischen Alpen. Alle Ansätze von Verkehrsclubs und Öko-Parteien, den kombinierten Verkehr, ähnlich wie in der Schweiz, zu stärken, sind bisher gescheitert. Der Anteil der Güter auf der Schiene macht in Österreich nur rund ein Drittel aus. In der Schweiz sind es zwei Drittel.

Der Güterverkehr ist es, der daher immer wieder für Ärger sorgt. Laut einer Analyse des Verkehrsclubs Österreich VCÖ gehören die A1 bei Haid in Oberösterreich, die A2 bei Wiener Neudorf und die A8 bei Krenglbach zu den am meisten von Lkw befahrenen Straßen. Weit mehr als eine Million wurden dort zwischen dem Jahresanfang und Ende April gezählt. "Die Ergebnisse zeigen, dass Österreich längst nicht mehr nur ein Nord-Süd-Transitland ist, sondern auch ein West-Ost-Transitland, berichtet VCÖ-Experte Markus Gansterer. Alexander Heintze

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