Simulator-Training: LKW-Fahren ohne Straße

Im Simulator trainiert LKW-Fahrer Lars Jürgens unterschiedliche Situationen
© Foto: Sifat

Zunehmend werden für die Aus- oder Weiterbildung Fahrsimulatoren genutzt. Das kann Unternehmern und Fahrern zahlreiche Vorteile bieten.


Datum:
15.09.2014
Autor:
Redaktion TRUCKER

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Der blaue Actros zieht in einer weißen Winterlandschaft seine Wege. Plötzlich kommt von rechts ein Kleinlaster, missachtet das Rotlicht und nimmt dem Actros-Fahrer die Vorfahrt. Der Fahrer steigt in die Eisen. Das hätte schiefgehen können. Adrenalin pur im Fahrerhaus des Sattelschleppers. Entspannung dagegen nur wenige Meter weiter im Kontrollraum. Die nächste Herausforderung für den Fahrer ist schon geplant. Ein Reh soll im Halbdunklen aus dem Wald auf die Straße springen. So sieht es das Programm des Fahrsimulators vor. Nach dem Ende der nur zehnminütigen Fahrt klettert der Fahrer erleichtert aus dem Fahrerhausnachbau.

"Das ist die Zukunft", ist Dirk Kästner, Fahrer und Ausbilder beim Osnabrücker Automobillogistiker Werner Egerland, überzeugt. Fahrerschulungen am Simulator haben für ihn erhebliche Vorteile gegenüber den herkömmlichen Übungsfahrten auf dem realen LKW. Der Ausbilder kann seine Fahrer via Bildschirm entspannt vom Nebenraum aus beobachten und Fehler im Nachhinein auf einem Video aufzeigen und analysieren. So lassen sich verschiedene Fahrten miteinander vergleichen und problematische Situationen wiederholen. Bei herkömmlichen Schulungsfahrten ist das unmöglich.

DAS TRAINING AM FAHRSIMULATOR SPART DEN BETEILIGTEN VIEL ZEIT

Auch das Unternehmen profitiert. Die Fahrten am Simulator verbrauchen keinen Treibstoff und verschleißen den ohnehin stark beanspruchten Fuhrpark nicht weiter. Weniger LKW, die zu Übungs- und Trainingszwecken auf den Straßen unterwegs sind, bedeuten auch weniger Belastung durch CO2-Emissionen und Lärm. "Sie können am Wochenende nicht ständig mit sechs oder sieben LKW durch die Ortschaften fahren, um Fahrer zu schulen", gibt Kästner zu bedenken. Eckhart Müller, Trainer bei Sifat Road Safety, sieht den großen Vorteil der Simulatoren in der Zeitersparnis. So schulte Egerland 180 Fahrer in nur fünf Wochen. Eine Leistung, die man mit herkömmlichen Fahrten nicht geschafft hätte.

Die Berliner Firma Sifat Road Safety entwickelt, baut, verkauft und vermietet solche LKW-Fahrsimulatoren. Zum Einsatz kommen sie bei Fahrschulen, Speditionen und Unternehmen mit eigenem LKW-Fuhrpark. Zu den Kunden der Sifat gehören neben Egerland auch DB-Schenker, die SVG oder Edeka. Und auch Polizei und Rettungskräfte üben ihre Blaulichtfahrten gefahrlos am Simulator. Billig sind die Schulungen nicht: Die Miete des mobilen Fahrsimulators kostet je nach Schulung zwischen 1500 und 2500 Euro pro Tag. Dennoch kann sich der Einsatz auch für kleinere Unternehmen lohnen. Insbesondere, wenn sich Speditionen zusammenschließen und ihre Fahrer gemeinsam schulen.

Sparen können sich die Unternehmen Anfahrts- und Übernachtungskosten. Denn der Simulator ist auf einer Wechselbrücke untergebracht. So kann der rund fünf Tonnen schwere und fast 500.000 Euro teure Simulator überall eingesetzt werden. Ein ähnliches System hat unter anderem auch die Dekra im Einsatz. Im Inneren befinden sich zwei kleine Räume. In einem ist die Fahrerkabine eines echten Fahrzeuges detailgetreu nachgebaut. Alle Bedienelemente und Anzeigen befinden sich an ihrem tatsächlichen Platz. Selbst Assistenzsysteme wie ESP, Tempolimiter oder Spurhaltefunktionen funktionieren wie auf der richtigen Straße.

Um ein möglichst realistisches Fahrgefühl zu erzeugen, ist das Fahrerhaus auf einer Bewegungsplattform montiert. Solche Kabinen kamen bisher vor allem bei der Pilotenausbildung zum Einsatz. Doch auch Kapitäne lernen heute schon auf virtuellen Schiffsbrücken, wie sie Hafeneinfahrten oder starke Stürme meistern können. Die Plattform wird über mehrere Achsen hydraulisch gesteuert und simuliert jede Bewegung. Fährt der Fahrer einen Randstein zu forsch an, ist der Schlag deutlich zu spüren und nochmal, wenn der Hänger über das Hindernis rumpelt. Auch große Bodenwellen machen sich bemerkbar. Selbst Seitenwind können einige Simulatoren in das Training integrieren.

Vor sich sieht der Fahrer eine computergenerierte Landschaft auf einer kreisrunden Projektionsfläche, die den Blick aus dem Seitenfenster und sogar aus dem Augenwinkel nach hinten erlaubt. Die Funktion der Rückspiegel übernehmen kleine flache Monitore. Je nach Aufwand und System ist die computergenerierte Landschaft detailgetreu dargestellt. Bremsspuren auf der Fahrbahn und Schneeflocken, die in der Wintersimulation die Sicht behindern, lassen im Stressfall vergessen, dass es sich nur um eine virtuelle Landschaft handelt. Teilweise erkennt man hinter den Fenstern der Häuser sogar die Gardinen. Beim Sifat-System wird das Bild einer künstlichen Landschaft mit insgesamt 45 Kilometern Stadtstrecke, 60 Kilometern Landstraße und 40 Kilometern Autobahn auf die Projektionsfläche übertragen.

GEFÄHRLICHE SITUATIONEN LASSEN SICH AUF DER STRASSE NICHT PROBEN

Auch wenn die Grafik nach einem Computerspiel aussieht, gewöhnen sich die Fahrer recht schnell daran, bestätigt Kraftfahrer Kästner. Dennoch hat das System Grenzen. Vor allem Brillenträgern kann von der Computergrafik übel werden. Die künstliche Realität strengt die Augen an. Zudem reagiert die Lenkung sehr direkt. In den ersten Minuten landet man des Öfteren im Straßengraben oder auf der Gegenfahrbahn. Doch die Gewöhnung setzt schnell ein, weiß Kästner.

Der Ausbilder kann mit der Software alle möglichen Szenarien herstellen. Witterungsbedingungen und Straßenzustände ändern sich in Sekundenschnelle. Radfahrer erscheinen im toten Winkel, Fußgänger treten unvermittelt auf die Straße. Je nach Ausbildungsziel wird das Verhalten bei Rechtsüberholern ebenso gefahrlos trainiert wie das Versagen der Bremsen auf einer abschüssigen Strecke. "Das lässt sich im richtigen Leben nicht proben", sieht Kästner einen großen Vorteil im Einsatz der Geräte. Der Ausflug in eine Notbremsgasse würde inklusive Reparatur und Bergung mehrere Tausend Euro kosten.

Simulatoren lassen sich nicht nur für das Sicherheitstraining nutzen. Insbesondere ein umweltfreundlicheres und damit spritsparendes Fahrverhalten lässt sich virtuell üben.

Ob am Simulator tatsächlich eine materialschonende und kraftstoffsparende Fahrweise erlernt werden kann, untersuchte die TU Berlin im Auftrag der Sifat. Die Testfahrer legten eine acht Kilometer lange Strecke zurück. Nach einer theoretischen Einweisung zum ökologischen und vorausschauenden Fahren wurde der Test wiederholt. Das Ergebnis: Alle Fahrer reduzierten ihren Verbrauch: Das beste Ergebnis lag bei minus 30 Prozent, der Durchschnitt bei 21 Prozent. Ein Ergebnis, das die Stückgutkooperation VTL im vergangenen Jahr bestätigte. Klaus Haller, Geschäftsführer der Sifat, rechnet vor, dass schon zehn Prozent weniger Treibstoffverbrauch bei 100 Fahrern mit einer durchschnittlichen Fahrleistung eine Einsparung von 385.000 Euro pro Jahr bedeuten. Die CO2 Emissionen werden gleichzeitig um etwa 600 Tonnen reduziert.

Üben lässt sich auch das Rangieren in engen Höfen oder das Anfahren an die Rampe. Schwierigkeiten wie freie Slots zwischen zwei LKW oder Poller lassen sich ebenfalls ohne Schaden wiederholen. Angeboten werden darüber hinaus Trainings mit unterschiedlichen Ladungszuständen oder die Auswirkungen von mangelnder Ladungssicherung. Das ließe sich auf der Straße nur schwer üben. Am Simulator sind dagegen verschiedene Beladungszustände und das Verhalten des Fahrzeugs bei verrutschender Ladung leicht und gefahrlos darzustellen. Sogar Alkoholfahrten sind möglich. Wer mit virtuellen 1,1 Promille über enge Straßen kurbelt, bekommt die Gefahren deutlich vor Augen geführt. Der schlimmste Unfall, der passieren kann: der Rechner stürzt ab.

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