Supertest Iveco Stralis 44 0 S-48 Hi-Way

Mit Referenz-Lkw getestet: Iveco Stralis
© Foto: Karel Sefrna

Der 480er ist der neueste Cursor 11. Reichen 20 PS und 100 Nm mehr als bisher, um aus dem Iveco Stralis ein Rennpferd zu machen?


Datum:
18.06.2015
Autor:
Gerhard Gruenig

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Dem Trend zu hoher spezifischer Leistung setzte Iveco jüngst die Krone auf. Während MAN selbst bei 440 PS künftig auf knapp 13 Liter Hubraum setzt - und auch Daf, Mercedes und all die anderen es jenseits der 450 PS mit elf Litern gut sein lassen - bringt Iveco seinen Cursor 11 mit 480 Pferdchen.

Technisch unterscheidet sich der Neue kaum von den schwächeren Brüdern mit 420 und 460 PS. Der Aufpreis wird also in erster Linie für ein anderes Motorenkennfeld und eventuell noch das stärkere ZF-Getriebe fällig. Mit 2250 Nm ist er kein Ausbund an Drehmoment - ein 490er-Scania liegt da über zehn Prozent höher. Dennoch ist die Leistungsspritze gegenüber dem kürzlich getesteten 420er signifikant. Der Cursor 11 fühlt sich tatsächlich nach zwei Liter mehr Hubraum an und beißt sich in seiner stärksten Ausführung in Steigungen meist bei 1050 Touren regelrecht fest.

DER VARIABLE TURBOLADER SORGT FÜR AUSREICHEND ATEMLUFT

Die Fahrbarkeit des "kleinen Italieners" ist wirklich gut. Der VGT-Lader schaufelt schon im höheren dreistelligen Tourenbereich ordentlich Sauerstoff in die Brennräume, so dass sich der Fahrer auch bei niedrigen Drehzahlen auf ordentlich Dampf verlassen kann. Als so genannter "SCR-only"-Motor genehmigt sich der Cursor 11 ein Quäntchen mehr AdBlue als klassische Abgasrückführer. Das hat sich auch beim 480er nicht geändert, der Anteil im Verhältnis zum Diesel liegt bei knapp 7,4 Prozent.

Der neue Motor steht also gut im Futter. Dazu passend hat Iveco die Schaltstrategie angepasst - wohl aber nicht konsequent genug. Nachdem er in der kleinen Gruppe schön einige Gangstufen überspringt und dafür auch mal über den grünen Bereich hinaus dreht, schaltet die AS-Tronic in der großen Gruppe, also von Gang 7 bis 12, immer nur bis zum Ende des grünen Bereichs (1500 Touren) und schaltet Gang für Gang. Das mag im 420er Sinn machen. Der 480er aber hätte ausreichend "Dampf", um auch hier die eine oder andere Schaltstufe zu überspringen.

Eine feine Sache ist "Speed-Shift", was für beschleunigte Gangwechsel in den drei höchsten Schaltstufen sorgt. Rückschaltungen am Berg laufen zackig ab, es sind kaum noch Zugkraftunterbrechungen am Berg festzustellen. Auch wenn die Schaltungen recht flott ablaufen, müsste die Getriebesteuerung nicht so viele Gangwechsel machen. In zahlreichen Steigungen der TRUCKER-Teststrecke ist man gut beraten, manuell einzugreifen, den Gang zu blockieren und den Motor mit Drehmoment und wenig Drehzahl ziehen zu lassen.

Dass eine lange Gesamtübersetzung und dieses "Ziehen lassen" nicht in jedem Fall die passende Lösung ist, demonstriert der 480er an anderer Stelle: Im Vergleich mit dem identisch konfigurierten 420er läuft der starke 11-Liter jede Steigung einen Gang höher hoch - bei einem deutlich niedrigeren Drehzahlniveau. Allerdings ist er in manchen Passagen weder schneller noch sparsamer als der 420er. Der Grund ist einfach: Wechselt die AS-Tronic beim schwächeren Motor den Gang und liegen rund 1500 Touren an, ist die spezifische Leistung beider Motoren nahezu identisch. Der 420er läuft mit einem höheren Momentanverbrauch, etwas mehr Speed und damit fallweise sogar schneller den Berg hoch. Viel Verbrauch über eine kürzere Zeit kann also durchaus sparsam(er) sein ...

WIE SPARSAM DER STRALIS IST, BESTIMMT DIE STRATEGIE DES FAHRERS

Quintessenz dieser Ausführungen: Auf Drehmoment und manuell bewegt ist der 480er durchaus sparsam. Wer dagegen die AS-Tronic schaffen lässt, die an vielen Steigungen früh zurückschaltet, ist sehr flott, aber eben nicht mehr ganz so knauserig unterwegs! Auf jeden Fall ist der Iveco in seiner Leistungsklasse passabel schnell.

Sicher noch besser sähe das Ergebnis aus, würde Iveco endlich einen GPS-Tempomaten installieren. Doch den wollen die Italiener - eigentlich wird der Stralis in Spanien gebaut - erst mit dem Modelljahr 2016 nachschieben.

DER NEUE MOTOR HAT DURCHAUS GEWONNEN - TROTZ NUR 20 PS PLUS

Im Resümee hängt der Sechszylinder gut am Gas, läuft leise und scheint ziemlich standfest zu sein - auf jeden Fall ist es der 460er. Die Motorlagerung hat indes ein kleines Problem: Vibrationen übertragen sich über die Lager auf den Rahmen und setzen sich bis in die Lenkung fort. Das führt zur leichten Handmassage.

Fahrwerk und Lenkung waren beim Stralis schon immer gut, nicht anders beim Testfahrzeug. Sowohl die Federung beider Achsen als auch die Kombination Achs- und Fahrerhausfederung ist gelungen. Mit einer sehr direkten, aber ausreichend leichtgängigen und gut definierten Lenkung setzt der Stralis Maßstäbe und hat selbst gegenüber manch' modernerem Konkurrenten die Nase vorne.

Zusätzliches Sparpotenzial ließe sich eventuell durch eine bessere Eco-Roll-Strategie erreichen. Erfreulich ist, dass die ZF-Schaltbox wirklich nur in Neutral geht, wenn nicht die Gefahr des Überlaufens besteht. Andererseits nutzt das System die Rollenergie nicht konsequent. So muss der Fahrer an mancher Stelle der Teststrecke bei eingelegtem Gang das Gaspedal leicht anlegen, statt kraftfrei rollen zu können. Zur Ehrenrettung sei gesagt, dass andere Hersteller, die Eco-Roll schon früher im Programm hatten, auch erst Erfahrung sammeln mussten.

Abgesehen von den teils zu frühen Rückschaltungen am Berg sind manuelle Eingriffe meist überflüssig. Die feinfühligen Rangierfunktionen, aktiviert durch längeres Drücken der weiterhin ungünstig positionierten Schaltprogrammtaster, unterstützen den Fahrer. Die Schaltgeschwindigkeit in den unteren Gängen ist niedriger als etwa bei Volvo oder Scania. Der variable Turbolader sorgt aber für schnellen Druck- und Leistungsaufbau und überspielt dieses Manko gekonnt.

Die Kupplung arbeitet im Test-Stralis ohne Beanstandung. Wegen der langen Hinterachsübersetzung bleibt der 480er auf der Landstraße bei 60 km/h im elften Gang. Wer 70 km/h fährt, könnte manuell in den Zwölften wechseln und wäre dann sparsamer unterwegs. Trotz leistungsfähiger Turbo-Motorbremse ist der im Test-Lkw verbaute ZF-Intarder eine Wohltat. Der erhöht den Fahrkomfort enorm und bremst den Zug zuverlässig bei 90 km/h ein. Wer bergab schneller unterwegs ist, sollte wissen, dass Iveco als bislang letzter Hersteller keine Warnfunktion hinterlegt hat. Sind 60 Sekunden vorbei, kommt gnadenlos der Tachoeintrag!

AUCH WENN SICH IVECO EIN MODELL GESPART HAT, IST DER STRALIS OKAY

Generell präsentiert sich der Iveco übersichtlich und bietet als einer von Wenigen eine elektrische Verstellung aller Außenspiegel. Leider sind die Hauptspiegel klein und bieten kein besonders großes Sichtfeld. Dafür lässt sich zwischen Gehäuse und A-Säule durchpeilen, was die Übersicht vor allem im Kreisverkehr verbessert.

Der im Vergleich knapp geschnittenen Kabine sieht man 1000 Liter Stauraum kaum an. Die Idee, die Außenstaufächer in einen Bereich für Werkzeug und persönliche Habe zu trennen, ist gut. Allerdings fallen die Fächer grundsätzlich klein aus und auch die Klappen sind winzig.

Das Angenehme am Test-Stralis: Das Hi-Way-Modell bietet eine ausreichend große Kabine und vor allem eine recht komplette Ausstattung für vergleichsweise wenig Geld.

Mit dem zur IAA vorgestellten Efficiency-Package schnürt Iveco zusätzlich ein ordentliches Paket. Dazu gehört neben dem bereits erwähnten Eco-Roll auch ein optimiertes Thermomanagement. Durch weniger Verlust und die Verwendung von SEA 0W-20 Motoröl mit niedrigerer innerer Reibung bleibt mehr Wirkungsgrad. Nicht zu vergessen das Fahrer-Informations-System (Driver Attention Support), das in Echtzeit über Fahrfehler informiert und auch mal lobt, wenn der Zug ordentlich ausrollt oder statt der Betriebsbremse der Retarder zum Einsatz kommt.

In der Endabrechnung überzeugt der Stralis 440 S 48 und kann - durchaus überraschend - selbst mit neueren Wettbewerbern à la Volvo FH oder Renault T gut mithalten. Er bleibt trotz sehr guter Ausstattung eines der leichtesten Fahrzeuge auf dem Markt. Dazu ist er für einen 480er sparsam und glänzt durch ein langes Wartungsintervall von 150.000 km - das er tatsächlich auch realisiert! Nicht zu vergessen ist er im Leasing äußerst günstig (aktuell 1299 Euro/Monat) und offeriert niedrige Service- und Wartungskosten. Sein größtes Handicap ist nach wie vor, dass ihn viele Fahrer verkennen. Ein Scania oder Daf steht meist höher im Kurs. Dabei ist der Schwede in vielen Bereichen nicht besser - allenfalls bei den Imagewerten.

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