Gesundheitszentrum für Kraftfahrer

Im Konzept: Kraftfahrer-Gesundheitszentrum an der A7 Kassel
© Foto: Norman Rembarz/ddp

Beschäftigte im Transportwesen sind überdurchschnittlich oft arbeitsunfähig. Der Berufsgruppe Fahrer will man nun mit einem Kraftfahrer-Gesundheitszentrum entgegenkommen.


Datum:
02.03.2013
Autor:
Sabine Köstler

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Kraftfahrer stellen unter den männlichen Erwerbstätigen des Landes eine der zahlenstärksten Berufsgruppen dar. "Doch", konstatiert Professor Albrecht Goeschel vom Institut für Sozialforschung Verona, "ihre Belange im Hinblick auf Gesundheitsbedarf und -versorgung haben in der gesundheitspolitischen Diskussion bislang keinerlei Beachtung oder Aufmerksamkeit gefunden".

Das stimmt. Kraftfahrer sind sogar in der Branche selbst kein besonders geachtetes Glied der Transportkette, sie sollen fahren, fertig. Gesundheitsschutz? Relatives Neuland. Die Chauffeure sind ja sowieso meist auf der Straße und für betriebliche Maßnahmen schwer zu erreichen.

Umso intensiver versucht der Wissenschaftler Goeschel in diesen Tagen, das Augenmerk auf sein Projekt zu lenken: Gesundheitszentren für Kraftfahrer, verteilt auf die wichtigsten Autobahnkreuze. Diese Zentren sollen eine Palette von Gesundheitsleistungen für LKW-Fahrer bereithalten, die kaum Zeit und Gelegenheit für Arztbesuche haben. Goeschel versammelte, mit Unterstützung von Gewerkschafts-Fachsekretär Manuel Sauer, dem LKW-Experten bei ver.di Nordhessen, Ende Januar etliche Experten in Kassel, um seine Pläne vorzustellen. Unter den Teilnehmern der Fachkonferenz "Logistik und Gesundheit": Vertreter des BAG, der BG Verkehr, von Speditionen, Krankenkassen und Kliniken.

LOGISTIK-PILOT STATT AUTOBAHN-HEROE

"Kraftfahrergesundheit ist ein Schlüsselthema", findet Professor Goeschel. Er ist überzeugt, dass "eine Steigerung der Professionalität der Fahrerarbeit auch die Sicherung der Produktivität der Transportbranche vorantreibt." Anders gesagt: Ist der Fahrer gesund, profitiert der Chef. Zur Professionalität eines Fahrers müsse natürlich auch die Beachtung gesundheitlicher Belange zählen. Der Fahrer der Zukunft solle sich nicht mehr als Autobahn-Heroe, sondern als Logistik-Pilot verstehen.

Tatsächlich ist wenig Gesundes an dieser Arbeit. Hohe körperliche und psychische Belastung, Zeitdruck, unregelmäßige Arbeits- und Pausenzeiten, ständige Kontrolle und Erreichbarkeit bei niedrigem Lohn. Ein Drittel der Fahrer ist älter als 50 Jahre, ein Drittel arbeitet mehr als 45 Wochenstunden, das durchschnittliche Renteneintrittsalter liegt bei frühen 60 Jahren. Hinzu kommt nicht selten die (unfreiwillige) Vernachlässigung sozialer Kontakte. Symptomatisch für Fahrer sind Bluthochdruck, Übergewicht, Nikotinabhängigkeit, Rückenbeschwerden.

Die Folge ist überdurchschnittlich häufige Arbeitsunfähigkeit (AU). Im Schnitt können Kraftfahrer laut BAG an 20 Tagen pro Jahr krankheitsbedingt nicht arbeiten. Das ist ein Spitzenwert, gemessen an anderen Branchen. Bei Ingenieuren etwa verzeichnet der AOK-Fehlzeitenreport 2012 ganze acht AU-Tage. "Eine Verbesserung, Erhaltung und Verlängerung der Arbeitsfähigkeit der Fahrerschaften ist für die Unternehmen eine zentrale personalwirtschaftliche Notwendigkeit", mahnt Professor Goeschel.

PRIVATES ENGAGEMENT FÜR FAHRERGESUNDHEIT

Der Verein ZKK ist eine weitere private Institution, die sich für die Gesundheit der Berufsgruppe Fahrer engagieren will. Bekannt ist bereits die Initiative DocStop ("medizinische Unterwegsversorgung", Telefon 01 80 5/11 20 24), die im akuten Krankheitsfall den Kontakt zu Arztpraxen und Krankenhäusern vermittelt. An sich eine Ergänzung des ärztlichen Bereitschaftsdienstes, über den deutschlandweit rund um die Uhr die gerade diensthabenden niedergelassenen Ärzte erreichbar sind ("Arzt-Notruf", Tel: 116 117).

Um eine weitere private Initiative handelt es sich beim medizinischen Bordhandbuch RuF-Fibel© inkl. "Truckers Bordapotheke©" (www.die-ruf-fibel.de). Der engagierte Haus- und Betriebsarzt Dr. med. Peter Ruf gibt damit quasi Nachhilfe in Laienmedizin und will verhindern, dass Fahrer wahl- und ahnungslos freiverkäufliche Medikamente schlucken und sich "gesundfahren". Das Thema Selbstmedikation ist aber generell mit Vorsicht zu beurteilen - ein kranker Fahrer gehört nicht hinters Steuer.

ARBEITSSCHUTZ IST DIES ACHE DES ARBEITGEBERS

Gesundheitsvorsorge und -schutz ist natürlich eine persönliche Angelegenheit - aber nicht nur. Berufskraftfahrer müssen beispielsweise im Rahmen der Weiterbildung nach BKrFQG auch eine Gesundheitsschulung durchlaufen. Der Arbeitgeber wiederum unterliegt der Pflicht zur arbeitsmedizinischen Betreuung. Sie gilt für alle Betriebe, sobald sie Beschäftigte haben. Die Firma kann wählen, welche Form der Betreuung sie nutzen will: einen eigenen Betriebsarzt aussuchen und mit ihm einen Vertrag schließen oder sich einem überbetrieblichen Dienst wie dem ASD anzuschließen. Der ASD (Arbeitsmedizinischer und Sicherheitstechnischer Dienst für das Verkehrsgewerbe) ist ein Angebot der BG Verkehr für Mitgliedsbetriebe bis zu 30 Mitarbeitern. Er unterstützt die Unternehmen von Erster Hilfe bis zur Gefährdungsbeurteilung.

AM "RÜSSEL" DEN ARZTBESUCH ERLEDIGEN

Die Gesundheitsinitiative des Marquartsteiner Professors fand in Kassel engagierte Unterstützer - und zugleich einen zukünftigen, prominenten Standort. "Wir können 600 Quadratmeter Grund am Lohfeldener Rüssel zur Verfügung stellen", erklärte Eugen Jung, stv. Vorsitzender Fachverband Güterkraftverkehr & Logistik Hessen sowie Aufsichtsratsvorsitzender der SVG Hessen. "Das Gesundheitszentrum ist uns willkommen." Manuel Sauer von ver.di ist selbstverständlich ebenfalls mit im Boot: "Der Gesundheitsschutz der Fahrer spielt ja in vielen Betrieben keine oder eine untergeordnete Rolle. Allein schon, weil die Rückstellungen dafür fehlen." Bereits einen Tag nach der Konferenz wurde der Verein "Zentrum für Kraftfahrer-Gesundheit Kassel (ZKK)" gegründet, der nun noch die Gesundheitslobby auf seine Seite ziehen muss - das Ganze muss ja auch finanziert werden.

EIN KONZEPT NUR FÜR INLÄNDISCHE FAHRER

Wann der erste Spatenstich erfolgt, ist offen, genauso wie die Frage, ob das Konzept finanziell so tragfähig ist, dass man es flächendeckend anwenden wird können. Mit rund 2 Mio. Euro Investitionskosten ist allein für die Arztpraxis zu rechnen. Die künftigen Kunden/Patienten müssten allesamt aus dem Inland stammen; deutsche Krankenkassen bezahlen eine Behandlung. Aus dem Ausland stammende Fahrer im Transitverkehr könnten das Angebot aber nicht wahrnehmen.

Viele Fragen sind noch offen. Wie viele LKW-Fahrer mit akuten Beschwerden werden gerade in der Nähe sein? Werden nicht ortsansässige Fahrer für längerwierige ärztliche Behandlungen oder Rehas nach Kassel fahren? Werden ortsansässige Fahrer ihren bisherigen Hausarzt aufgeben? Sollen ärztliche Check-ups oder Fortbildungen in den Ruhezeiten der Fahrer erfolgen? Eine Herausforderung dürfte auch die Akzeptanz werden. Viele Fahrer werden erst noch verinnerlichen müssen, wie wichtig Gesundheitsschutz ist.

HASHTAG


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