Mit dem neuen eTGM schließt MAN die bisher noch bestehende Lücke im Angebot der batterieelektrisch angetrieben Lkw. Der Neue bedient damit den schweren Verteilerverkehr im Bereich 12 bis 16 Tonnen als Solo-Lkw sowie bis 33 Tonnen im Anhängerbetrieb. Der Münchener Hersteller nimmt für sich in Anspruch, eine relativ hohe Nutzlast zur Verfügung stellen zu können, konkret 10.600 kg bei zwei Batterie-Packs. Bei der Konzeption des eTGM hatte MAN Kundenanforderungen im Blick, die von anderen Herstellern nicht oder nur eingeschränkt bedient werden. „Hier möchte ich daran erinnern, dass wir im Feuerwehrsegment Marktführer sind und dass die neue mittelschwere BEV-Baureihe so konzipiert wurde, dass sie für viele Aufbauhersteller aus diesem Segment eine durchaus interessante Alternative darstellt“, so MAN-Vertriebsvorstand Fritz Baumann. „Damit kann jetzt wirklich jeder überlegen, ins batterieelektrische Geschäft einzusteigen.“
Baumann ist sich, nicht nur wegen der aktuellen geopolitischen Spannungen sicher, dass sich am Ende batterieelektrische Antriebssysteme durchsetzen werden. „Denn es ist einfach der effizienteste Antriebsstrang, den es im Fahrzeug gibt. Mehr als 70 Prozent der Energie kommen wirklich auf die Straße. Das werden Sie beim Diesel nie erlangen – auch nicht beim Wasserstoffverbrenner oder der -brennstoffzelle.“
Wie schon von seinen großen Brüdern eTGS und eTGX bekannt, führt der eTGM das Konzept der flexiblen Batterieanordnung mit unterschiedlicher Anzahl an Akku-Packs in der mittelschweren Baureihe weiter. „Wir führen damit fort, was wir bei den schweren Lkw und unseren Bussen gelernt haben“, erläutert Baumann. Angetrieben wir der eTGM generell von einem 210 kW (286 PS) starken Zentralmotor, der seine Kraft über ein automatisiertes Zweigang-Getriebe via Kardanwelle an eine konventionelle Hinterachse abgibt. Je nach Ausstattung und Anzahl der Batterien gibt MAN eine Laufleistung bis etwa 500 km an. Bei vier Akku-Packs dauert das Laden von 20 auf 80 Prozent rund 30 Minuten. Im Peak lädt der eTGM dabei mit bis zu 375 kW.
Das Fahrgestell ist „clean“ konzipiert, so dass Aufbauhersteller gegenüber dem Diesel keinerlei Einschränkungen haben. Wie bei der Vorstellung erläutert, wird MAN zahlreiche Komplettlösungen im Einrechnungsgeschäft anbieten. Darunter auch Kühlaufbauten mit von der Fahrzeugbatterie angetriebenen Mitsubishi- oder Frigoblock-Kältemaschinen. Wie Friedrich Baumann ergänzt, wird es auch Lösungen für Gala- und Baugewerbe geben. Ein Allrad ist allerdings bis auf Weiteres nicht verfügbar.
Bei einer ersten Proberunde konnte der neue Mittelschwere durchaus überzeugen. Gewohnt leise aber kraftvoll setzt sich der eTGM auch mit voller Ausladung in Bewegung. Dem Fahrer stehen zahlreiche Fahrmodi zur Verfügung, darunter diverse Rekuperationsstufen sowie ein „One-Pedal-Drive“, der auf Wunsch bis zum Stillstand verzögert. Eine große Umgewöhnung vom Diesel-TGM ist nicht nötig. Allerdings sollte sich der Fahrer mit den Besonderheiten des elektrischen Fahrens vertraut machen, um die Reichweite zu erhöhen. Da das Fahrwerk weitgehend von der konventionell angetriebenen Version übernommen wurde, fährt sich der eTGM vertraut kommod, mit leichtgängiger, aber zielgenauer Lenkung. Einziges vernehmbares Geräusch ist der ab und zu einsetzende elektrisch angetriebene Luftpresser.
Für die leichten und mittelschweren Baureihen sieht der MAN-Vertriebsvorstand gute Chancen, weil sich das Thema Ladeinfrastruktur einfacher darstellen lässt. „Trotzdem sind wir immer noch drauf angewiesen, dass wir sowohl im öffentlichen Bereich wie auch auf den Betriebshöfen die entsprechende Ladeinfrastruktur auch wirklich sicherstellen können.“ MAN setzt dabei auf einen sogenannten 360-Grad-Beratungsansatz, der weit über den Verkauf eines Lkw hinausgeht. „Dazu hatten wir die letzten Wochen Tagung mit unseren Service-Partnern in Deutschland, um die Voraussetzungen zu schaffen, im BEV-Segment erfolgreich zu sein. Der Vorteil bei leichten und mittelschweren Lkw ist die Regionalität und damit die Bindung an eine Heimwerkstatt.“ Letztlich ist Baumann überzeugt, dass sich BEV-Lkw jetzt relativ schnell durchsetzen werden. „Trotz noch höherer Anschaffungskosten erreichen batterieelektrisch angetriebene Lkw immer schneller den Break-Even, auch vor dem Hintergrund der Mautfreiheit. Und nicht zu vergessen, immer mehr europäische Städte drängen vermehrt auf emissionsfreie Verkehre für die Innenstadt-Belieferung.“