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Interview: "Grenzkontrollen – Das ist für uns eine Katastrophe"

Die neuen Grenzkontrollen sorgen bei Transportunternehmer Günter Bischofberger für sehr viel Mehraufwand
© Foto: Bischofberger

Seit 14. Februar gibt es wieder Grenzkontrollen an der Grenze zu Tirol und Lkw-Fahrer brauchen bei der Einreise einen Negativtest. Die massiven Folgen schildert Günter Bischofberger, Chef des Allgäuer Transportunternehmens Bischofberger, im Interview.


Datum:
25.02.2021
Autor:
Eva Hassa
Lesezeit: 
4 min
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Seit 14. Februar gibt es wegen der Corona-Pandemie bis auf wenige Ausnahmen wieder Grenzkontrollen an der Grenze zum Bundesland Tirol in Österreich. Zudem brauchen Lkw-Fahrer bei ihrer Einreise einen Negativtest. Welche Folgen hat das für Ihr Transportunternehmen?

Diese Entscheidung ist für uns eine Katastrophe. Das ist ein Irrsinn.In regulären Zeiten fahren unsere Lkw von Süddeutschland vor allem Lebensmittel nach ganz Italien bis hin nach Sizilien und Sardinien und zurück nach Deutschland. Wir haben da Direktkunden, fahren aber auch im Auftrag von Speditionen. In der Regel fahren wir über Tirol und den Brenner. 40, 50 Mal die Woche sind wir da unterwegs. Dass es zu diesen Grenzkontrollen kommt, habe ich eher zufällig am Samstag, einen Tag vorher, auf der Internetseite eines Österreichischen Mediums gelesen. Von offizieller Seite bin ich da nicht informiert worden.

Ich habe dann sofort unsere drei Lkw-Fahrer kontaktiert. Die standen gerade auf der italienischen Seite am Brenner und haben dort ihre Wochenendruhezeit gemacht. Eigentlich wollten die dann über den Brenner zu uns zurück ins Allgäu fahren. So aber habe ich sie über Bergamo, Mailand und die Schweiz zurück nach Deutschland geroutet. Das war unser Glück. Denn alle anderen Lkw-Fahrer, die nichts von den Grenzkontrollen in Tirol und dem Coronatest wussten, waren am Montag auf italienischer Seite vor dem Brenner gefangen. Allein der Stau auf der A22 von Modena zum Brenner war über 200 Kilometer lang.  Und zwar auf zwei Spuren.

Warum kam es zu diesen massiven Staus?

Weil die Österreicher von jedem Lkw-Fahrer, der Sonntagnacht, (21. Februar) ab 0 Uhr am Brenner die Grenze nach Tirol passieren wollte, einen gültigen Negativ-Test gefordert haben. Wer keinen Negativ-Test vorweisen konnte, den haben sie zurück nach Italien geschickt.  Das war das Problem. Die meisten sind dann zum Zollhof in Sterzing/Südtirol zum Testen gefahren – da passen normalerweise schätzungsweise 1500 Lkw auf den Parkplatz. Innerhalb von drei Stunden standen da mehr als 2000 Lkw. Da ging nichts mehr – weder rein, noch raus. Ich weiß von einem Lkw eines befreundeten Spediteurs, der hat acht Stunden lang versucht, wieder rauszukommen. 

Warum aber müssen die Lkw-Fahrer, die aus Italien über den Brenner nach Bayern fahren, diesen Coronatest auf italienischer Seite machen, und nicht in Tirol? Tirol ist doch das Risikoland.

Der Hintergrund dafür ist, dass die italienische Autobahnpolizei vom italienischen Ministerium angewiesen wurde, sämtlichen Schwerverkehr Richtung Östereich in Verona umzuleiten. In Verona, etwa 180 Kilometer, vor dem Brenner, hat die Polizei also die Autobahn gesperrt, weil man die Staus vor dem Brenner vermeiden wollte. Die waren da radikal.

Einem Lkw-Fahrer bleiben dann also nur zwei Möglichkeiten: entweder er fährt nach rechts und  kommt dann  über Venedig und  Villach zurück nach München. Oder er fährt links – dann geht der Weg ausschließlich über die Schweiz nach Deutschland zurück. Wie gesagt: die italienische Polizei hat die Lkw gar nicht hoch zum Brenner fahren lassen.  In Österreich hätte man also durchaus den Coronatest machen können, aber die Lkw durften nicht hoch. Unseren Lkw-Fahrern blieb also keine andere Möglichkeit. Sie mussten sich in Italien testen lassen.

Aber immerhin können Ihre Lkw über Mailand und die Schweiz zurück nach Süddeutschland fahren.

Das ist richtig. Aber wer bezahlt uns die Mehrkosten, die uns dadurch entstehen? Eine Tour über die Schweiz ist sehr teuer. Allein die LVSA-Abgabe kostet für einen Euro6-Lkw 225 Euro. Zusätzlich fällt auf der Autobahn von Verona nach Mailand eine Lkw-Maut an. Und wir haben ja alle unsere Lkw, die aus Süditalien von Ancona und Bari kamen, rechts über Venedig rausgezogen und sie umgeleitet über die Tauernbahn Villach, Katschberg, Salzburg, München zurück zu uns ins Allgäu. Das sind 300 Kilometer Umweg.

Gar nicht zu reden von den zeitlichen Problemen, die wir durch die Umwegkilometer und die sonstigen Behinderungen  haben. Ein Lkw-Fahrer hat nun einmal 45 Stunden Arbeitszeit und muss sich an Lenk- und Ruhezeiten halten. Statt zwei Touren schaffen wir jetzt nur noch eine Tour, weil wir nicht mehr am Brenner unsere Lkw umsatteln können. Wir haben dadurch riesige Umsatzeinbußen. Ich bin jetzt seit 32 Jahren im Transportgeschäft tätig. Aber ich weiß nicht mehr, wie ich unsere Lkw noch jonglieren kann. Menschen, die nichts mit der Logistik zu tun haben, wissen gar nicht, welches Chaos die Politik da anrichtet.

Wie reagieren Ihre Kunden auf diese Misere?

Manche sind sehr nervös, einige reagieren unverschämt, manche auch mit Verständnis. Aber unsere Mehrkosten, die wir haben, bezahlt uns keiner.

Hat sich denn mittlerweile, heute ist 25. Februar 2021, die Situation entstpannt?

Nicht wesentlich. Am Brenner hat es zum Beispiel wieder geklemmt – mit entsprechenden Staus Richtung Österreich. Erschwerend kommt hinzu, dass die Coronatests am Zollhof in Sterzing mittlerweile nicht mehr staatlich organisiert sind. Das wurde jetzt an private Dienstleister vergeben. Vorher waren die Coronatests für uns kostenlos, jetzt bezahlen wir inklusive des Lkw-Parkplatzes pro Lkw und Fahrer pro Covid19-Test zwischen 30 und 50 Euro. Auch das sind Kosten, die wir als Unternehmer selbst bezahlen.

Was wäre denn, wenn einer Ihrer Lkw-Fahrer jetzt positiv auf Corona getestet wird? Muss der dann in seinem Lkw bleiben, oder gibt es da an der Grenze Unterkunfts-Möglichkeiten.

Diese Frage liegt mir so sehr am Herzen. Unsere Lkw-Fahrer sind für uns doch so wichtig. Die hüten wir wie unseren Augapfel. Doch eben auf diese Frage habe ich bislang von keiner Stelle, die ich befragt habe, Antwort erhalten. Ich fürchte, dass ein positiv-getesteter Lkw-Fahrer tatsächlich rausgezogen wird in seinem Lkw auf dem Parkplatz bleiben muss.

Was wünschen Sie sich von der Politik, um eine solche Misere wie wir sie aktuell an den Grenzen haben, zu vermeiden?

Das Einfachste wäre gewesen, wenn die Politik alle Spediteure, die an der Grenze am Brenner dazu angehalten hätte, mit ihren Lkw komplett durch Tirol bis an die Bayerische Grenze zu fahren – ohne einen Stopp – weder zum Tanken, Toilettenpause etc. Vom Brenner nach Kufstein sind das zwei Stunden Fahrt. Sind die Fahrer und das Fahrzeug entsprechend darauf vorbereitet, funktioniert das auch. Das wäre das billigste und das einfachste gewesen, und wir hätten keine Staus und keinen Stress gehabt. Doch mit uns Transporteuren spricht die Politik halt nicht. (eh)

Das Interview führte Eva Hassa, Redakteurin des TRUCKER-Schwestermagazins VerkehrsRundschau (Stand 25. Februar 2021)

 

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