Reportage: Der Mega-Eventfahrer

Seit 2013 ist Sven bei Dammann – davor war er bereits seit 20 Jahren Fahrer, unter anderem im Trailerverkehr
© Foto: John Aukenthaler/TRUCKER

50 Kilometer, zwölf Stunden und über 1000 Teilnehmer: Für den „Megamarsch“ bei Erfurt machte Sven Heller die Logistik. TRUCKER hat ihn bei seiner Arbeit begleitet.


Datum:
28.02.2020
Autor:
John Aukenthaler
Lesezeit: 
6 min

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Für Sven Heller ist heute Wettkampftag. Bereits um vier Uhr in der Früh steht sein Volvo FH 500 an der Startlinie des „Megamarsches“ bei Erfurt – ein sportliches Event, bei dem rund Tausend Teilnehmer innerhalb von zwölf Stunden 50 Kilometer wandern. Pro Jahr gibt es 18 solcher Megamärsche (siehe Box nächste Seite).

Los geht es zwar erst in zwei Stunden, Sven spielt mit seinem Lkw aber eine besondere Rolle. Die Firma Dammann Absperrung-Transport-Logistik, für die er arbeitet, kümmert sich um die Logistik und beliefert die Verpflegungsstationen – etwa mit Biertischen sowie Paletten mit Essen und Trinken. Insgesamt vier solcher Stationen, an denen die Teilnehmer Energie auftanken können, gibt es diesmal.


Der Mega-Eventfahrer

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Kurz nach dem Startschuss seiner Tour heißt es für Sven bereits wieder anhalten: Die Straße ist zu eng. Oft führen die Gewaltmärsche entlang „grüner“ kleinerer Wanderwege rund um große Städte. Schnell steht für ihn fest: „Hier komme ich mit meiner Kiste nicht vorbei, der blaue Pkw muss weg.“

Der Fahrer des 40-Tonners greift zum Telefon und wählt die Nummer der Erfurter Polizei. Dann heißt es: warten und hoffen, dass der Besitzer sich meldet. „Da gehe ich kein Risiko mehr ein“, sagt der 48-Jährige, der schon öfter mit schwierigen Verkehrssituationen zu kämpfen hatte. Das Warten vertreibt er sich in seiner Kabine mit heißem Kaffee. „Das ist einfach ein kurzzeitiger Stressfaktor, daraus darfst du dir aber nichts machen“, rät er. Seine Ruhe zahlt sich aus: 30 Minuten später ist der Fahrzeughalter da. Jetzt kann es losgehen.

Schwierig: Das Gras ist nass und rutschig – sicher runter muss die Ladung trotzdem
© Foto: John Aukenthaler/TRUCKER

Meistens sitzt Sven im Büro, fährt aber trotzdem Touren

Seit 2013 ist Sven bei Dammann. Davor war er bereits seit 20 Jahren Fahrer, unter anderem im Trailerverkehr. Auf das Unternehmen stieß er durch sein Interesse für die Eventlogistik – ein Teilservice der Firma, die mit Dienstleistungen rund um das Thema Absperrungen groß geworden ist. Die meiste Zeit sitzt Sven als Disponent im Büro in Buxtehude, er greift aber immer mal wieder zum Steuer. „Mein Chef lässt mir mehr oder weniger freie Hand“, erzählt er zufrieden, während sein Lkw über eine Thüringer Landstraße rollt.

Station eins und zwei des Marschs erreicht Sven problemlos, er gewinnt Boden. Immer dabei ist auch ein Kollege, diesmal Markus, mit einem Sprinter. Damit wird unter anderem die Straße erkundet, was sich auszahlt: Bei der dritten Station ist erstmal unklar, wie Sven mit seinem Truck am besten fährt, ohne in einer Sackgasse zu landen. „Da fährt man teilweise wie bei Oma durchs Wohngebiet“, beschreibt er die Streckenverhältnisse. Kurze Zeit später Entwarnung: Eine geeignete Route ist gefunden und sein Lkw erreicht Station drei, die bei einem Hotel im Wald liegt.

Die beiden Männer entladen hier, wie schon bei den vorherigen Stationen, mit einem Mitnahmestapler, den Schein dafür hat Sven nämlich auch. Mitten in den Aufbauarbeiten tauchen zwei vereinzelte Läufer auf, die den Marsch eher als Marathon sehen. „Da kann praktisch jeder mitmachen“, erklärt Sven, dessen Sohn auch schon bei einem Megamarsch dabei war.

An ein Ereignis erinnert sich Sven besonders: „Einmal war einer so motiviert, der hat sogar mit Herzschrittmacher teilgenommen“, erzählt er, während er sein Fahrzeug wieder abfahrbereit macht. „Auf der Strecke ist er dann zusammengebrochen.“ Zum Glück ging am Ende alles gut und der Teilnehmer schaffte es ins Ziel.

Vom gelernten Tischler zum routinierten Lkw-Fahrer

Sven setzt zum Endspurt an. Auf der Fahrt zur letzten Station erzählt er, warum er so gerne Lkw fährt. Er war als kleiner Junge regelmäßig bei einem Bekannten auf Touren nach Italien dabei. Gelernt hat er mit der Ausbildung zum Tischler dennoch erst einen anderen Beruf. „Als ich den Gesellenbrief in der Tasche hatte, wollte ich dann doch lieber Lkw fahren“, erzählt er.

Auch der Stapler arbeitet hart: Hier fährt Sven mit Getränkekisten die letzten Meter zu einer Verpflegungsstation
© Foto: John Aukenthaler/TRUCKER

Großveranstaltungen wie der Megamarsch bringen ihn auch heute noch dazu, wieder auf Achse zu gehen. „Bei diesen Fahrten in der Eventlogistik musst du dich immer auf Neues einstellen, weil du nie weißt, was kommt“, berichtet er. Allerdings schätzt er auch seinen Schreibtischjob. „Wenn du 20 Jahre fährst, dann bist du immer weg von der Familie“, sagt Sven.

Im kleinen Ort Eichelborn, südöstlich von Erfurt, heißt es inzwischen durchatmen: Die letzte Station ist erreicht. Seine wichtigste Aufgabe beim Megamarsch hat Sven damit erfüllt und alle Stationen rechtzeitig beliefert. Viel Zeit zum Verschnaufen bleibt ihm und seinem Lkw aber nicht. Während die Teilnehmer weiter in Richtung Ziel marschieren, geht es für Sven zurück zur ersten Station. Hier muss er das, was übrig geblieben ist, wieder aufladen. Erst dann darf auch er wohlverdient über die Ziellinie fahren.


Megamarsch – die Story in kurz

Ein Megamarsch ist eine sportliche Veranstaltung, bei der die Teilnehmer versuchen, zu Fuß innerhalb einer vorgegebenen Zeit eine bestimmte Distanz zu meistern. Dabei gibt es zwei Kategorien: 50 Kilometer und 100 Kilometer. Mitmachen kann jeder, der die körperliche und mentale Herausforderung sucht. Entstanden ist das Konzept 2016, während sich zwei Freunde bei einem Bier über sportliche Veranstaltungen unterhielten. Das erste Event, in der Nähe von Köln, war mit 200 Teilnehmern noch vergleichsweise klein. Heute nehmen mehrere Tausend Menschen an den Wanderungen teil, die bei Berlin, Hamburg, Erfurt und vielen weiteren Städten regelmäßig stattfinden. Immer im Fokus steht dabei die sportliche Herausforderung und das Ziel, an seine persönlichen Grenzen zu gehen. Weitere Informationen auf: www.megamarsch.de



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KOMMENTARE


Steffi

02.03.2020 - 11:21 Uhr

Ein klasse Bericht über die Logistik eines Mega-Events. :) Toll wiedergegeben.


Nela

02.03.2020 - 12:06 Uhr

Tolle Arbeit. Ich bin immer sehr froh über die vielen leckeren Sachen an den Ständen und die Möglichkeit, sich mal kurz zu setzen. Vielen Dank für deinen Einsatz. Schöner Artikel.


Stephan

02.03.2020 - 16:53 Uhr

Wir haben bislang an 5 Megamärschen teilgenommen. Über die körperliche und mentale Anstrengung übersieht man leicht die vielen helfenden Hände im Hintergrund, die zum Gelingen einer solchen Veranstaltung nötig sind: Voluntäre, Sanis und eben auch die Just-In-Time Logistik für Start, Ziel und die Versorgungspunkte auf der Strecke. Daher ein riesengroßes Dankeschön an alle freundlichen "Heinzelmännchen", die zwar nicht im Rampenlicht stehen, ohne die aber schlicht gar nix ginge.


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