Reportage: Fahrer unter Strom

„Zero Emission“ einst und jetzt: Stiegl liefert mit zwei Kutschen und einem E-Truck sein Bier aus
© Foto: MAN

Anfang 2019 startete der Praxistest der ­Entwicklungspartnerschaft von MAN und CNL ­(Council für nach­haltige Logistik) mit acht ­E-Lkw. Der TRUCKER ­berichtet exklusiv über erste Erfahrungen der beteiligten Fahrer.


Datum:
14.02.2020
Autor:
Gerhard Grünig
Lesezeit: 
7 min

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Seit Anfang 2019 läuft in Österreich ein Feldversuch mit den „eTrucks“ von MAN bei Großunternehmen des CNL. Der TRUCKER hat sich bei den Lkw-Fahrern umgehört, die mit diesen TGM 6x2 und der TGS 4x2-Sattelzugmaschine unterwegs sind.

Magna Steyr

Automobilzulieferer Magna Steyr setzt in der Werkslogistik auf Elektromobilität. Der E-Truck von MAN, die einzige Sattelzugmaschine im Feldtest, ist für den Materialnachschub zuständig. Dazu pendelt sie drei Kilometer zwischen Werk und Lager hin und her.

Alfons Dachs-Wiesinger, Director Logistics Services, betrachtet das als idealen Einsatz für einen vollelektrischen Lkw. Seit Beginn des Feldversuchs hat der E-Lkw rund 10.000 Kilometer zurückgelegt und spielt seine Vorteile auf der Kurzstrecke mit geringer Geschwindigkeit und häufigem Stop-and-Go aus. Dabei braucht er rund 1,5 kWh/km.

„Nach einer kurzen Eingewöhnungsphase ist er in der Anwendung unkompliziert,  der Schulungsbedarf ist gering. Und er ist zuverlässig“, beschreibt Fahrer Aleksander Kristof den Lkw. „Er fährt sich angenehm und hat eine wirklich gute Beschleunigung. Das gefällt mir besser als ein Diesel. Ansonsten läuft er problemlos, und ihn ans Ladegerät zu hängen, ist kein großer Aufwand.“

Quehenberger

Quehenberger beliefert europaweit Shops in Ballungszen­tren. Die Zukunft der Citylogistik sieht CEO Christian Fürstaller in der Elektromobilität. Der MAN TGM 26.360 E hat ein BDF-Fahrgestell mit Unterfalt-Hebebühne. Bei Bernd Stangl ist der Lkw in erfahrenen Händen, er ist seit über 20 Jahren Berufskraftfahrer.

„Etwas Neues auszuprobieren, ist doch interessant! Außerdem finde ich es spannend, mit meinem auch mal kritischen Feedback zur Weiterentwicklung dieser Fahrzeuge beitragen zu können“, erklärt der 50-Jährige. Vor dem E-TGM fuhr Bernd Stangl einen herkömmlichen MAN und kann gut vergleichen. Positiv bislang: der enorme Vortrieb. Der 26-Tonner ist in der Regel voll, erreicht aber nicht sein zulässiges Gesamtgewicht. „Da kommt man sehr ordentlich vom Fleck“, erzählt Bernd und grinst. Mit der Reichweite von 180 Kilometern hat er keine Probleme, obwohl er viele Ladestellen anfährt und an fast jeder die elektrisch betriebene Hebebühne benutzt. „Anfangs planten wir die Touren vorsichtig. Jeden Tag ein Kunde mehr ... Für unseren Einsatzzweck passt der Lkw.“

Bernd wird laufend angesprochen. „Die Leute sind wirklich neugierig.“ Demnächst werden sich noch weitere Kollegen löchern lassen müssen – Quehenberger übernimmt drei weitere MAN TGE-Elektrotrucks.

Arnold Tokacs von Metro bedient mit dem elektrisch angetriebenen MAN den Wiener Innenstadtbereich
© Foto: MAN

Metro

Metro Österreich testet seinen TGM 26.360 E mit Kühlkofferaufbau und Ladebordwand im Großraum Wien im Zustellgroßhandel. Der E-Lkw beliefert bis zu 15 Groß­kunden. Er spart gegenüber einem konventionellen Lkw rund 40 Tonnen CO2 pro Jahr ein. Laufleistung bisher: 12.000 Kilometer ohne größere Probleme. Pro Tag ist er etwa 80 Kilometer unterwegs. Geladen wird nachts an einer eigenen 43-kW-Ladestation. Fahrer Arnold Tokacs gefällt das mühelose Anfahren, die deutliche Beschleunigung und das geschmeidige Bremsen „ohne Ruckeln und Schütteln ... Alles was man hört, ist die Transportkühlung, kaum lauter als ein Staubsauger!“

Rewe

Rewe liefert Frischwaren vom Kühllager zu Verbrauchermärkten in die City. In der Spätschicht zwischen 15 und 24 Uhr ist Istvan Nemeth mit dem E-TGM auf zwei bis drei Touren unterwegs. Der 53-Jährige arbeitet seit 23 Jahren als Lkw-Fahrer bei Rewe, doch ein so außergewöhnliches Arbeitsgerät ist ihm bislang nicht begegnet. „Der reagiert sofort auf jede kleinste Bewegung am Pedal. Die erste Runde damit war unglaublich. Ich hatte einfach nur ein Grinsen im Gesicht – und hab es noch!“, fasst er seine Eindrücke zusammen.

Dennoch hat der gelernte Automechaniker auch ein paar Macken seines Prototypen kennengelernt ... „Nicht so toll, aber ich denke, es ist gut, wenn Schwachstellen sich jetzt zeigen.“ Probleme mit der Reichweite hatte aber noch keiner der Fahrer, berichtet Istvan. „Gestern hatte ich knapp 100 Kilometer, immer Hebebühneneinsatz, viel Kühlleistung und trotzdem noch gute 40 Prozent des Akkus übrig. Mit dem E-Lkw möglichst wirtschaftlich zu fahren, ist außerdem ein besonderer Ansporn für mich, denn hier hast du das ja sofort digital vor Augen.“ Wenn er den Truck zum Schichtende an die 150-kW-Hochleistungsladesäule gehängt hat, trägt er alle Daten penibel in eine Tabelle ein.

Die Notizen seines Kollegen sind das Erste, was Boban Stevanovic liest, nachdem er den Ladevorgang der Lkw-Akkus überprüft hat. Er startet als Nächster zur Frühschicht. „Wir tauschen uns intensiv über unseren E-Lkw aus“, erklärt Boban. „Er ist schließlich unser Baby. Klingt ein bisschen verrückt, ist aber so.“ Sein Sohn, erzählt er, besuche die Höhere Technische Lehranstalt, „und seine Klassenkameraden haben mich gelöchert mit Fragen, als sie mitbekommen haben, dass ich einen E-Lkw fahre.“ Boban fällt ein positives Urteil: „Er ist komfortabel, geht richtig gut vom Fleck und schont die Umwelt.“ Die Fahrer haben inzwischen über 20.000 Testkilometer gesammelt und sind angetan. In der High-Power-Charging-Station wird der TGM E in 45 Minuten voll aufgeladen.

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